Syrer macht sich selbstständig

Ein Traum ist in Erfüllung gegangen

Die Geschichte von Idris Ali ist eine Geschichte, die Mut macht. Wie es dem geflüchteten syrischen Maßschneider gelang, sich mit seiner eigenen Änderungsschneiderei selbstständig zu machen.
24.08.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Ein Traum ist in Erfüllung gegangen
Von Sigrid Schuer
Ein Traum ist in Erfüllung gegangen

Idris Ali und seine Mentorin Aalfke Bordeaux in der neu eröffneten Nähambulanz in der Falkenstraße 42.

Roland Scheitz

Idris Ali strahlt. Er fühlt sich nun endgültig in Bremen angekommen. Denn mit der Neueröffnung der Änderungsschneiderei in der Falkenstraße 42 ist für ihn ein großer Traum in Erfüllung gegangen. Der studierte Modedesigner brennt für sein Metier, die Schneiderei. Den pfiffigen, neuen Namen Nähambulanz hat sich Aalfke Bordeaux ausgedacht. Seit 2015, als viele Geflüchtete nach Bremen kamen, ist die Bremerin aus dem Viertel seine Mentorin. Alis Geschichte ist geprägt von menschlicher Empathie. Eine Geschichte, die Mut macht. Idris Ali floh damals aus Syrien gen Westen und wurde zunächst, wie viele andere Geflüchtete, in Zelten untergebracht. Eine von den vielen Bremerinnen und Bremern, die sich damals um die Menschen kümmerten, um ihnen das Ankommen in einem fremden Land zu erleichtern, war Aalfke Bordeaux. „Wir haben jeden Donnerstag im Freizeitheim in Findorff zusammen gekocht“, erzählt sie. Als sich mit dem Umzug in feste Wohnungen die Kochgruppe allmählich auflöste, stand sie ihrem Schützling weiterhin als Mentorin zur Seite.

Als staatenlose Kurden hätte er mit seiner Frau und seinen Kindern kaum Rechte in Syrien gehabt, erzählt Idris Ali. Seit 2018 ist er nun mit seiner Frau Ronaz und den vier Kindern wieder in Bremen vereint. Drei Jahre zuvor, kaum in Bremen angekommen, wurde er auch schon bei der Agentur für Arbeit vorstellig: „Ich habe gesagt, dass ich unbedingt arbeiten will!“ Doch sein Eifer wurde vorerst gebremst: Erst einmal müsse er Deutsch lernen, wurde ihm beschieden. Das B1-Niveau beherrscht er aus dem Effeff. Nach der corona-bedingten Zwangspause arbeitet er in einem weiteren Kursus nun fleißig daran, das B2-Niveau zu erreichen.

Als Maßschneider in Damaskus

Idris Ali ist vom Fach. In Syrien hat er von 1993 bis 2011 als Maßschneider gearbeitet, davon sieben Jahre allein in Damaskus. In seiner eigenen Maßschneiderei schneiderte er mit seinen Mitarbeitern der Kundschaft Anzüge, Kleider, Mäntel, Blusen und Röcke auf den Leib. „In Syrien gibt es kein Leben mehr“, beschreibt er resignierend die Lage in dem völlig zerstörten Land, in dem es auch keine Versorgung mit Strom und Gas mehr gebe. In seinem Heimatland werde von verschiedenen Nationen und Gruppierungen ein Stellvertreter-Krieg geführt. Dabei gehe es vor allem um den Ölreichtum Syriens.

Erst vor Kurzem flog eine Handgranate in das Haus der Schwester seiner Frau und verletzte diese an Händen und Beinen. Von seiner in der multiethnischen Stadt Kamischli im Nordosten Syriens verbliebenen Verwandtschaft weiß er, dass dort mittlerweile über 1000 Menschen um wenige Laibe Brot kämpfen. Die Situation in dem vom Bürgerkrieg geschundenen Land hat sich seit Beginn der Corona-Pandemie noch einmal verschärft.

Bevor er das Geschäft in der Falkenstraße übernehmen konnte, hat Idris Ali in Änderungsschneidereien in Findorff und an der Bischofsnadel gearbeitet. Ein halbes Jahr bekommt er für sein eigenes Geschäft von der Agentur für Arbeit eine Anschubfinanzierung, dann muss der Laden laufen. Dass er läuft, diesen Eindruck gewinnt man bei einem Besuch. Idris Ali ist ein Mann für alle Fälle. So ist er auch auf das Nähen von Leder und Jeansstoff geeicht. Und einen Bügelservice bietet er obendrein an. Sein Vorgänger, Francesco Vivone, ist schließlich an gleicher Stelle eine Institution gewesen. Bei allem, was dazu gehört, wenn sich jemand selbstständig macht, ist dem Syrer Aalfke Bordeaux behilflich. Gemeinsam haben sie Businesspläne für die Agentur für Arbeit erstellt. Schließlich kam von dort grünes Licht für die eigene Änderungsschneiderei. Eine Steuernummer sowie eine Steueridentifikationsnummer mussten beantragt werden. Der Schneider muss auch ein Kassenbuch führen. Jetzt fehlt noch der Business-Eintrag im Internet. Und Bordeaux ist noch auf der Suche nach einem passenden Steuerberater und jemandem, der ihrem ­Mentee vielleicht eine Internet-Seite bauen könnte.

Dass dem Maßschneider mit seiner Familie eine „unzumutbare“ Wohnung in der Lüssumer Heide zugewiesen wurde, verschimmelt und mit kaputter Heizung, wie Bordeaux es beschreibt, wollte die Mentorin nicht hinnehmen. „Ich habe eine Anzeige auf Bremen.de aufgegeben, dass ich eine größere Wohnung für eine von mir betreute Flüchtlingsfamilie suche“, erzählt sie. „Schon am nächsten Tag bekam ich einen Anruf von einer Lehrerin aus der Kirchbachstraße. 100 Quadratmeter im Hochparterre mit großem Garten für 900 Euro Miete“. Das sei dann trotz des Schwachhausen-Aufschlages, der von Amts wegen gewährt wird, noch rund 60 Euro zu teuer gewesen. Die Vermieterin, die selbst ein wenig Türkisch spricht, war auf Anhieb angetan von der Familie und schloss besonders die Kinder ins Herz.

Als ihr Aalfke Bordeaux davon erzählte, dass die Wohnung lediglich 839 Euro kosten dürfte, war es für die Vermieterin keine Frage, den Mietvertrag noch einmal zu günstigeren Konditionen zu ändern. Besonders für Alis Kinder ist die Adresse in Schwachhausen ein absoluter Glücksgriff: Sie besuchen nun die Schule an der Gete beziehungsweise die Oberschule an der Julius-Brecht-Allee. Bessere Voraussetzungen für den Start in die Zukunft kann es kaum geben. „Ich bin so froh, dass meine Kinder hier ohne Angst zur Schule gehen können. Ich bin sehr zufrieden und glücklich hier in Bremen“, sagt Idris Ali. Sein Fazit: Dem ehrenamtlichen Engagement von Bremerinnen und Bremern habe er ganz viel zu verdanken. Besonders Aalfke Bordeaux ist für ihn zu einer Freundin geworden, die er um nichts in der Welt missen möchte.

Weitere Informationen

Die Nähambulanz, Falkenstraße 42, ist Montag bis Freitag von 10 bis 13 und von 15 bis 18 Uhr sowie Sonnabend von 10 bis 13 Uhr geöffnet.

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