Interview

"Gegen Handypolizei-Mentalität"

Cornelia Holsten steht seit 2009 an der Spitze der Bremischen Landesmedienanstalt. Ihre Meinung zum Handyverbot an Schulen.
09.09.2018, 06:15
Lesedauer: 2 Min
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Von Elke Hoesmann
Frau Holsten, die Bremische Landesmedienanstalt hat das Pilotprojekt zur Handynutzung an der Oberschule Findorff begleitet. Sie äußerten sich seinerzeit begeistert über den Erfolg des Projekts. Sind Sie von der Wende jetzt enttäuscht?

Cornelia Holsten: Nein. Die Regeln wurden verschärft, aber das Projekt ist nicht gestoppt. Es bleibt ein Erfolg, denn die Schüler haben ihr Nutzungsverhalten gründlich reflektiert und gemeinsam Regeln ausgearbeitet. So wurden neben dem Handy-Bereich auf dem Pausenhof auch smartphonefreie Zonen wie die Mensa festgelegt. Dass nun ausgerechnet die Neuntklässler für eine Änderung der Regeln gestimmt haben, finde ich interessant. Das ist einerseits Demokratie, aber vielleicht auch ein bisschen die Weisheit der Pubertät.

Keine Rolle rückwärts?

Die Neuntklässler hatten mit ihrem Vorschlag nur eine knappe Mehrheit, nächstes Mal kann dies wieder anders aussehen. Der Beschluss ist befristet, das ist ein dynamischer Prozess an der Schule. Für das Pilotprojekt hat die Landesmedienanstalt gemeinsam mit dem Servicebureau Jugendinformation den Dieter-Baacke-Preis bekommen, mit dem Preisgeld wollen wir weitere pädagogische Programme zur Smartphone-Nutzung an anderen Bremer Schulen unterstützen.

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Sie halten Handyverbote an Schulen für überflüssig?

Handys gehören zur Realität, die in der Schule nicht ausgeblendet werden darf. Wir verbieten ja auch keine Fahrräder, um den Kindern verkehrssicheres Verhalten beizubringen. Pauschale Verbote einschließlich Einsammeln der Geräte sind nicht mehr zeitgemäß. Eine Handypolizei-Mentalität nützt niemandem. Das hat keinen pädagogischen Wert, stattdessen müssten Schulen deutlich mehr Medienkompetenz vermitteln.

Die Niedersächsische Landesmedienanstalt hat eine andere Meinung zur Handy-Freigabe. Ihr Direktor Andreas Fischer plädiert für ein striktes Smartphoneverbot an Schulen nach französischem Vorbild. Er sagt, zur Medienkompetenz gehöre auch, nicht immer online zu sein. Was ist dagegen einzuwenden?

Medienkompetenz bedeutet auch, mal offline zu sein, das ist schon richtig. Hier geht es um etwas anderes: Mit dem Ruf nach einem strikten Handyverbot werden nach meiner Überzeugung eher Vorurteile bedient, wonach Schüler mit ihren Geräten ununterbrochen unter dem Tisch daddeln. Angeblich würden alle nur Youtube schauen oder auf Whatsapp chatten, wenn Handys in der Schule erlaubt sind. Aber das ist ja gerade nicht eingetreten in Findorff. Die Schüler sind sehr verantwortungsvoll mit der begrenzten Freigabe umgegangen.

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Wie sieht es denn generell aus mit der Medienkompetenz der Bremer Schüler? Sind ihre Lehrer fit genug, diese im Unterricht zu vermitteln?

Das hängt sehr vom persönlichen Verhältnis des Lehrers zu neuen Medien ab – und seiner Neugier auf die Welt der Jugendlichen. In den vergangenen Jahren ist die Situation schon besser geworden. Viele Bremer Schulen haben das Thema auf dem Schirm, doch das ist noch lange nicht genug. Sagen wir es so: Vielen Lehrern ist klar, dass der Umgang mit Medien ein wichtiger, fächerübergreifender Unterrichtsbestandteil sein muss, aber eben nicht allen. Medienkompetenzvermittlung an Schulen ist trotz ihrer steigenden Relevanz leider nach wie vor keine Selbstverständlichkeit.

Das Gespräch führte Elke Hoesmann.

Info

Zur Person

Cornelia Holsten steht seit 2009 an der Spitze der Bremischen Landesmedienanstalt. Seit 2018 ist die Juristin (48) auch Vorsitzende der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten.

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