Pseudowissenschaftliche Verlage

Gerd Antes: "Das Problem wird kleingeredet"

Der Mathematiker Gerd Antes kennt die Uni Bremen gut und hat als Experte dabei geholfen, die Machenschaften pseudowissenschaftlicher Verlage aufzudecken. Im Interview kritisiert er unter anderem die Aufarbeitung des Skandals.
20.08.2018, 06:00
Lesedauer: 5 Min
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Gerd Antes:
Von Kristin Hermann
Gerd Antes: "Das Problem wird kleingeredet"

Der Mathematiker Gerd Antes hat in den 1980er-Jahren an der Bremer Universität gearbeitet.

Christina Kuhaupt

Herr Antes, Sie haben sich in der Vergangenheit mit wissenschaftlichen Pseudo-Journalen auseinandergesetzt. Viele der Wissenschaftler, die bei solchen Scheinverlagen veröffentlicht haben, begründen ihr Handeln nach dem Bekanntwerden der Ergebnisse eines Recherchenetzwerkes mit Unwissenheit. Diese Argumentation war auch von der Bremer Uni zu hören. Ist es wirklich so schwierig, diese Journale zu erkennen?

Gerd Antes: Nein, nicht wirklich, wenn man von deren Existenz weiß und sich die Zeitschriften anschaut. Genau hinzusehen, wo man publiziert, sollte eigentlich zur Grundausstattung wissenschaftlichen Arbeitens gehören.

Einige Internetseiten dieser Verlage und Konferenzveranstalter sehen bereits auf den ersten Blick unseriös aus. Bleibt Ihrer Meinung nach im Wissenschaftsalltag keine Zeit für eine ordentliche Prüfung oder hat man da bewusst die Augen verschlossen?

Auf diese Frage gibt es nur unbequeme Antworten. Die Ergebnisse der eigenen Arbeit in einer Zeitschrift zu veröffentlichen, über die man nichts weiß, ist eine erstaunliche Entwertung des eigenen Tuns. Wissenschaft lebt von aufrichtiger Kommunikation und verdient deswegen auch im Wissenschaftsalltag die gebührende Zeit. Augenverschließen geht dann schon in Richtung wissenschaftlichen Fehlverhaltens – ob das nun bewusst oder unbewusst geschieht.

Was für eine Rolle spielt der Druck auf Wissenschaftler dabei, in möglichst vielen wissenschaftlichen Magazinen zu publizieren?

Der Druck ist auf jeden Fall vorhanden, teils massiv, mit starken Unterschieden in den verschiedenen Fächern. Einmal auf der individuellen Ebene zur Förderung der eigenen Karriere, genauso auf der institutionellen Ebene, um die Reputation zu verbessern und finanzielle Belohnungen zu erhalten. Wissenschaftler und Institutionen sind dabei Opfer und Täter gleichzeitig.

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Sie haben die beteiligten Journalisten bei ihrer Arbeit unterstützt. Das Netzwerk hat entlarvt, dass mehr als 5000 deutsche Wissenschaftler in solchen Magazinen veröffentlicht haben. Hat es Sie überrascht, dass so viele deutsche Wissenschaftler mit Raubverlegern zusammenarbeiten?

Grundsätzlich nicht, die große Zahl allerdings schon. Das Phänomen ist ja seit zehn Jahren bekannt, wenn auch das Volumen zu Beginn sehr klein war. Nachträglich ist die Zahl 5000 nicht mehr so überraschend, wenn man sich die enorme Zunahme dieser Zeitschriften in den vergangenen drei Jahren anschaut.

Wie oft bekommen Sie derartige Anfragen und wie gehen Sie damit um?

Ohne systematisch gezählt zu haben, schätze ich zwischen fünf und 15 pro Tag, mit enormem Zuwachs in den vergangenen zwei Jahren, und als subjektiver Eindruck meinerseits, nochmals spürbar mehr in den vergangenen Wochen. Vielleicht hat die Aufdeckung noch mehr Trittbrettfahrer aktiviert.

Unter den deutschen Wissenschaftlern sind Mitglieder der Helmholtz-Gemeinschaft, der Fraunhofer-Institute oder des Max-Planck-Instituts. Hätte gerade an solch renommierten Instituten nicht längst das Problem dieser Verlage und Scheinkonferenzen anders thematisiert und vor allem kontrolliert werden müssen?

Ja, sicher, unbedingt, spätestens, als die Federal Trade Commission (FTC) der USA vor etwa drei Jahren Ermittlungen gegen den größten in Indien beheimateten „Raubverlag“ OMICS einleitete. Als das 2017 zu einer einstweiligen Verfügung gegen OMICS führte, hätten Einrichtungen wie die Genannten, aber auch andere Stellen in der Wissenschaft und dem Bibliothekswesen, aktiv werden müssen.

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Eine Veröffentlichung in so einem Journal bedeutet nicht automatisch, dass die Beiträge unredlich sind. Wie hoch schätzen Sie die Zahl der schwarzen Schafe darunter ein?

Dazu traue ich mir nicht einmal eine ungefähre Schätzung zu. Genau wie bei der Gesamtzahl würde man hier noch mehr im Nebel stochern. Mir ist auch keine einzige empirische Untersuchung bekannt, die dieser Frage nachgeht. Es wird sie auch kaum geben. Wie soll man ein schwarzes Schaf definieren und dann auch noch zuverlässig identifizieren?

Wie sehr schaden diese Verlage der Wissenschaft – finanziell gesehen und wie sehr leidet die Glaubwürdigkeit darunter?

Grundsätzlich lässt sich feststellen, dass der finanzielle Schaden beliebig hoch ist. So zum Beispiel wenn einem Produkt ein wissenschaftlicher Anstrich gegeben werden kann, der den Verkauf begünstigt. Gerade im Gesundheitsbereich liegt diese Gefahr auf der Hand, wenn Menschen verzweifelt nach Linderung oder Heilung ihrer gesundheitlichen Probleme suchen. Grundsätzlich beschädigen diese Entwicklungen die angeschlagene Glaubwürdigkeit der Wissenschaft weiter, gerade auch bei der Bevölkerung, deren hohes Vertrauen in die Wissenschaft gar nicht vorstellbar macht, dass es so etwas wie Scheinkonferenzen gibt.

Einige Universitäten und Organisationen haben eine Art Untersuchungsausschuss angekündigt und Besserung gelobt. In Bremen will man auf Aufklärung setzen und fordert eine Art Tüv für Zeitschriften. Finden Sie, das führt weit genug?

Besserung geloben, ist meistens der erste Schritt zum Vergessen, wenn der aufgewirbelte Staub sich gelegt hat. Aufklärung ist sicherlich extrem wichtig, da die Bereinigung solcher Situationen einmal breite Information benötigt und die Bewältigung von einem positiven Geist getragen werden muss. Strafandrohung ist kein erfolgreiches Konzept. Die Wissenschaft muss sich wieder mehr den eigenen Ansprüchen stellen, nämlich bei jedem Schritt zu neuem Wissen Qualität als höchste Priorität anzusehen. Die Offenlegung durch die Medien zeigt, wie leicht dieser Aspekt verloren gehen kann. Aus deutscher Sicht einen Tüv für Zeitschriften zu fordern, macht wenig Sinn. Wir sind so weit entfernt von den internationalen Strukturen und tauchen dort auch nirgends aktiv auf, dass diese Impulse anderswo kommen müssen.

Wie müssten die Konsequenzen Ihrer Meinung nach aussehen, um das Problem mit den Pseudo-Journalen und Scheinkonferenzen in den Griff zu bekommen?

Durch sehr viel Aufklärung, einmal über die Existenz dieser Halbwelt und durch Anleitung, wie diese Fallen vermieden werden können. Dazu gehört zum Beispiel der Hinweis auf die Liste der seriösen Open Access Journale. Durch Kontrolle, indem zum Beispiel die Bibliotheken von Institutionen die Erfassung der eigenen Publikationen mit der Prüfung auf Räuber verbindet. Und durch deutliche Hinweise der Forschungsförderer, dass die notwendige Publikation der geförderten Projekte nur in hochwertigen Zeitschriften anerkannt wird.

Und bei den Scheinkonferenzen?

Beim Besuch von Scheinkonferenzen versagen die institutionellen Mechanismen bei der Genehmigung von Dienstreisen. Was dort als Besuch eines „World Congress“ für ein Thema angepriesen und dann als steuerfinanzierte Dienstreise genehmigt wird, ist tatsächlich leicht zu unterbinden, wenn an den entsprechenden Stellen die Arbeit richtig gemacht wird. Entscheidend ist der Wille, diese Entgleisungen zu unterbinden. Es ist allerdings schon in den ersten Tagen nach der Aufdeckung zu beobachten, wie das Problem kleingeredet wird durch Verweis auf noch größere Missstände.

Was gibt es für Kontrollmechanismen?

Einige, die sich von selbst ergeben, wenn man die Grundprinzipien guter wissenschaftlicher Praxis konsequent beherzigt. So ist gut vorstellbar, dass einige der identifizierten Autoren tatsächlich persönlich unschuldig sind, weil sie auf die Autorenliste „mit raufgenommen“ werden, obwohl sie an der Publikation keinen Anteil hatten. Hochwertige Zeitschriften verlangen, dass jeder Autor seinen Anteil kenntlich macht. Räuberzeitschriften haben daran natürlich nicht das geringste Interesse. Hier wäre der Kontrollmechanismus also auf der etablierten Seite des Veröffentlichungsablaufs, nicht im Dingfestmachen von Räubern. Solche Qualitätssicherungsmaßnahmen gibt es eine Reihe, die allerdings vielfach nicht ernst genommen werden, sondern als Kavaliersdelikte übergangen oder völlig missachtet werden.

Die Fragen stellte Kristin Hermann.

Info

Zur Person

Gerd Antes (69) ist Mathematiker, Biometriker und wissensschaftlicher Vorstand der Cochrane Deutschland Stiftung in Freiburg. Er gilt als ein Wegbereiter der evidenzbasierten Medizin in Deutschland. Antes kennt die Universität Bremen gut. Dort hat er Mathematik studiert und war mehrere Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig. Er hat dem NDR, WDR und dem Süddeutsche Zeitung Magazin bei den Recherchen zu pseudowissenschaftlichen Verlagen als Experte zur Seite gestanden.

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