Kinder benötigen häufiger Unterstützung

Immer mehr Schulkinder mit seelischen Behinderungen

Immer mehr Schulkindern wird attestiert, sie hätten eine seelische Behinderung. Haben heute mehr Kinder größere Probleme, oder wird Förderbedarf heute häufiger diagnostiziert? Experten geben Auskunft.
19.09.2018, 06:00
Lesedauer: 4 Min
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Immer mehr Schulkinder mit seelischen Behinderungen
Von Sara Sundermann

Die Zahl der Kinder, denen eine seelische Behinderung attestiert wird, und die deshalb einen Anspruch auf Förderung in der Schule haben, ist in den vergangenen Jahren um ein Vielfaches gestiegen. Diese Kinder haben das Recht, von einer Assistenzkraft im Unterricht begleitet zu werden. Bremer Wohlfahrtsverbände verweisen auf einen starken Anstieg, Zahlen der Behörde bestätigen dies.

Im Schuljahr 2014/15 wurde die Diagnose und das Recht auf eine Assistenz zunächst nur für 13 Kinder in Bremen bewilligt, zwei Jahre später waren es bereits 97, im laufenden Schuljahr dann 225 Kinder. Dabei stieg sowohl die Zahl der Anträge, die für Kinder gestellt wurden, als auch die Bewilligungsquote der Behörde. Die Möglichkeit, aufgrund einer seelischen Beeinträchtigung besonders gefördert und von einer Assistenzkraft im Unterricht begleitet zu werden, wird in Bremen der Behörde zufolge erst seit 2014 umgesetzt.

Kinder, denen Teilhabe in der Schule wegen psychischer Belastungen nicht möglich ist – dies wird bei Behörden als „seelische Behinderung“ bezeichnet – machen nur einen kleinen Teil der Kinder aus, denen sonderpädagogischer Förderbedarf bescheinigt wird. Die deutlich größte Gruppe der Förderkinder haben eine Beeinträchtigung im Bereich Lernen, Sprache und Verhalten, kurz LSV – dies sind meist Kinder, die langsamer lernen.

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Aber auch die Förderquote insgesamt, also der Anteil von Kindern, denen aus verschiedenen Gründen Unterstützungsbedarf attestiert wird, steigt bundesweit – und in Bremen zuletzt sehr deutlich. Im Schuljahr 2010/11 wurde der Behörde zufolge für sechs Prozent der Viertklässler in Bremen ein sonderpädagogischer Förderbedarf attestiert, im Schuljahr 2015/16 traf dies auf 10,8 Prozent zu. Für die beiden Folgejahre kann die Behörde keine Werte für diese Förderquote nennen.

Die absolute Zahl der Förderkinder an Grundschulen und in der Sekundarstufe I stieg aber weiter an. Das deckt sich mit den Werten für Kitas: Dort verdoppelte sich zuletzt innerhalb von neun Jahren die Zahl der Kinder mit Beeinträchtigung. Woran liegt es, dass immer mehr Kindern ein Förderbedarf attestiert wird? Haben mehr Kinder größere Probleme? Wird Förderbedarf früher erkannt? Oder ist es heute weniger stigmatisierend, wenn einem Kind eine Behinderung attestiert wird, weil es dann zum Beispiel in Bremen weiter dieselbe Schule besuchen kann, so dass Eltern eher bereit sind, einem Antrag auf Förderbedarf zuzustimmen?

Zum Anstieg der Zahlen von Kindern mit seelischer Behinderung äußert sich Torsten Spranger, Sprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte in Bremen: „Natürlich sind die Zahlen für diese Kinder mit Anspruch auf Unterstützung gestiegen – die Möglichkeit, in solchen Fällen Förderung zu beantragen, gab es ja vorher gar nicht. Da heißt aber nicht, dass der Bedarf vorher nicht da war.“

„Man sieht heute das Problem klarer“

Er erklärt: Seelische Behinderung sei eine Kategorie aus dem Gesetzbuch, keine ärztliche Diagnose. "Dahinter können kombinierte Entwicklungsstörungen stecken, Grund dafür kann auch eine starke Bindungsstörung sein.“ Spranger stellt klar: „Wir wissen, dass es in Bremen besonders schlecht gelingt, Kindern aus sozial schwachen, bildungsfernen Familien einen schulischen Aufstieg zu ermöglichen. Also wurde hier zunehmend nachgebessert, man sieht heute das Problem klarer. Kinderärzte weisen seit Jahren darauf hin, dass viele Kinder aus sozial schwachen Familien ohne Unterstützung den Anschluss in der Schule nicht schaffen.“

Er macht deutlich: „Ich kann als Kinderarzt nicht dafür sorgen, dass es an den Schulen mehr Lehrer gibt, die sich mit Inklusion auskennen, aber ich kann dafür sorgen, dass Eltern erfahren, dass ihr Kind ein Recht auf Förderung hat.“ „Wenn es neue Möglichkeiten der Unterstützung gibt, dann spricht sich das herum, und sie werden auch von Eltern in Anspruch genommen“, sagt auch Frank J. Müller, Professor für inklusive Pädagogik an der Bremer Uni.

Müller forscht zu Inklusion und hat als Sonderpädagoge an einer Schule in Berlin mit Kindern mit und ohne Behinderung gearbeitet. Müller geht nicht davon aus, dass die seelischen Probleme von Kindern größer werden – eher dass sie sichtbarer werden. An der erhöhten Zahl von Assistenzen werde aber auch deutlich, dass Schulen und Eltern den Eindruck hätten, mit dem vorhandenen Lehrerpersonal den Kindern nicht gerecht zu werden.

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Die Entwicklung, dass immer mehr Assistenzen an Schulen im Einsatz sind, sieht er nicht nur positiv: „Manchmal ist eine persönliche Assistenz für ein Kind sinnvoll, aber klar ist: Neben dem Kind sitzt dann immer die Assistenz und kein anderes Kind – das kann isolierend wirken. Besser wäre oft, wenn es zwei Lehrkräfte gibt, die sich um die Klasse kümmern, ohne dass Kinder etikettiert werden.“

Keine Assistenzkraft für die Kinder da

Zuletzt gab es für 40 Kinder mit seelischer Beeinträchtigung trotz anerkannten Bedarfs keine Assistenzkraft – es herrscht Fachkräftemangel. Auch das Verfahren für die Bewilligung ist aufwendig, viele verschiedene Stellen sind involviert. Zudem sind dafür zwei Ressorts zuständig: Die Vorarbeit für die Beantragung liegt bei der Bildungsbehörde, die Bewilligung bei der Sozialbehörde.

Diese Trennung wird von der Landesarbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtsverbände (LAG) kritisiert: „Notwendig wäre, die Bearbeitung in einem Ressort zu vereinen“, sagt LAG-Sprecher Arnold Knigge. Auch Elternvertreter vom Zentralelternbeirat sprechen sich dafür aus, dass der Bereich Assistenzen bei nur einer Behörde liegen sollte, vorzugsweise vom Bildungsressort. Angedacht ist nun im Bremer Senat, Beantragung und Bewilligung künftig zunächst für einen Zeitraum von fünf Jahren bei der Sozialbehörde zu bündeln.

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