Ehrenamt Helfer im Unruhestand

Der Bremer Senior Service blickt auf 20 Jahre ehrenamtliche Arbeit zurück. Jüngere Menschen werden mit der Berufserfahrung von Älteren in ihren wirtschaftlichen Unternehmungen unterstützt.
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Von Emma Gaster

Teresa Di Giorgio hat große Pläne: Die 27-jährige möchte ein Restaurant in Schwachhausen eröffnen. Was auf die Karte soll, weiß sie bereits. Wie viel Personal sie braucht, hat die Studentin sich schon überlegt. Wie ein Restaurant läuft, hat sie von ihrem Vater Egidio Di Giorgio, dem Geschäftsführer vom Restaurant Municipo Danato in Hemelingen gelernt. Sie ist praktisch im Gastronomiebereich aufgewachsen. Aber wie startet man richtig? Was muss man bei der Gründung eines eigenen Restaurants noch beachten? Wo soll das Kapital her? Mit all ihren Fragen ist Di Giorgio zum Bremer Senior Service e. V. (BSS) gegangen und hat dort Antworten gefunden.

„Unsere Berater sind Ex-Manager, Ex-Firmenleiter und so weiter, die alle in Pension sind. Aber im Unruhestand“, sagt Klaus Klasen schmunzelnd. Er ist der stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Vereins, der dieses Jahr sein 20-jähriges Bestehen gefeiert hat. Das Ziel des BSS ist nach all den Jahren weiterhin gleichgeblieben: Jüngere Menschen mit der Berufserfahrung von Älteren in ihren wirtschaftlichen Unternehmungen zu unterstützen. Sie würden dabei ganz nach dem Motto vom ehemaligen Bürgermeister Henning Scherf leben: „Grau ist bunt“, sagt Sabine Kallmann, jetzt die Vorstandsvorsitzende des BSS, ehemals Arbeitsrichterin und Präsidentin des Bremer Arbeitsgerichts.

"Ich bewerte erstmal"

Praktisch sieht der ganze Vorgang dann wie folgt aus: Jemand braucht Beratung bei einer Firmengründung, Krisen im Unternehmen oder der Expansion. Er wird auf den BSS aufmerksam, über die Webseite, Mund-zu-Mund Propaganda oder auch Fallbearbeitern beim Jobcenter, sagt Klasen, und füllt als aller Erstes ein Formblatt mit grundlegenden Informationen über sich und seine Problemstellung aus.

Danach wird der stellvertretende Vorstandsvorsitzende dann aktiv: Er nimmt die Aufträge an und sortiert einige aus. „Ich bewerte erstmal und gucke ob das nicht eine total idiotische Idee ist“, sagt Klasen. Dann leitet der ehemalige Groß- und Außenhandelskaufmann die Aufträge an seine 45 bis 50 Berater weiter, ganz nach deren geschäftlichem Umfeld. Auf diese Experten kommt dann die größte Aufgabe zu: zu unterstützen, wo es nur geht und das komplett honorarfrei.

„Da mische ich mich nicht mehr ein. Die Beratung dauert dann eine Woche, einen Monat oder auch Jahre.“ Termine machen die Kunden und Berater individuell aus, die Berater arbeiten teilweise vier bis fünf Stunden in der Woche mit ihren Schützlingen.

Kallmann ist neben ihrer Rolle als Vorstandsvorsitzende auch weiterhin beratend tätig, da sei sehr viel Psychologie dabei, sagt sie. „Man muss die Leute abstützen, ermutigen oder auch mal sagen da muss ein P davorgesetzt werden.“ Sie schiebt als Erklärung für die Jüngeren hinterher: „Da machen wir einen Break.“ Manchmal empfehle sie Menschen auch, sich einen Partner für ihr Unterfangen zu suchen, um die Last des eigenen Unternehmens nicht alleine tragen zu müssen.

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Steuerrechtlich darf der Verein nicht beraten, trotz der Juristen, die Mitglieder sind. Dafür übernehmen die Berater aber viele andere Aufgaben: Sie unterstützen die Kunden beim Erlangen von Kreditvergaben, schätzen ein, ob eine Personengesellschaft oder doch eine GmbH am besten passt oder führen Mediation bei Firmenübergaben. Kallmanns Erfahrung nach hätten die meisten Gründer auf zwei bestimmten Feldern Probleme: Finanzen und Akquise. „Man muss kalkulieren können welche Kosten haben ich, wie viel verlange ich am Markt. Nicht zu viel, dass ich nicht berücksichtig werde, aber nicht zu wenig, damit es auch auskömmlich ist.“

Zurzeit berät der BSS unter anderem eine Weinboutique in Lilienthal, das Kulturnetzwerk Zucker und begleitet eine Restaurantübernahme „Da kommen schon präsentable Sachen zusammen“, so Klasen. Aber sie hätten es auch schon mit Fällen von Scheinselbstständigkeit oder Schwarzarbeit zu tun gehabt. „Manchmal musste ich nach einem Beratungsgespräch den Zoll zu einem Arbeitgeber schicken“, sagt der stellvertretende Vorsitzende.

Eine bestimmte Geschichte erzählt er aber mit einem konstanten Lächeln im Gesicht: „Einer unserer Berater rief mich mal von einem Termin und sagte: ‚Die Dame kam aus ihrem Haus mit einem Ganzkörper-Katzenkostüm!‘“ Sie habe angegeben sich als Katzenmama und Katzenpsychologin selbstständig machen zu wollen. „Nun macht sie auch Katzenspielzeug, sie hat mittlerweile drei Angestellte und kann gar nicht genug produzieren!“ Manchmal sei man schon verblüfft, fügt Kallmann hinzu, bei welchen Vorhaben es am Ende läuft wie geschmiert.

Nicht ohne Stolz

Am Ende einer Beratung kann der BSS etwas Besonderes ausstellen: eine fachkundige Stellungnahme der fachkundigen Stelle. „Dieses Formblatt für das Jobcenter, die Agentur für Arbeit oder die Rentenkasse sagt am Ende aus, ob die vorgestellte Geschäftsidee für tragfähig gehalten wird oder nicht“, erklärt Klasen. 99 Prozent dieser Institutionen würden so eine Stellungnahme annehmen und den Kunden anschließend unterstützen.

Doch nach all den Gesprächen, Formularen und Hilfestellungen, klappen dann die Geschäftsideen der Menschen auch langfristig? Klasen führt dazu eine genaue Statistik: „Ich rufe jedes Jahr zu Weihnachtszeit die Leute an, die vor zwei Jahren gegründet haben.“ Die, die Arbeitslosengeld I beziehen, seien dann noch zu 70 Prozent erfolgreich dabei, sagt er nicht ohne Stolz. Bei jenen aus dem freien Sektor sei die Zahl ähnlich, nur diejenigen mit Arbeitslosengeld II täten sich langfristig sehr schwer.

Für Teresa Di Giorgio ist nun der nächste Schritt, die Bremer Aufbaubank von ihrem Vorhaben zu überzeugen und einen Kredit genehmigt zu bekommen. Unterstützt wird sie dabei von ihrem BSS-Berater Peter Wilkens. Noch haben die beiden keine Rückmeldung auf die vielen Dokumente, die sie der BAB zuschicken mussten. Darunter ein Businessplan, eine Selbstauskunft und Lebensläufe. Di Giorgio ist froh, dass es die Möglichkeit gibt, bei dem großen Berg an Formularen Hilfe zu bekommen.

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