Interview mit Hermann Pribbernow

"Ich bin voller Tatendrang"

Hermann Pribbernow, Leiter des Kippenberg-Gymnasiums, geht in den Ruhestand. Er bilanziert seine Laufbahn und die Entwicklungen im Schulsektor.
01.08.2018, 08:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Silke Hellwig
"Ich bin voller Tatendrang"

Hermann Pribbernow verlässt das Kippenberg-Gymnasium. Viele Entwicklungen an Bremens Schulen sieht er kritisch.

Christina Kuhaupt

Herr Pribbernow, Sie sind von heute an im Ruhestand, nach fast 40 Jahren im Schuldienst. Welche Entwicklungen haben Sie in dieser Zeit beobachtet?

Hermann Pribbernow: Was mich am meisten umtreibt, ist, dass wissensbasierter Unterricht zunehmend von Kompetenzunterricht abgelöst wird. Die Wissensgesellschaft braucht jedoch abrufbares, gesichertes Wissen und nicht nur Kenntnisse, wo man etwas nachgucken kann.

Sie reden von dem, was man Urteils-, Entscheidungs- und Teamfähigkeitskompetenz nennt. Dagegen kann man eigentlich nichts haben.

Alles das gehört seit jeher zur Schule dazu, ohne dass man es explizit benannt hat. Aber wenn das alles ist, was man aus der Schule mitnimmt, ist es zu wenig. Das Ziel des Gymnasiums muss wieder werden, nicht nur Studierberechtigungen zu vergeben, sondern die Studierbefähigung zu garantieren.

Was hat sich noch an der Schule verändert?

Die Autorität des Lehrpersonals verfällt fortschreitend. Das begann mit Äußerungen des ehemaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder über Lehrer als faule Säcke und endet bei Helikopter-Eltern, die Entscheidungen von Lehrern bis zur Planung der Klassenfahrt kontrollieren und infrage stellen, mitunter gefördert von bestimmten Verwaltungseinheiten.

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Was meinen Sie mit gefördert?

Manche Eltern wählen bei Beschwerden gleich den direkten Weg zur Behörde. Lehrer, vor allem junge, fühlen sich von dieser oft allein gelassen. Es ist die Aufgabe der Schulleitung, sich schützend vor sie zu stellen. Ich habe das immer gemacht, damit sie nicht verunsichert werden.

Lehrer und Schulleiter machen sich in der Öffentlichkeit mit Meinungsäußerungen rar. Der Fall der Schulleiterin des Gymnasiums Horn, die sich gegen die Inklusion wehrt, ist die absolute Ausnahme. Sie sind als Beamte zu Loyalität verpflichtet, aber Richter sind das auch und vertreten dennoch ihre Interessen. Dass das in Ihrem Berufsstand anders ist, könnte ein Problem der Bildungsmisere sein.

Schulleiter, die sich intern gegen Entscheidungen der Behörde wehren, machen sich unbeliebt. Ich bin dort auch schon mehrfach hinzitiert worden und musste einem Gremium Rede und Antwort stehen. Aber es liegt in meinem Naturell, mir meine Meinung nicht nehmen zu lassen.

Was hat sich in der Qualität der Lehrer und Schüler verändert?

Auf meine Lehrer lasse ich nichts kommen, die Unterrichtsqualität stimmt. Wir als begehrtes innenstadtnahes Gymnasium bekommen immer noch so viele Bewerbungen, dass wir uns die Besten aussuchen können. Das ist nicht überall so. Aber nicht wenige Lehrer liebäugeln damit, ins niedersächsische Umland zu wechseln, weil dort das Unterrichtspensum geringer und die Bezahlung höher ist. Dort sind die Klassen außerdem oft kleiner und die Ausstattung weitaus besser.

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Und wie sieht es bei den Schülern aus?

Dort gibt es Entwicklungen, die mir ebenfalls große Sorgen bereiten. Eigentlich müssen die Leistungen der Schüler, die das Gymnasium besuchen, in Deutsch, Mathematik und Arbeitslehre über dem sogenannten Regelstandard liegen. Wir bekommen Schüler, deren Leistungen darüber liegen, aber teilweise können sie dennoch nicht richtig lesen und schreiben. Außerdem werden Plätze an Gymnasien mit Kindern unter dem Standard aufgefüllt. Es gibt Gymnasien, bei denen das bei 50 Prozent der Kinder der Fall ist.

Das Gymnasium muss bei ihnen nachholen, was die Grundschule versäumt hat.

So ist es. Was die Grundschule schon ihrem Namen nach leisten soll, nämlich für Grundlagen sorgen, geschieht nicht mehr oder nicht immer in ausreichender Form. Ich bin kein Grundschul-Experte, aber die Methode Schreiben nach Gehör führt sichtbar zu verheerenden Folgen in den weiterführenden Schulen. Bei dieser Methode werden Fehler nicht mehr korrigiert, falsche Wortbilder prägen sich langfristig ein. Auch Kopfrechnen und Diktateschreiben scheinen aus der Mode gekommen zu sein. Die Folgen für die weitere Schullaufbahn sind ebenfalls negativ.

Was geschieht mit diesen Schülern?

Sie bekommen nachmittags Förderunterricht, aber es ist ein gewaltiges Pensum, das sie aufholen müssen. Manche bleiben bei uns, verlassen das Gymnasium aber nach der 9. Klasse mit dem, was man früher Hauptschulabschluss nannte.

Ist es nicht besser, wenn man den Eltern ans Herz legte, ihre Kinder auf eine andere Schule zu schicken?

Bei Schülern, die schon in der fünften oder sechsten Klasse mehrere Fünfen auf dem Zeugnis haben, reden wir mit den Eltern. Nicht alle sind einsichtig. Ihnen ist das Klima am Kippenberg-Gymnasium wichtig. Sie sind froh, wenn sie sich nicht sorgen müssen, dass ihr Kind in der Pause vermöbelt wird. Obendrein haben die Oberschulen wenig Interesse, die Schüler aufzunehmen. Sie argumentieren, dass sie nicht der Reparaturbetrieb der Gymnasien sind und dass ihre Klassen voll sind.

Das heißt, dass das Gymnasium kein Gymnasium in dem Sinne mehr ist, dass es besonders leistungsfähige Schüler unterrichtet.

Wenn man Kinder hier beschult, die den Leistungsansprüchen auf Dauer nicht genügen, werden sie enttäuscht. Sie gehen in die innere Emigration, schwänzen, meiden die Schule oder werden aggressiv. Auch die Schule insgesamt leidet. Die Abschaffung des Sitzenbleibens in den Klassen 5 bis 8 verschärft den Leistungsabfall zusätzlich. Auch sonst wurden die Anforderungen an die Leistungen deutlich gesenkt. Wenn man die Sicherung eines bestimmten Leistungsniveaus so negiert, hängt zwar noch das Schild Gymnasium über der Eingangstür, aber es ist kein Gymnasium mehr darin.

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Nun könnte man sagen, dass Sie zu einer Lehrergeneration gehören, die einer Vergangenheit nachhängt, in der alles besser war.

Dazu kann ich nur sagen: Alte Leute haben keine Angst vor der Zukunft, das macht sie gefährlich. Wir können uns leisten, gegen den Zeitgeist Wahrheiten zu benennen oder Mängel zu beklagen, ohne uns Sorgen zu machen, dafür abgestraft zu werden.

Verlassen Sie den Schuldienst frustriert?

Ich verlasse ihn voller Tatendrang. Ich hatte immer meine eigene Meinung zu politischen Beschlüssen, aber ich habe sie als Beamter trotzdem loyal umgesetzt. Jetzt, im Ruhestand, werde ich politisch aktiv, um diese Fehlentwicklungen zu benennen, sie zu stoppen und meinen Teil dazu beizutragen, dass Bildungspolitik bald anders aussieht. Darauf freue ich mich.

Wofür werden Sie sich starkmachen?

Bremen braucht eine Unterrichtsreserve von zehn Prozent. Wir reden oft über Unterrichtsausfall, aber dabei wird nur geguckt, in welchen Stunden die Schüler tatsächlich keinen Unterricht haben. Stunden, in denen fachfremde Lehrer vertretungsweise einspringen, werden gar nicht in die Bilanz einbezogen.

Was noch?

Das Turbo-Abi nach acht Jahren ist ein großer Irrtum, der schleunigst abgestellt werden muss. Andere Bundesländer haben das längst eingesehen und die Konsequenzen gezogen.

Warum hält Bremen daran fest? Spart man damit Personal?

Nein, überhaupt nicht. Ich vermute, dass die Gymnasien abschreckend wirken und die Oberschulen so gestärkt werden sollen. Ich glaube ohnehin, dass Bremen aus ideologischen Gründen weiterhin auf dem Weg zur Einheitsschule ist, ohne dass das klar benannt wird, um Wähler nicht zu verprellen. Man kann aber nicht alle Schülerinnen und Schüler über einen Kamm scheren. Allein hier bei uns sind die Leistungsunterschiede gewaltig. Man tut den Kindern und ihrer Bildung keinen Gefallen, wenn man das negiert. Das hat sich in Bremen in den vergangenen Jahren überdeutlich gezeigt.

Das Gespräch führe Silke Hellwig.

Info

Zur Person

Hermann Pribbernow

war von März 2003 bis Ende Juli Schulleiter des Kippenberg-Gymnasiums. Vorher unterrichtete er als Studienrat und Oberstufenkoordinator in Stuhr-Brinkum.

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