Güterbahnhof Open Geheimnis in der Streichholzschachtel

Die „Güterbahnhof Open“ geben Interessierten wieder einen Einblick in die Wirkungsstätten der Kunstschaffenden.
23.09.2022, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Matthias Holthaus

„Wir wollen, dass das hier ein lebendiger Ort ist und dass dieser Ort erhalten bleibt“, sagt Ulrike Brockmann über den Güterbahnhof, der seit 1997 Kunstschaffenden eine Möglichkeit bietet, ihre Werke zu erarbeiten, Neues auszuprobieren und auszustellen. Davon überzeugen konnten sich Interessierte im Rahmen der „Güterbahnhof Open“, die nicht nur ein abwechslungsreiches Programm boten, sondern auch die Gelegenheit schufen, die Wirkungsstätten der Künstlerinnen und Künstler zu besichtigen.

Einer von ihnen ist Norbert Bauer aus Walle. „Das meiste dreht sich um Malerei oder Zeichnung“, erklärt er. „Ich arbeite ausschließlich nach medialen Vorlagen, sei es Text oder auch Bild. Diese Vorlagen werden dann weiterentwickelt oder verändert.“ Von der Arbeitsweise Norbert Bauers zeugen diverse Momentaufnahmen aus Tagesschauen und Dokumentationen verschiedener Jahrzehnte, ein einzelnes Bild, das dann auf eine großflächige Leinwand übertragen wird. Und Robert Bauer zeichnet auch Spam-E-Mails ab, inklusive all der Rechtschreibfehler. „Die Idee ist, viel Zeit mit etwas zu verbringen, was nicht dafür gemacht ist. Ein Standbild aus einem Film etwa oder eine Spam-Mail, die schnell gelöscht wird, die ich dann akribisch zeichne.“

Fragile Exponate aus Ton

Gleich neben der Arbeitsstätte Norbert Bauers liegt die Galerie Herold, die seit Jahrzehnten Kunstschaffenden einen Raum bietet, ihre Arbeiten der Öffentlichkeit zu präsentieren. Max Santo ist ein Künstler aus Walle und zeigt noch bis zum 2. Oktober seine Ausstellung „Lot und Winkel“ mit Keramik und Malerei. Seit vier Jahren ist Max Santo nun als Künstler im Güterbahnhof tätig: „Ich finde den Güterbahnhof als Ort toll“, sagt er, „weil hier viele Künstler arbeiten und man in Kontakt kommt“. Ein toller, kreativer und sehr zentraler Ort mitten in Bremen sei der Güterbahnhof – „das schätze ich sehr“.

Im vergangenen Jahr hat er dann per Zufall die Keramik für sich entdeckt. Vorher habe er gar nicht mit Keramik gearbeitet, doch dann, im Lockdown, habe er sich in seinem Garten gefragt, ob man den Waller Ton brennen könne – man konnte. Er experimentierte, entwickelte sich weiter und mit anderem, nicht aus Walle stammenden Ton, hat er nun zum Teil recht fragile Exponate geschaffen. „Die Aspekte meiner Malerei werden von den Keramiken aufgegriffen und sie treten in einen Dialog“, erklärt er, wobei seine Keramiken durchaus handfest als Vasen oder Schalen durchgehen können, seine Malerei aber abstrakt daherkommt.

Dialoge in der Schachtel

Die hinter Glas eingerahmten kleinen Streichholzschachtel-Szenen von Oliver Zabel geben sich bei näherer Betrachtung durchaus humorig: Die Schachteln aus den 1940er- und 1950er-Jahren tragen liebevoll gestaltete Etiketten und sie heißen zum Beispiel „El Machete“ und Zabel hat dazu eine Ernteszene mit verschieden kleinen Figürchen geschaffen, oder auch „Search Light“ inklusive Leuchtturm und in der benachbarten offenen Schachtel tummeln sich Schwimmer und zwei Nixen, die sich der Haarpflege hingeben. „Im Zusammenspiel mit der Schachtel ergibt sich dann ein Dialog“, erzählt er, „und es ist ja auch eine Spielerei: Was passiert eigentlich in der Schachtel, wenn sie geschlossen ist? Es ist das Geheimnis, das hier kurz gelüftet wird“.

Eva Matti hat ihr Atelier ebenfalls im Güterbahnhof. „Ich bin total zufrieden hier“, sagt sie, „es ist eine schöne Gemeinschaft. Und ich brauche hier auch den großen Raum“. Aktuell fertigt sie nämlich auch größere textile Arbeiten: „Das hat sich zuerst so entwickelt, dass ich kleine Arbeiten gemacht habe und ich anfing zu sticken. Inzwischen kann ich die textilen Sachen für die Malerei verwenden und umgekehrt. Und ich komme mehr von der Wand weg und in den Raum hinein.“ Davon zeugt ein großes Netz aus Draht, das im Raum förmlich schwebt – und darin verfangen: ein rosafarbenes Insekt, ebenfalls textilen Ursprungs.

Geheimnisse des Meeres

Einen eher maritimen Ursprung bietet die Klanginstallation der griechischen Künstlerin Maria Pelekanou: Ihre elektroakustische Installation mit dem Namen „Kochylia“ (Muschel) soll die Geheimnisse des Meeres offenbaren und Klanggeschichten erzählen. „Viele verschiedene Techniken habe ich verwendet und normalerweise ist die Installation für vier Lautsprecher gedacht“, sagt sie. Das Besondere daran ist die Einbindung des Gebäudes in die Installation – die soll nämlich vom Gang aus durch ein ursprüngliches Postfach hindurch gehört werden – eben wie durch eine Muschel.

Solche Arbeiten sind erst möglich durch Menschen, die sich für den Ort „Güterbahnhof“ einsetzen: „Die Verstetigung des Mietvertrages ist ein dickes Brett“, sagt dann auch Gertrud Schleising vom Vorstand des Trägervereins“, denn seit Anfang des Jahres ist nun sicher, dass die Kunstschaffenden mindestens für zehn Jahre am Ort produktiv werden können. Denn es gebe zu wenig Arbeitsplätze für Künstler, meint sie, „doch wer hier erstmal ist, der ist auch unbefristet hier“.

Wobei sich die Aktiven immer noch Sorgen machen, denn die Gleishalle könnte einer möglichen Neugestaltung der sogenannten „Oldenburger Kurve“ im Wege stehen: „Wir wollen, dass die Gleishalle ein lebendiger Ort und dieser erhalten bleibt“, sagt dann auch Ulrike Brockmann. So eine Halle abzureißen wäre eine Schande, sagt auch Kerstin Kimmerle, Geschäftsführerin des Güterbahnhofs. „Es ist gerade eine spannende Zeit“, sagt sie „und wir wollen uns hier so verankern, dass wir auch bleiben“.

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