Interview über Generation Z „Nicht nur eine Klimageneration“

Zur Bürgerschaftswahl interviewte der 15-jährige Leonard Geßner Bremer Politiker. Jetzt hat der 15-Jährige ein Buch über Politik und über seine Generation geschrieben
03.06.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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„Nicht nur eine Klimageneration“
Von Patricia Friedek
Herr Geßner, Sie sind 15 Jahre alt und veröffentlichen bald Ihr erstes Buch über Politik. Warum macht das jemand in Ihrem Alter?

Leonard Geßner: Seit ich zehn Jahre alt war, haben wir in der Familie am Frühstückstisch über das politische Weltgeschehen diskutiert. Ich habe immer gerne die Kinder-Nachrichtensendung Logo geschaut. Auf Youtube habe ich dann einen Kanal gestartet, auf dem ich bekannte Politiker wie zum Beispiel Jens Spahn oder Christian Lindner interviewt habe. Das Ziel war, eine jüngere Zielgruppe anzusprechen. Mit dem Buch möchte ich jetzt auch ältere Generationen erreichen.

Warum das?

Ich möchte vor allem mit Vorurteilen gegenüber meiner Altersgruppe aufräumen. Wir sind nicht die Generation, die zehn Stunden täglich am Handy hängt, Schule schwänzt und arbeitsunfähig ist. Es gibt viele, die jetzt schon ambitionierte Projekte machen und sich politisch engagieren. Die Arbeitswelt wird sich mit uns verändern, aber sie muss nicht unbedingt schlechter werden. Sie wird auf jeden Fall digitaler werden.

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Sie behaupten in Ihrem Buch, die sogenannte Generation Z – junge Menschen, die etwa ab dem Jahr 2000 geboren sind – sei nicht nur eine Klimageneration. Welche Themen sind in Ihrer Altersgruppe noch präsent?

Für viele war die Urheberrechtsreform Artikel 13 viel wichtiger. Natürlich ist Fridays for Future ein großes Thema. Jeder kennt sie in meiner Altersgruppe, und das ist für eine politische Organisation eine große Leistung. Der Jugendforscher Klaus Hurrelmann schätzt aber zum Beispiel, dass nur drei bis fünf Prozent der Jugendlichen sich wirklich regelmäßig bei Fridays for Future engagieren. Das ist für mich kein Zeichen für eine Klimageneration. Ich glaube, dass viele in meiner Altersgruppe gar nicht wirklich daran interessiert sind.

Was bringt Sie zu der Annahme?

Ich habe häufig beobachtet, dass Mitschüler auf die Demos gegangen sind und danach bei Instagram Fotos vom McDonalds-Besuch gepostet haben. Oder bei Primark einkaufen waren. Das ist für mich völlig unverständlich und passt nicht zusammen. Viele sind mitgelaufen, um der Schule zu entgehen. Natürlich gibt es auch einige, die sich wirklich der Organisation widmen und auch ihre Ferien dafür opfern. Das finde ich beeindruckend, aber das ist nicht der Großteil.

Dann bestätigen Sie ja doch den Vorwurf vieler Älterer, Ihre Generation würde zu den Demos gehen, um Schule zu schwänzen.

Der Unterschied ist, dass viele Ältere nicht differenzieren. Wie ich schon sagte, gibt es viele, die es wirklich ernst nehmen. Es streitet keiner ab, dass Klimaschutz mit das wichtigste politische Ziel ist, das verfolgt werden muss. Aber das geht in der Diskussion häufig verloren – ich würde mit den Klimaaktivisten mehr über die Ziele streiten und wie man sie erreicht, statt sie als Schulschwänzer abzustempeln.

Welche Themen müssten Ihrer Meinung nach in der Generation Z mehr Beachtung finden?

Eines dieser Themen ist die Rente. Wenn wir das System so beibehalten wie es ist, wird es nicht mehr lange standhalten. Das interessiert viele Politiker nicht, weil die Legislaturperiode nur vier Jahre lang ist, aber das Problem kann man nicht zwei Jahre vorher lösen. Unsere Generation müsste dafür sorgen, dass das Thema auf die Tagesordnung gesetzt wird. Junge Menschen müssten nicht nur für das Klima auf die Straße gehen, sondern auch für ein anderes Sozialsystem.

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Die Rente ist für Ihre Generation noch weit entfernt.

Man kann viele Leute nicht dafür begeistern, das stimmt. Selbst für die alteingesessenen Politiker ist das Thema unsexy. Wenn man das Problem aber greifbarer macht, kann man zumindest ein paar Leute dafür interessieren. Natürlich ist es gerade für junge Leute hypothetisch, weil es noch so weit weg ist, bis sie in Rente gehen. Wenn das System irgendwann zusammenbricht, wird das Thema aber das wichtigste überhaupt sein – dann ist es allerdings schon zu spät.

Sie haben für Ihr Buch mit vielen bekannten Journalisten und Politikern gesprochen. Wer war Ihr Lieblingsgesprächspartner?

Das ist gar nicht so einfach zu beantworten. Ich habe die Leute angeschrieben, die mich am meisten interessiert haben, deswegen waren alle interessant für mich. Ich habe mich gefreut, mit dem Chefredakteur der Welt, Robin Alexander, Bild-Chefredakteur Julian Reichelt und Tina Hassel vom ARD-Hauptstadtstudio zu sprechen. Julian Reichelt habe ich dann noch zusätzlich für Youtube interviewt, das war schon cool.

Warum gerade diese drei?

Wenn man Julian Reichelt bei Google sucht, sieht man, dass er viel in der Presse ist, weil er polarisiert. Aber man findet nur ganz wenige Interviews mit ihm. Deswegen war es etwas Besonderes, dass er mir eins gegeben hat. Tina Hassel als Leiterin des ARD-Hauptstadtstudios ist schon eine Größe im Journalismus, und Robin Alexander verfolge ich, seit ich sein Buch gelesen habe. Seine Zeitungsartikel lese ich sehr gerne und deswegen war es auch bei ihm spannend, ihn persönlich zu treffen.

Zur Bürgerschaftswahl 2019 haben Sie eine Diskussionsrunde mit Bremer Politikern veranstaltet. Gibt es jemanden, der oder die Sie besonders interessiert?

Mit Carsten Meyer-Heder von der CDU habe ich bis heute Kontakt, vor Kurzem habe ich mit ihm einen Instagram-Livestream gemacht. Auch das Interview mit dem ehemaligen SPD-Bürgermeister Carsten Sieling für meinen Youtube-Kanal fand ich sehr interessant – das Gespräch im Rathaus zu führen, war beeindruckend. Für mein Buch habe ich mit Umweltsenatorin Maike Schaefer gesprochen, auch das war spannend.

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Sie kritisieren in Ihrem Buch, dass Influencer sich zunehmend auf Plattformen wie Youtube und Instagram politisch äußern. Ein bekanntes Beispiel dafür ist Rezo mit seinem Video „Die Zerstörung der CDU".

Rezo ist ein besonderes Beispiel. Ich kritisiere es nicht direkt, aber ich finde, dass Influencer dabei gewisse Regeln beachten müssen. Rezo hat das in seinem Video nicht gemacht. Man kann nicht den Anspruch auf die richtige Meinung haben und dann nicht die Gegenpositionen berücksichtigen. Man kann nicht politische Inhalte produzieren, ohne gewisse journalistische Maßstäbe zu beachten. Immer mehr Leute werden sich in Zukunft ausschließlich über Influencer informieren, da ist es gefährlich, wenn die Standards nicht erfüllt werden.

Rezo hat mittlerweile eine Kolumne in der Wochenzeitung Zeit.

Das war ein kluger Schachzug von der Zeit, weil sie so auch viele junge Leser bekommt. An dieser Stelle werden journalistische Maßstäbe im Hintergrund angelegt, deshalb finde ich es gut, dass die Zeit über Influencer versucht, mehr Publikum zu erreichen.

Sie veröffentlichen Ihr Buch über sogenanntes Selfpublishing, also als Selbstverleger. Wie stellen Sie sicher, dass die Standards, von denen Sie sprechen, erfüllt sind, wenn es nicht redaktionell geprüft wird?

Mein Buch wird nicht durch Dritte auf Fakten geprüft, das stimmt. Aber ich habe den Zwei-Quellen-Check ziemlich ernst genommen und habe mich nur auf unabhängige Zeitungen bezogen. Es kann schon sein, dass mir Fehler passiert sind. Der Unterschied zu Rezo zum Beispiel ist aber, dass ich nicht sage, dass meine Meinung die einzig richtige ist und ich gerne Gegenargumente zulasse.

Wissen Sie schon, was Sie mal beruflich machen möchten?

In den nächsten Jahren möchte ich neben der Schule journalistisch arbeiten. Ich möchte aber auch studieren, Betriebswirtschaft oder Jura vielleicht. Später kann ich mir vorstellen, in die Politik zu gehen.

Das Interview führte Patricia Friedek.

Info

Zur Person

Leonard Geßner (15) veröffentlicht am 16. Juni sein Buch „Die Politik der Generation Z – ein unbequemer Blick in die Zukunft.“ Als „Generation Z“ bezeichnet man die Jugendlichen, die ungefähr ab dem Jahr 2000 zur Welt kamen.

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