30 Jahre als Geschäftsführer

Kultur ist für ihn ein Lebensmittel

Horst Baraczewski ist nicht nur ein homme de lettres, ein Schöngeist, sondern auch ein kritischer Geist. Nach 30 Jahren als Geschäftsführer der Buchhandlung „Geist“ geht er nun in Pension.
11.01.2021, 05:00
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Kultur ist für ihn ein Lebensmittel
Von Sigrid Schuer

Noch vor 20 Jahren, erinnert sich Horst Baraczewski, habe sich an dem bloßen Fakt, dass ein Buchhändler unter den Gästen einer Party war, eine intensive Diskussion über aktuelle Literatur und über das Lesen im Allgemeinen entsponnen. Das sei jedoch mittlerweile Geschichte, erzählt der langjährige Geschäftsführer der Buchhandlung „Geist“. Am Silvestertag 2020 ist er nach 30 Jahren in Pension gegangen, wird sich aber nach Ende der Corona-Beschränkungen in den Räumen an der Balgebrückstraße noch persönlich von seiner treuen Kundschaft verabschieden.

Auch wenn das Lesen und die Literaturkenntnis kaum noch Thema bei gesellschaftlichen Zusammenkünften aller Art sind, zog jüngst der Börsenverein des Deutschen Buchhandels eine vorsichtig optimistische Bilanz des Corona-Jahres 2020. Ergebnis: Die Menschen griffen wieder mehr zum Buch, wenn es auch oft Bücher seien, die sich mit Kochen, Wandern oder Radfahren beschäftigten.

„Ganz klar, die Leute haben mehr Zeit“, erklärt sich Barazcewski den Boom bei Kochbüchern. Nun hat „seine“ Buchhandlung allerdings nichts davon im Angebot. Im März fusionierte „Geist“ mit der auf Fachliteratur und Juristerei spezialisierten Buchhandlung „Kamloth“, die ihren Sitz am Beginn der Kultur-, aber auch der Gerichtsmeile hatte.

Zwölf Jahre zuvor hatte Baraczewski „Geist“ – 1829 von Arthur Geist gegründet, und von jeher zu den führenden Sprach- und Schulbuchhandlungen Deutschlands zählend – an die Schweitzer Fachinformationen, den Marktführer in Sachen juristischer Fachliteratur verkauft. Auch diese Branche sei stark von der Digitalisierung erfasst worden, auch wenn der legendäre Jura-Wälzer Schönfelder immer noch verkauft werde, Tendenz sinkend, berichtet der Buchhändler.

„Das hat für uns manchen Vorteil mit sich gebracht, wir sind in den Genuss einer Super-EDV und auch anderer technischer Möglichkeiten gekommen. Hinzu kommt das bundesweite Netzwerk, mit dem wir durch die Schweitzer Fachinformationen nun auch verbunden sind“, resümiert er. Diese fachliche Expertise werde ergänzt durch die Büchergilde-Fraktion und die Religionsabteilung. Dieser Mix aus Speziellem helfe, den Stürmen der Zeit zu trotzen.

„Vor rund zehn Jahren sind wir vom Wall weg in die Balgebrückstraße gezogen“, blickt er zurück. Schon damals habe sich die nicht unproblematische Entwicklung an der früheren, prestigeträchtigen Renommier-Flanier-Meile am Wall abzuzeichnen begonnen: „Sie ist dann in einen Dornröschenschlaf gefallen“. Mit dem Wechsel ist Baraczewski rückblickend fast rundum zufrieden: „Die Lage am Verkehrsknotenpunkt Domsheide ist ideal, mit viel Laufkundschaft, dem Schnoor und der Schule St. Johann im Rücken, dazu noch mit einer guten Verbindung zur Neustadt über den öffentlichen Nahverkehr“. Angesprochen auf den geplanten Umbau der Domsheide gibt es dann aber doch einen Wermutstropfen.

Erstens dauere das alles viel zu lange, kritisiert der Buchhändler die Innenstadt-Strategie der Bremer Verantwortlichen und bezeichnet sie als „fantasielos und völlig ohne Utopie“. Schon lange ist ihm das klobige Parkhaus gegenüber ein Dorn im Auge. Für die ankommenden Touristen-Busse sei dieser Anblick mehr als gewöhnungsbedürftig, befindet er und plädiert für Abriss. Städte wie etwa Rotterdam würden es vormachen, wie sich die City auch ohne riesigen Geldaufwand umgestalten ließe. Anfang der 1990er-Jahre zog es den gebürtigen Kölner Baraczewski in den hohen Norden. Seine spätere Frau, die Bremerin Birte, lernte er einst im Schiller-Museum in Marbach kennen. Die Buchhandlung „Geist“ stand zum Verkauf, das passte für beide. Für das Traditionsunternehmen war er zuvor im Großbuchhandel als Kundenbetreuer tätig gewesen.

Die Baraczewskis haben zudem ein Faible für das Schöngeistige. „Kultur rettet Leben“, davon ist er überzeugt. Kultur ist für ihn ein Lebensmittel. Eines der besten Beispiele: Beatles-Fan Baraczewski spielt als Gitarrist in einer Band. Die Mitglieder sind zwischen 50 und 80 Jahren alt. Kultur sorge durch die Impulse, die sie gebe, auch für einen gesunden Geist, für Debattierfreudigkeit und sie entfache die Neugier auf‘s Leben immer wieder neu, sagt er. Die live geführte Debattenkultur und die daraus entstehenden Denkanstöße seien im mittlerweile zweiten Lockdown auch und gerade für die geschlossenen Kulturinstitutionen ein schmerzlicher Verlust, bei allem Verständnis für die Maßnahmen, sagt Baraczewski. Von den finanziellen Verlusten gar nicht zu reden.

Das gelte natürlich auch für die Buch-Branche. Lesereisen seien für Autoren von großer Bedeutung, zentrale Einnahmequellen. Baraczewski macht eine plausible Rechnung auf: In vielen Verlagen sei es Usus, dass pro verkauftem Buch-Exemplar zehn Prozent an den Schriftsteller flössen. Das seien zwei Euro bei einem Verkaufspreis von 20 Euro. Bei geschätzten 3000 verkauften Exemplaren bedeute das hochgerechnet ein Honorar von 6000 Euro für drei Monate Arbeit, wenn das überhaupt ausreiche. „Insofern waren wir wirklich dankbar, dass Literaturstiftungen den Sommer über mit Lesungsfonds aktiv auf die Buchhandlungen zugegangen sind. Mit dem Geld konnten wir unter Einhaltung der strengen Corona-Richtlinien wieder Lesungen veranstalten und pro Einzel-Lesung 600 Euro und pro Doppel-Lesung 800 Euro bezahlen“, erzählt er. Bei „Geist“ waren die Karikaturistin Bettina Bexte und das Autoren-Ehepaar Alberts zu Gast.

Nach seinen literarischen Vorlieben befragt, zögert der passionierte Buchliebhaber keine Sekunde. „Annette, ein Heldinnen-Epos“ von Anne Weber ist für ihn das Buch des Jahres 2020. Nicht umsonst sei sie dafür mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet worden. Die Autorin sei bereits mehrere Male in Bremen zu Gast gewesen und er habe sich gefreut, sie persönlich kennenzulernen, sagt Baraczewski. Bereits drei Mal habe er das Heldinnen-Epos mit seiner hohen stilistischen Qualität und seinem literarischen Reichtum als Hörbuch genossen. „Es ist schon toll, wie dieses Epos groovt.“

Und William Shakespeare ist für Baraczewski so etwas wie eine Evergreen-Liebe. „Ich kann ihn immer wieder mit viel Freude, auch in zweisprachigen Ausgaben lesen, seine Werke sind gedankenvoll, lustig, ja auch hinterhältig“, fügt er hinzu. Und: Der Shakespeare-Kosmos habe auch eine moralische Qualität, er eröffne immer wieder den Blick auf den Menschen. „Wie viele vermisse ich es sehr, seit fast einem Jahr nicht mehr in der Bremer Shakespeare Company gewesen zu sein.“ Theater sei wie Oper oder Konzert eben ein Gemeinschaftserlebnis, bei dem der Funke überspringe und das durch Streaming nicht zu ersetzen sei.

Als großer Verehrer der Company rief er 2008 deren Freundeskreis ins Leben, dessen Vorsitzender er ist. Mit dessen Unterstützung kann das Theater am Leibnizplatz manche besondere Inszenierung realisieren. Während der Corona-Krise haben sich die 250 Mitglieder (Familienmitgliedschaften nicht mitgerechnet) besonders ins Zeug gelegt. Da sie ihr Theater und ihren Lieblingsautoren so vermissen, haben sie den Gegenwert der nicht gelösten Theatertickets gesammelt, um ein Zeichen der Solidarität zu setzen. Auf diese Weise sind bisher 35 000 Euro zusammengekommen, die die Company an ihre freischaffenden Kollegen weitergeleitet hat. Kultur sei wichtig, sie sei kein Beiwerk, sie müsse immer wieder die Kraft haben, die Verhältnisse infrage zu stellen und immer wieder ihre utopische Strahlkraft entfalten, betont Baraczewski.

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