Hilfsangebote bei Einsamkeit

Hausbesuch per Telefon

Es gibt viele Angebote für Menschen, die sich allein fühlen. Dazu zählen die Wohlfühlanrufe des Vereins Ambulante Versorgungsbrücken. Auch die Heimstiftung hat sich auf Singles im hohen Alter eingestellt.
02.08.2019, 15:00
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Hausbesuch per Telefon
Von Silke Hellwig
Hausbesuch per Telefon

Lars Ober-Bloibaum gehört zu den ehrenamtlichen Kräften, die für den Verein Ambulante Versorgungsbrücken sogenannte Wohlfühlanrufe tätigt.

Christina Kuhaupt

Elsbeth Rütten hat sich ein Headset aufgesetzt. Sie wählt eine Nummer, die beiden Frauen begrüßen sich. „Wie geht's Ihnen denn heute“, fragt Elsbeth Rütten. „Beschissen wie immer“, sagt die Seniorin am anderen Ende der Leitung, irgendwo in Deutschland. „Ich habe so eine Wut auf die verdammte Krankheit“, ergänzt sie.

Von Angesicht zu Angesicht haben sich Elsbeth Rütten und ihre Gesprächspartnerin nie gesehen. Sie telefonieren gelegentlich miteinander. Die Dame, die wegen ihrer Krankheit weitgehend ans Haus gefesselt ist, nimmt sogenannte Wohlfühlanrufe des Bremer Vereins „Ambulante Versorgungsbrücken“ in Anspruch. Ronja Schüttken spricht von einer Art „Hausbesuch per Telefon“. Sie hat sich im Rahmen ihres Studiums der Pflegewissenschaften an der Hochschule Osnabrück mit den Wohlfühlanrufen beschäftigt.

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Das Angebot ist kostenpflichtig, außer für Vereinsmitglieder. Die Gespräche werden von Ehrenamtlichen bestritten. Die Telefonate werden ein- bis zweimal wöchentlich geführt und dauern etwa eine halbe Stunde, geredet wird über Gott und die Welt, „da wird gesungen, da wird gebetet, da wird sonstwas gemacht“, sagt Elsbeth Rütten. Die Lebenssituationen der Kunden von Wohlfühlanrufen seien sehr unterschiedlich. Gemeinsam ist ihnen, dass sie Gesprächsbedarf haben, der offenbar nicht anders gedeckt werden kann. „Wohlfühlanrufe werden als ergänzendes Dienstleistungsangebot zu weiteren sozialen Angeboten verstanden, die eine soziale Teilhabe fördern und gewährleisten sollen“, heißt es im Text von Ronja Schüttken.

Derzeit gibt es laut Elsbeth Rütten gut 20 Kunden und zehn Ehrenamtliche, wovon sechs regelmäßig im Einsatz sind und die anderen gelegentlich. Es waren schon mal mehr, das hänge von den Möglichkeiten des Vereins ab, den Aufwand zu bewältigen, sagt Elsbeth Rütten, Geschäftsführerin des Vereins. Nicht immer treibe überwältigende Einsamkeit die Kunden ans Telefon, aber es gebe offenbar Gesprächsbedarf, der auf diese Weise gestillt werden könne.

Auch in der Seniorenhilfe und -pflege werden seit Jahren diverse Strategien gegen Einsamkeit verfolgt. Das beginnt bereits bei der Struktur: Große Einrichtungen mit großen Abteilungen entsprechen nicht mehr dem Standard. „Das haben wir vollständig aufgegeben“, sagt Petra Scholz von der Bremer Heimstiftung, Stabsstelle Qualität. Stattdessen werden kleine Einheiten wie betreute Wohngemeinschaften geschaffen. Die Bewohner größerer Einrichtungen leben in überschaubaren Gruppen. Beim Wohnen mit Service werden Gemeinschaftsaktivitäten angeboten. „Ein großes Netzwerk an Freiwilligen ist angeschlossen“, um niemanden allein zu lassen. Etwa 600 Ehrenamtliche seien für die Heimstiftung aktiv.

Sie habe die Erfahrung gemacht, dass manche Bewohner anfangs mit Einsamkeitsgefühlen zu kämpfen haben, sagt Christa Kempf. Sie hat die Sozialdienstleitung im Haus Riensberg inne und ist eine Kollegin von Petra Scholz. Es dauere eine Zeit, bis sich die Menschen an die neuen Lebensumstände gewöhnt hätten und neue Kontakte knüpften. „Wir bieten viel an, um solche Gefühle zu überwinden.“ Dazu gehörten eine Einzugsbegleitung sowie vielfältige Gruppenaktivitäten. Einen „Ankerpunkt“ bildeten offene Wohnküchen mit entsprechendem Betreuungspersonal.

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„Eine unserer Grundlagen ist, dass wir in Netzwerken denken und arbeiten“, so Petra Scholz weiter. Unterstützungs- und Zuwendungsangebote für Senioren erstreckten sich über das gesamte Quartier. Dazu zähle beispielsweise die Tagespflege – allein die Heimstiftung biete ab September 400 Plätze an 23 Standorten an. „Dieser Bereich ist stark ausgebaut worden, aus dem Wissen heraus, dass im Alter die sozialen Kreise kleiner werden und die Menschen Anlaufstellen brauchen.“

Die Seniorin, mit der Elsbeth Rütten nun telefoniert, erwartet als nächstes einen Anruf von dem einzigen männlichen Ehrenamtlichen. „Ich freue mich darauf, auch mal mit einem Mannsbild zu reden“, sagt sie. Das Mannsbild ist Lars Ober-Bloibaum, von Beruf Rechtsanwalt. Seit zwei Jahren engagiert er sich ehrenamtlich als sogenannter Wohlfühlanrufer. Zu seinem Ehrenamt gekommen ist der Jurist durch eine schwere Krankheit. „Mir ging es nicht gut, aber ich wurde von meiner Familie umsorgt, und ich habe mich gefragt: Was ist mit Menschen, die in einer ähnlichen Situation sind und diesen Zuspruch nicht erfahren?“

Die Bezeichnung Wohlfühlanrufe sei wörtlich zu nehmen: „Ganz platt gesagt, versuchen wir, unseren Gesprächspartnern ein gutes Gefühl zu geben.“ Sorgen und Nöte würden thematisiert, aber nicht ausschließlich. „Es gibt eine unglaubliche Bandbreite an Themen“ – von aktueller Politik bis hin zum Fernsehprogramm. „Im besten Fall ist es ein Nehmen und ein Geben. Man muss zuhören können, sich selbst aber auch einbringen.“ Er selbst profitiere auch ungemein von den Telefonaten. „Ich lerne so viel dazu, das glaubt man gar nicht.“ Die Wohlfühlanrufe seien „ein bremischer Exportschlager, ich telefoniere zurzeit ausschließlich mit Damen, aber die sind über das Bundesgebiet verteilt.“ Kurz: Der Bedarf sei da, vermutlich sei er deutlich höher als ein Verein dieser Größe ihn je decken könne. Weitere Freiwillige seien willkommen.

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Es mag nicht einfach sein, aber im Alter können auch neue, tiefe Freundschaften entstehen, ob in Senioreneinrichtungen oder bei -treffen. Manche fänden sogar noch einen neuen Partner, sagt Christa Kempf, mit dem sie weiter durchs Leben gehen.

Geld von der Ministerin

Bundesseniorenministerin Franziska Giffey (SPD) hat im Rahmen des Fachkongresses „Einsamkeit im Alter vorbeugen“ im März erstmals die Gewinner des bundesweiten Wettbewerbs „Einsam? Zweisam? Gemeinsam!“ ausgezeichnet. Die Ausschreibung bezog sich auf verschiedene Kategorien wie Besuch und Begleitung oder Bildung und Kultur. Eines der preisgekrönten Projekte kommt aus Frankfurt und wird seit zehn Jahren von der Caritas betrieben. Für „Wegbegleiter und Interkulturelle Öffnung“ engagieren sich Migranten ehrenamtlich für ältere Migranten, unterstützen sie bei Behördengängen sowie beim Schriftverkehr und überbrücken so „strukturelle Barrieren in der Altenhilfe“, wie es in der Projektbeschreibung heißt. Mit einem zweiten Platz in der Kategorie Bildung und Kultur wurde das bremische Projekt „Alt ist nicht gleich alt“ vom Zentrum für Migranten und Interkulturelle Studien (ZIS) gewürdigt. Es organisiert gemeinsame Aktivitäten von Senioren mit und ohne Migrationsgeschichte.

Dazu zählen Sport- und Kreativangebote ebenso wie Literatur- und Gesprächskreise oder gemeinsame Ausflüge. Ebenfalls bedacht wurde die Awo-Stiftung Hamburg für ihre „Aktion Augen auf“. Haupt-, aber vor allem ehrenamtliche Mitarbeiter nehmen dort alte und hilfsbedürftige Menschen mit geringem Einkommen und/oder gesundheitlichen Problemen unter ihre Fittiche. Auch das Besuchsangebot „Nahbarn“ des Vereins Tausend Taten wurde prämiert.

Hilfe auf vier Beinen

Haustiere können Einsamkeit lindern. „Sie erfüllen ganz wesentliche Bedürfnisse des Menschen, vor allem das wichtige Bedürfnis nach Nähe, Zuwendung, Geborgenheit und Trost“, erklärte die Sozialwissenschaftlerin Sandra Wesenberg dem NDR. Sie zählt zur Forschungsgruppe Mensch-Tier-Beziehung der TU Dresden, die sich „verschiedenen Fragestellungen rund um persönliche Beziehungen von Menschen zu ihren Haustieren“ stellt. Ein Forschungsfeld der Gruppe war die Justizvollzugsanstalt Dresden: Unter dem Titel „Mopsfidel und Pudelwohl“ wurde untersucht, ob und wie der Kontakt mit Hunden das emotionalen Wohlbefinden und soziale Kompetenzen bei Gefangenen mit erheblichen Bindungs- und Beziehungsdefiziten verbessern kann.

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In Washington trafen sich im Mai Experten aus dem öffentlichen Gesundheitswesen, aus Forschung, Psychologie, Gerontologie und Veterinärmedizin zu einem eintägigen Gipfel, um zu ergründen, welche Rolle Haustiere bei der Bewältigung des gesellschaftlichen Problems der sozialen Isolation spielen könnten. Das Human animal bond research institute (Habri), das Verbindungen zwischen Tier und Mensch erforscht, berichtet von einer Studie, wonach 80 Prozent der Tierhalter angaben, dass sie sich mit ihrem Haustier weniger einsam fühlen. Viele gaben auch an, über ihr Tier Kontakte knüpfen zu können. Wichtig sei es, hielten die Teilnehmer laut Habri fest, die positive Wirkung von Tieren auf Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen auszuweiten.

Gemeinsam unter einem Dach

Mehrgenerationenhäuser gelten als wichtiger Bestandteil der Bemühungen der Bundesregierung, um Vereinsamung zu vermeiden. Bundesweit gibt es laut Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend rund 540 solcher Häuser. 250 dieser Einrichtungen bieten „ganz gezielte Angebote für einsame beziehungsweise sozial isolierte Menschen“ an. Insgesamt werden nach Angaben des Ministeriums derzeit mit etwa 880 Angeboten rund 11 000 einsame Menschen erreicht. Für Bremen sind vier Häuser erfasst: das Mehrgenerationenhaus der Bremer Heimstiftung im Schweizer Viertel, das Familien- und Quartierszentrum Neue Vahr Nord, das Familienzentrum Mobile in Hemelingen und das Haus der Zukunft in Blumenthal.

Das Ministerium fördert auch private Projekte, die sich um den Zusammenhalt verschiedener Generationen verdient machen. Eines der vorbildlichen Projekte befindet sich in Oldenburg: Es nennt sich „Wohnmix – Gemeinsam leben in der Weitzstraße“. Es besteht aus einem Mehrfamilienhaus mit 21 Wohnungen und einem Verein. Die Ziele der Mitglieder und Bewohner: die Begegnung der Generationen, gemeinschaftliches Wohnen von Menschen mit und ohne Behinderungen, gemeinsame Aktivitäten und der Wille, „Wohneigentum an soziale und ideelle Ziele zu binden“. Ähnliches ist in Bremen unter anderem am Dedesdorfer Platz in Walle, im Neuen Hulsbergviertel und für die Modellsiedlung Ellener Hof geplant.

Keiner bleibt allein

Die Initiative #KeinerBleibtAllein versteht sich als „ein vollkommen neues soziales Projekt, das nebenbei das Thema Einsamkeit auflöst und uns als Gesellschaft wieder näher zueinander bringt“. Der Anstoß entstand am 24. Dezember 2016 aus der Privatinitiative einer Rechtsanwaltsfachangestellten und dem Hashtag #KeinerTwittertAllein, der große Beachtung fand. Ein Jahr später entschlossen sich die Initiatoren, Menschen, die Kontakt suchen, untereinander zu vermitteln. Im März 2018 wurde der Verein gegründet. Die Vermittlung von Kontakten ist inzwischen auf die Feiertage begrenzt. Wer Weihnachten oder Silvester nicht alleine bleiben will, kann sich vom 1. November an über die Auftritte des Vereins bei Instagram, Facebook und Twitter bewerben.

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Im vergangenen Jahr gab es nach eigenen Angaben rund 26.000 Bewerbungen. Die unterjährige Vermittlung wurde aufgegeben, weil „sowohl die Bieter als auch die Sucher von Gesellschaft entweder keinerlei gemeinsamen Kontext haben, keine Kompromissbereitschaft oder einfach in bestimmten Regionen des deutschsprachigen Raums nicht vorhanden sind.“ Die Verantwortlichen haben auch festgestellt, dass manche der Kontaktsuchenden „vergessen haben, wie sie denn wieder Anschluss an die Gesellschaft finden können. Gründe dafür können Gewohnheiten, psychologische oder physiologische Herausforderungen sein“. Aus diesem Grund soll aus der Initiative ein Präventionsnetzwerk entstehen.

Anregungen zum Nachdenken

Des Themas Einsamkeit angenommen hat sich in diesem Jahr die Kulturambulanz, mit dem Zusatz „neue Perspektiven“. Es gehe darum, nicht nur die offensichtlichen Fragen zu bearbeiten, sondern auch ungewöhnlichere Sichtweisen einzunehmen, erläutert Achim Tischer, Leiter der Kulturambulanz. Die Fragen, denen mit einer Reihe von Veranstaltungen, Expertengesprächen, aber auch mit Berichten von Betroffenen nachgegangen wird: Wo entsteht Einsamkeit und wie? Und was hilft, wenn man von Einsamkeit bedroht ist?

Dass Menschen, die ganz unterschiedliche Erfahrungen mit Einsamkeit gemacht haben, bei den Veranstaltungen zu Wort kommen, habe sich bewährt, sagt Tischer: „Es geht nicht darum, dass jemand von seinem Leid erzählt, sondern dass er berichtet, wie er für sich einen Weg gefunden hat, mit Einsamkeit umzugehen.“ Der Reigen der Gäste sei bewusst ausgedehnt, beispielsweise auch auf Menschen, die die Einsamkeit suchen. Künstler kamen unter anderen zu Wort, eine Eremitin und eine Palliativmedizinerin, die über Einsamkeit und Tod sprach. Weitere geplante Veranstaltungen der Reihe im Haus im Park sind: „Gitarrenlieder der Einsamkeit und Liebe“ am 15. September, 16 Uhr; Erzählbar: Einsamkeit und Krisen am 19. September, 19.30 Uhr; „Wish you were here“, Konzert, 3. November, 16 Uhr; „Komm! Ins Offene, Freund“, Gastmahl gegen Einsamkeit, 9. November, ab 11 Uhr. Details unter www.kulturambulanz.de.

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