Feuerwehr-Chef über Großbrand in Gröpelingen

„Maßnahmen wurden nicht konsequent umgesetzt“

Feuerwehr-Chef Karl-Heinz Knorr räumt Fehler beim Einsatz des Großbrandes in Gröpelingen ein: Maßnahmen, die Einsatzkräfte vor Kontaminationen mit Asbest schützen sollen, wurden nicht konsequent umgesetzt.
25.05.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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„Maßnahmen wurden nicht konsequent umgesetzt“
Von Sabine Doll
„Maßnahmen wurden nicht konsequent umgesetzt“

Hunderte Einsatzkräfte der Berufsfeuerwehr und der Freiwilligen Feuerwehren waren Ende April bei dem Großbrand im Industriehafen vor Ort.

Christina Kuhaupt
Herr Knorr, bei dem Großbrand im Industriehafen Ende April in Gröpelingen waren etwa 850 Einsatzkräfte vor Ort. Dabei wurde Asbest freigesetzt und Bruchstücke bis zu 300 Meter weit geschleudert. Asbest gilt als krebserregend. Die Feuerwehrleute und die Gewerkschaft werfen der Einsatzleitung vor, zu spät auf die Gesundheitsgefahr reagiert zu haben. Haben Sie recht?

Karl-Heinz Knorr: Im Einvernehmen mit der Gewerbeaufsicht können wir sagen, dass die gesundheitliche Gefährdung eher als gering einzustufen ist – sowohl während der eigentlichen Brandphase, der Nachlöschphase und auch durch die leider stattgefundene Verschleppung.

Was meinen Sie mit Verschleppung?

In der Nachlöschphase über mehrere Tage hinweg sind die Einsatzkräfte mit Schuhen, wahrscheinlich auch mit den Hosenbeinen, mit Asbestrückständen in Kontakt gekommen. Vor Ort wurden nicht die erforderlichen Hygienemaßnahmen umgesetzt, wie das Ablegen der Uniform am Einsatzort und das Reinigen der Ausrüstung. Mit der kontaminierten Kleidung sind die Feuerwehrfrauen und -männer in die Wachen zurückgefahren, dadurch ist die Verschleppung der Asbestteilchen in die Fahrzeuge und wahrscheinlich auch in die Feuerwehrhallen passiert.

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Sämtliche Fahrzeuge und Uniformen werden jetzt gereinigt – weil alle mit Asbest kontaminiert sind?

Eindeutig nein. Richtig ist aber, wir werden tatsächlich alles reinigen. Bei der Schutzkleidung haben wir festgestellt: Wenn wir zuerst alles beproben und die entsprechenden Teile aussortieren, ist das teurer und aufwendiger, als gleich alles in die Spezialreinigung zu geben. Das geht schneller, und wir haben eine hundertprozentige Sicherheit. Allerdings sind mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht alle Uniformen und Kleidungsteile kontaminiert.

Woher wissen Sie das?

Eine Einsatzjacke, mit der am ersten Tag des Brandes gearbeitet wurde, ist beprobt worden, diese Jacke war komplett negativ.

Eine einzige Jacke sagt nicht viel über das gesamte Ausmaß der Kontamination von Uniformen und anderer Ausrüstung aus.

Wir haben die Atemschutzwerkstatt beprobt, in die die Geräte gebracht wurden – mit negativem Ergebnis. In einem Fahrzeug, das über mehrere Tage im Einsatz war, wurden die Luftfilter überprüft, auch das war negativ. Gegenüber der Brandstelle in etwa 30 Metern Entfernung stand eine Halle die ganze Zeit offen, auch dort wurden Proben mit negativem Ergebnis genommen. Zwei Werkstätten, in die Fahrzeuge vom Einsatzort gebracht wurden, waren negativ – ebenso wie das Feuerlöschboot Bremen I.

Und an welchen Stellen wurden Asbestrückstände nachgewiesen?

Im Fußraum der Fahrerkabinen einiger Einsatzfahrzeuge wurde Asbest festgestellt. Das spricht sehr stark dafür, dass die Kontamination nicht durch umherfliegendes Asbest in der Brandphase passiert ist, sondern als Verschleppung durch das Herumlaufen und Aufnehmen von Asbest etwa an den Schuhsohlen oder nassen Hosenbeinen. Auf diese Weise ist es in die Fußräume der Fahrzeuge verschleppt worden. Auch in diesem Fall wurde dann entschieden, nicht erst jedes Fahrzeug zu beproben, sondern gleich alle zu reinigen.

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Wie viele Fahrzeuge sind das?

Aktuell ist etwa ein Viertel durch die Reinigung, das sind 37 Fahrzeuge. Am Ende werden es etwa 140 Fahrzeuge insgesamt sein. Wir ziehen das jetzt durch, in dem Wissen, dass auch Fahrzeuge dabei sein werden, die wahrscheinlich nicht kontaminiert sind. Ebenso wie bei den Jacken.

Die Gewerkschaft wirft Ihnen vor, dass dies alles zu spät in Gang gekommen ist. Welche Fehler sind passiert?

Im Verlauf des Einsatzes sind leider nicht alle Maßnahmen passiert, die bei einem Brand mit Asbest hätten durchgeführt werden müssen. Das ist das Entkleiden am Brandort, damit die Kontaminationen nicht verschleppt werden, sowie Spül- und Waschmaßnahmen der Stiefel. Asbest lässt sich an glatten Flächen gut mit Wasser entfernen, das ist nicht konsequent erfolgt.

Warum nicht?

Das ist bisher noch nicht aufgeklärt, zumal wir diese Maßnahmen mehrere Male im Jahr an anderen Einsatzstellen, bei denen Asbest vorkommt, regelmäßig so durchführen. Auch wenige Tage danach bei einem Einsatz an der Gelsenkirchener Straße ist dies erfolgt, warum es hier nicht funktioniert hat, wird noch aufgearbeitet.

Es hätte auch eine sogenannte Asbestlage ausgerufen werden können, was heißt das?

In diesem Fall wird ausgerufen, dass es sich um eine Einsatzstelle mit Asbest handelt. Aus dieser Feststellung heraus ergeben sich dann die genannten Maßnahmen. Auch das gehört zu den Punkten, die noch geklärt werden: wie die Lage ausgerufen wurde oder nicht, an welchen Punkten die Kommunikation schief gelaufen ist. Wir haben zwar im Kreis der Einsatzleitung über das Thema Asbest in den Seitenwänden der südlichen Hallen gesprochen, aber ich denke im Nachhinein, ich hätte die Maßnahmen für die kommenden Tage deutlicher anordnen müssen.

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Wie groß ist die Gesundheitsgefahr für die Einsatzkräfte?

Das hängt davon ab, wie stark Staub aus der Kontamination freigesetzt wird. Klar ist: Ein kontaminiertes Kleidungsstück ist nicht mehr zu tragen, bevor es nicht qualifiziert gereinigt ist. Bislang wurde, wie gesagt, einvernehmlich mit dem Gewerbeaufsichtsamt die Gefährdung als eher niedrig eingestuft.

Die Einsatzkräfte werden nun in eine sogenannte zentrale Expositionsdatenbank aufgenommen.

Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung betreibt dieses Register. Es garantiert, dass dort eingetragene Daten 40 Jahre lang gesichert aufbewahrt bleiben. Es geht um Personen, die mit potenziell krebserzeugenden Stoffen in Kontakt gekommen sind, diese Stoffe zeigen in der Regel keine Sofortwirkung, sondern eventuell erst Jahrzehnte später. Dann geht es um die Anerkennung als Berufskrankheit und damit um die Qualität der finanziellen Versorgung. Die Betroffenen sind dann in der Pflicht, den Nachweis zu liefern, dass sie diese Belastungen im Laufe des Berufslebens hatten.

Das Gespräch führte Sabine Doll.

Info

Zur Person

Karl-Heinz Knorr (56) ist seit 1996 Leiter der Feuerwehr Bremen. Von 1990 bis 1992 war Knorr bei der Feuerwehr Berlin beschäftigt, danach wechselte er zur Feuerwehr München, bevor er nach Bremen kam.

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