Bremer Handelskammer-Präses im Interview

Marahrens-Hashagen: Bürgermeister muss auf den Tisch hauen

Handelskammer-Präses Janina Marahrens-Hashagen spricht im Interview mit dem WESER-KURIER über das Krisenmanagement des Bürgermeisters, grüne Wirtschaftspolitik und die Sorgen der Bremer Unternehmen.
07.10.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Marahrens-Hashagen: Bürgermeister muss auf den Tisch hauen
Von Maren Beneke
Marahrens-Hashagen: Bürgermeister muss auf den Tisch hauen

Janina Marahrens-Hashagen warnt davor, Gewerbeflächen und Hafenentwicklung als zentrale Standortfaktoren infrage zu stellen.

Christina Kuhaupt

Frau Marahrens-Hashagen, die Handelskammer hat zuletzt scharf gegen die Grünen geschossen und vor deren wirtschaftspolitischer Ausrichtung gewarnt. Es ging unter anderem um grüne Ideen zur Gewerbeflächenentwicklung oder um deren Forderung, Millioneninvestitionen in den Hafen noch einmal zu überdenken. Was ist denn falsch daran, bestimmte Entscheidungen infrage zu stellen?

Janina Marahrens-Hashagen : Natürlich kann man über einzelne Themen streiten. Aber Gewerbeflächen und Hafenentwicklung sind zentrale Standortfaktoren unseres Wirtschaftsstandorts, die nicht infrage gestellt werden dürfen. Ansonsten würden wir unsere wirtschaftliche Zukunft gefährden. Daher ist es fatal, dass wir derzeit zwei politische Lager haben, die gegeneinander laufen: Die Grünen wollen neue Gewerbeflächen infrage stellen, das Wirtschaftsressort findet Gewerbeflächenentwicklung dagegen gut. Natürlich auch, weil die links geführte Behörde damit die Arbeitnehmer vertritt. Das Gleiche bei den Hafeninvestitionen.

Lesen Sie auch

Den Grünen geht es bei den Gewerbeflächen ja vor allem um die Logistikbranche und ihren Flächenbedarf. Es ist doch unbestritten, dass die Logistikhallen vergleichsweise große Flächen benötigen, die wiederum von vergleichsweise wenigen Menschen bedient werden.

Da müssen die Grünen ihre Hausaufgaben machen: Wir haben 40.000 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte in dieser Branche in Bremen. Auf die Logistikbranche ist die komplette Industrie angewiesen, und die Hansestadt ist nun einmal nach wie vor einer der größten deutschen Industriestandorte. Ohne Logistik keine Industrie, und ohne dieses keine hochwertigen Dienstleistungen. Außerdem generieren wir zwei Drittel unseres Umsatzes im Ausland. Wir brauchen die Logistik. Wenn der Achimer Bürgermeister solche Diskussionen hört, dann wird er sich sicherlich die Hände reiben.

Sehen Sie die realistische Gefahr, dass Logistiker den Standort wechseln?

Sagen wir es so: Die Unternehmen und übrigens auch ihre Beschäftigten sind sehr erschrocken über solche Äußerungen der Grünen.

Lesen Sie auch

Aber ist es wirklich die richtige Zeit, um sich über Gewerbeflächenpolitik zu streiten?

Corona wird ja nicht ewig dauern, und irgendwann werden sich die Betriebe wieder weiterentwickeln wollen. Einige Unternehmen sind jetzt schon so mutig und expandieren. Es kann doch nicht sein, dass Gewerbeflächen jetzt nicht geplant werden, nur weil wir in einer Pandemie stecken. Solche Prozesse dauern Jahre. Sollten sie jetzt nicht angeschoben werden, verlieren die Firmen wichtige Entwicklungsmöglichkeiten und werden sich zu anderen Standorten hinorientieren. Und ich betone: Hier geht es vor allem auch um die Sicherung und Schaffung von Arbeitsplätzen – bei Bestandsunternehmen und Neuansiedlungen.

Beschäftigt sich die Wirtschaft derzeit überhaupt mit diesen Themen?

Viele Firmen kämpfen derzeit mit dem Tagesgeschäft. Wir als Kammer müssen aber auch die längerfristige Perspektive im Blick behalten. Die Unternehmen haben ganz individuelle Sorgen: Sie versuchen sich zu digitalisieren und zu optimieren. Das bedeutet auch, dass sie schauen, ob sie mit ihrer Produktpalette gut aufgestellt sind oder ob sie ihre Logistikketten verbessern können. Jetzt ist die Zeit für Kreativität, und jeder muss schauen, wie er möglichst gut durch die Krise kommt.

Wie schlägt sich die Bremer Politik denn generell in der Krise?

Mit Blick auf Gewerbeflächen, Hafenentwicklung und Innenstadtplanung muss man deutlich sagen: Das ist jetzt Chefsache. Der Bürgermeister hat jetzt die Aufgabe, auf den Tisch zu hauen und die Parteien dazu zu bringen, geschlossen zu agieren. Insgesamt hat er bisher vieles richtig gemacht, indem er beispielsweise die Corona-Task-Force ins Leben gerufen, alle Akteure an einen Tisch geholt hat und gemeinsame Entscheidungen getroffen wurden. Die Task Force wird sich jetzt wieder regelmäßiger treffen, weil die Infektionszahlen steigen. Auch Wirtschaftssenatorin Kristina Vogt hat sich gut geschlagen: Sie hat sich mit den Unternehmen beschäftigt und sich vor Ort informiert.

Lesen Sie auch

Wo steht die Wirtschaft zurzeit?

Viele Branchen sind nach wie vor massiv von den Folgen der Pandemie betroffen. Die Veranstaltungsunternehmen und die Messebauer – zum Beispiel – stehen nach wie vor ohne Aufträge da; mit wenig Aussicht auf Verbesserung. Auch die Flugzeug- und die Automobilindustrie und ihre Zulieferer werden lange nicht die Umsätze haben wie vor Corona.

Sie sind Chefin einer Firma für Schiffbeschilderung. Wie steht es aktuell um Ihr Unternehmen? Die Kreuzfahrtbranche darbt ja ebenfalls.

Wir planen mit 40 Prozent weniger Umsätzen im kommenden Jahr. Das wird in irgendeiner Form Konsequenzen haben müssen. Derzeit gibt es noch das Instrument der Kurzarbeit, und natürlich wollen wir unsere Fachkräfte halten. Aber können Sie mir sagen, wann die Schiffe wieder fahren?

Ich habe genauso wenig eine Glaskugel wie Sie. Was meinen Sie mit Konsequenzen?

2021 werden wir deutlich sehen, dass sich einige Unternehmen von Personal trennen müssen.

Lesen Sie auch

„Einige“ hört sich jetzt nicht so dramatisch an. Für Hamburg gibt es eine gut eine Woche alte Prognose, die die schwerste Rezession seit 100 Jahren und eine Pleitewelle mit gut 1000 Unternehmensinsolvenzen voraussagt...

Ich gehe davon aus, dass auch in Bremen im kommenden Jahr Tausende Menschen ihre Arbeitsplätze verlieren werden. Die ersten Vorboten sehen wir jetzt schon: Im September ist die Arbeitslosenquote in Bremen um knapp zwei Prozentpunkte gestiegen – und damit stärker als im Bundesschnitt. Das finde ich mehr als bedenklich. Verbesserungen werden wir frühestens im Jahresverlauf 2021 sehen. Wenn alles gut läuft, erleben wir ab 2023 wieder so etwas wie eine Normalität.

Das Gespräch führte Maren Beneke.

Info

Zur Person

Janina Marahrens-Hashagen ist 2019 als erste Frau an die Spitze der Bremer Handelskammer gewählt worden. Nach dem Studium der Wirtschaftswissenschaften und des Bankwesens in Hamburg stieg sie Anfang der 80er-Jahre in das Familienunternehmen Marahrens Group ein. Die Firma aus Bremen-Nord mit mehr als 200 Angestellten ist spezialisiert auf die Produktion von Schildern vor allem für den Schiffsbereich.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+