Wiedersehen nach Wochen der Kontaktsperre

Das Ende der Isolation in Bremer Pflege- und Wohnheimen

Viele Heimbewohner haben ihre Angehörigen seit Monaten nicht gesehen. Die Corona-Beschränkungen haben im schlimmsten Fall zu Entfremdung geführt. Jetzt sind tägliche Besuche wieder möglich.
19.06.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Das Ende der Isolation in Bremer Pflege- und Wohnheimen
Von Justus Randt
Das Ende der Isolation in Bremer Pflege- und Wohnheimen

Erster Besuch nach drei Monaten. Dank gelockerter Besuchsregeln empfängt Ellinor Krohn (97) ihre Nichte Bärbel Thierkopf wieder.

Bärbel Thierkopf /Privat

Nach Monaten der Kontaktbeschränkungen, die für viele Heimbewohnerinnen und Heimbewohner Isolation bedeutet haben, geht es nun aufwärts – dank der mittlerweile achten Corona-Verordnung. Seit Mittwoch, so hatte der Senat am Tag zuvor beschlossen, gelten deutliche Lockerungen der bislang äußerst restriktiven Besuchsregeln.

„Wir begrüßen eine angemessene Lockerung, weil das natürlich, auch für die Angehörigen, eine Erleichterung ist“, sagt Michael Breidbach, Pressesprecher der Seniorenvertretung Bremen. „Die Gefahr einer Infektion ist groß, aber auch die, dass Menschen völlig vereinsamen, was ja ebenfalls die Gesundheit beeinträchtigen kann.“

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Ellinor Krohn kann dem aus vollem Herzen beipflichten: „Wenn man ein Vierteljahr allein in seinem Appartement sitzt, dann geht es einem nicht gut, dann fällt man in ein tiefes Loch“, sagt die 97-Jährige, die in der DKV-Residenz Am Wandrahm wohnt. „Weil sich überhaupt nichts bewegt hat, habe ich mich schließlich in meiner Verzweiflung an Frau Grönert gewandt.“ Die Bürgerschaftsabgeordnete Sigrid Grönert (CDU) hatte im Mai die ­Sicherheitsanforderungen des rot-grün-roten Senats als „so im Alltag nicht umzusetzen“ ­kritisiert.

Nun hat der Senat vergleichsweise weit gehende Lockerungen beschlossen. Ellinor Krohn konnte gleich am Mittwoch ihre Nichte in Empfang nehmen: „Sie ist ein Vierteljahr nicht dagewesen, ich war verloren. Jetzt haben wir ein bisschen Luft.“ Bärbel Thierkopf, kommt eigens aus Hannover, um ihre Tante zu sehen. Für 45 Minuten pro Woche war ihr die Fahrt von insgesamt 250 Kilometern zu anstrengend. „Ich bin auch über 70“, sagt sie. „Außerdem hätten wir uns außerhalb des Appartements treffen müssen, das konnte ich meiner Tante nicht zumuten.“

Mehr Privatsphäre

Das hat sich geändert. Besuche dürfen jetzt zwei Stunden dauern, täglich. Die Besuchsperson kann wöchentlich wechseln, Bewohner können Gäste wieder in ihrem Zimmer empfangen, sofern das Konzept des Hauses darauf ausgerichtet ist. Und jetzt können Besucher und Gastgeber auch wieder zusammen essen. Die vorherige Corona-Verordnung hatte unter anderem in diesem Detail zu Missverständnissen geführt, die Bewohner und ihre Gäste um ihre Privatsphäre brachten und für das Pflegepersonal erheblichen Mehraufwand bedeuteten: Besuche wurden mitunter von Anfang bis Ende begleitet und häufig auch schon recht bald beendet – weil das Personal an seine Grenzen geriet. Dieser Aufwand sei unnötig und so nicht vorgesehen gewesen, stellte das Sozialressort noch vergangene Woche fest.

Aber auch so haben die Beschäftigten in den Heimen alle Hände voll zu tun, Besucher zu ihren Angehörigen oder Freunden zu geleiten, sie namentlich zu erfassen und sie mit den Hygieneanforderungen vertraut zu machen. Jetzt, mit der gelockerten Besuchsregelung, noch viel häufiger. Im Land Bremen gibt es nach Angaben der Sozialbehörde allein 101 Einrichtungen der Altenpflege mit insgesamt 7850 Plätzen. 5000 davon bei gemeinnützigen Trägern. Hinzu kommen Einrichtungen für Behinderte. Die Bremer Heimstiftung als größter Altenhilfeträger beherbergt rund 3000 ältere Menschen an circa 30 Standorten mit 2500 Beschäftigten.

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Alexander Künzel, Seniorvorstand der Heimstiftung, sieht die Lockerung der Besuchsregel „sehr positiv, wir hatten ja für eine Liberalisierung mit Augenmaß plädiert“. Nun hoffe man darauf, dass die Angehörigen kooperativ sind, was das Erstellen der Besuchernamenslisten und die Einhaltung der Hygieneregeln betrifft. „Zusammengefasst kann man sagen, wir gehen mit Augenmaß da ran und mit hoher Sympathie für die individuellen Rechte von Bewohnern und Angehörigen.“

Ein eher überschaubarer Fortschritt

Reinhard Leopold von der Bremer Interessenvertretung Heim-Mitwirkung, der zugleich Regionalbeauftragter der Bundesinteressenvertretung für alte und pflegebetroffene Menschen (Biva) ist, hält die Lockerungen für einen eher überschaubaren Fortschritt. „Für kognitiv eingeschränkte Menschen, also Demenzkranke oder geistig Behinderte, reicht das nicht.“ Der wöchentliche Wechsel der Besuchsperson bedeute ein zu langes Intervall. „Mir wird berichtet, dass an Demenz Erkrankte ihre Angehörigen nach ein paar Wochen, manchmal aber auch schon nach ein paar Tagen, nicht wiedererkennen.“

Aus Leopolds Sicht sind die neuen Regeln nicht ausreichend. Außerdem seien die in ­Juristendeutsch abgefassten Verordnungstexte nicht für jede und jeden verständlich. Die schnelle Abfolge, in der die inzwischen acht Corona-Verordnungen erschienen sind, machten ihren Inhalt auch „nicht nachvollziehbarer.“ An Seh- und Hörgeschädigte werde offenbar gar nicht gedacht: „Sie haben oft Probleme, Menschen wiederzuerkennen und zu verstehen – wegen der Maske.“ Und sind wie Hörgeschädigte, die auf das Mundbild an­gewiesen sind, dann auch in Gesellschaft ­isoliert.

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