Herbstserie „Auszeit“

In den Garten Eden und dann hoch hinauf

Oft nimmt man sie in der Hektik des Alltags gar nicht richtig wahr, aber es gibt sie auch in der Bremer Innenstadt: Orte zum Atemholen, Plätze für eine kleine Pause.
01.10.2018, 21:22
Lesedauer: 5 Min
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In den Garten Eden und dann hoch hinauf
Von Nina Willborn
In den Garten Eden und dann hoch hinauf

Der Bibelgarten am Dom ist ein guter Ort, um Ruhe und Besinnung zu finden.

Christina Kuhaupt

Irgendwas ist ja immer, wenn man sich aufmacht in die Innenstadt. Etwas zu arbeiten im Büro, etwas einzukaufen in Obern- oder Sögestraße, etwas zu erledigen im Stadtamt und so weiter. Routinegänge mit eher überschaubarem Erholungswert. Wer in die City kommt, sucht selten Ruhe. Aber warum eigentlich nicht? Auch rund um Bremens gute Stube – ausgesprochen bitte unbedingt mit so schön hanseatisch gestolpertem „St“ – gibt es Orte, an denen man sich erholen oder ablenken kann. Ein Spaziergang vom Dom bis in die Faulenstraße.

Ein paar Meter nur sind es von der lärmigen Domsheide. Eingekuschelt zwischen Südseite des Doms und die Rückfront der Glocke liegt er da, der Bibelgarten. Wer das schmiedeeiserne Tor passiert, nimmt die Hektik der Innenstadt kaum noch wahr. Der Blick fällt sofort auf den steinernen Jakobus, der Pilgern und Gartenbesuchern stumm seinen Gruß entbietet, danach auf das Efeu, das sich über das Gemäuer rankt.

Wenn das Wetter es zulässt oder die Jacke dick genug ist, setzt man sich auf eine der Bänke oder einen der Außenplätze des Glocke-Cafés „D’Oro“, liest vielleicht ein paar Seiten in einem Buch, isst etwas oder lässt die Ruhe dieses Fleckchens auf sich wirken, das aussieht, als wäre es immer schon da gewesen. Das stimmt natürlich nicht, die älteren Bremer wissen es, der Bibelgarten mit seinen Beeten dort, wo im Mittelalter der Dom-Kreuzgang war, ist ein Nebenprodukt der letzten großen Renovierung im Jahr 1998.

Ein Ort des Verweilens

Wer Glück hat, trifft bei seinem Besuch in diesem kleinen Eden Menschen wie Jutta-Marie Töbelmann und Michael Paul. Sie gehören zum Kreis der Bibelgärtner, die sich übers Jahr um die mehr als 60 verschiedenen Pflanzen kümmern. Narde, Ysop, Rhizinus, Datteln und Taumellolch: Der Name Bibelgarten ist im Wortsinn zu verstehen, hier gedeiht, was schon im Alten und Neuen Testament erwähnt wird. An welchen Stellen genau, steht auf den Porzellanschildern neben den Pflanzen in fünf verschiedenen Themenbeeten.

Schnoor - Serie „Auszeit“

Schnoor-Gast Thilo Forkel beim Kaffeesieren.

Foto: Christina Kuhaupt

„Im vergangenen Jahr haben wir zum ersten Mal Hopfen geerntet, in diesem Jahr auch Kürbisse“, erzählt Jutta-Marie Töbelmann. Wein wächst hier auch, die windgeschützte Domseite und die wärmespeichernden Mauern lassen die Trauben regelmäßig zu guter Qualität und einer „Cuvee Bibelgarten Plus“ heranreifen. „Wir versuchen, den Garten zu einem Ort des Verweilens zu machen“, sagt Paul, „aber auch zu einem Ort, an denen wir den Menschen die biblischen Geschichten näher bringen wollen.“

Die mit dem Apfel im Paradies zum Beispiel, der nach Meinung nicht nur der Bremer Gärtner eher kein Apfel gewesen sein kann, weil Apfelbäume in Mesopotamien äußerst selten vorkamen, sondern wahrscheinlich eher eine Feige oder eine Dattel war. Vom Bibelgarten sind es nur ein paar Schritte bis in den Innenhof der Bürgerschaft, wo man bei den fünf Bronzeskulpturen aus den Jahren 1960 bis 1969 von Gerhard Marcks verweilen kann. Auch hier wähnt man sich plötzlich weit weg vom Trubel rund um den Marktplatz.

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Aber ein bisschen mehr Action darf es jetzt doch sein, schließlich kann eine Auszeit ja neben Ruhe und Andacht auch Zerstreuung bedeuten. Auf ins Schnoorviertel also, das vielen Bremern nur dann in den Sinn kommt, wenn sie auswärtigem Besuch etwas bieten wollen – das legt zumindest eine kurze Umfrage im Kollegenkreis und die hohe Zahl von Funktionskleidung tragenden Menschen nahe, die, Kameras und Stadtpläne stets griffbereit, durch die mittelalterlichen Gassen wandeln.

Was immer aufs Neue die Touristengruppen staunen lässt, dass es links am Corcordenhaus tatsächlich weitergeht, und dass man die nur 50 Zentimeter schmale Gasse der Stadt auch ohne stecken zu bleiben mit Rollator oder Rollstuhl bewältigen kann, wissen die Bremer natürlich. Ebenso, dass man im Katzencafé, dem Ausspann natürlich und den vielen anderen Restaurants nicht nur schön sitzt, sondern auch überwiegend gute Küche geboten bekommt.

Ehrenamtliche Gärtner Bibelgarten - Serie "Auszeit"

Jutta-Marie Töbelmann und Michael Paul hegen die Bibelpflanzen.

Foto: Christina Kuhaupt

Aber auch, wer den Schnoor kennt, kann hier bei jedem Besuch etwa entdecken. Das vergilbte Schild „Einbruch zwecklos, kein Bargeld im Haus“ zum Beispiel an einem Schaufenster, den waghalsig auf einem Vordach abgestellten Blumentopf oder das kleine Sortiment antiquarischer Bücher, dessen Verkäufer auf die Ehrlichkeit seiner Kunden setzt und darum bittet, das Geld in den Briefkasten zu werfen.

Fast dörfliche Idylle

Und dann steht da plötzlich die Frage „Ist Leberwurst weltoffen?“, da wäre man jetzt so nicht unbedingt drauf gekommen, oder auch „Emanzipation ist sicherlich der Anfang vom Ende?“. Sie werden aufgeworfen vom sogenannten Sinnkalkulator, der in der Auslage des Räuberhauses auf Käufer wartet. Über beides denkt man dann auf dem kleinen Platz gleich neben der mit Blumen bepflanzten Telefonzelle eine Weile nach. Die Tische und Stühle dort gehören zum traditionsreichen Café Tölke, und wenn die Sonne auf die Mittagspause scheint und die ersten Touristengruppen des Tages schon zu den Stadtmusikanten weitergezogen sind, kann man in dieser fast dörflichen Idylle den lieben Gott für ein paar Stunden lang einen guten Bremer sein lassen.

Wenn man genug kaffeesiert hat, schlendert man noch eine Weile an den vielen Läden vorbei oder hält in einem von ihnen einen kleinen Schnack. In der Perlerie zum Beispiel erzählt Inhaberin Essi Kroll, dass sie den deutschen Winter nicht mag und sich deshalb schon jetzt auf ihre Auszeit Ende Februar in ihrer Heimat Togo freut. Nach dem Schnoor ist es Zeit für einen Perspektivwechsel, und den kann man auf dem Dach des Bamberger-Hochhauses von Julius Bamberger erleben.

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Der Weg führt die Weser entlang, vorbei an der Schlachte mit ihrer Gastronomie bis kurz hinter die Jugendherberge und von dort aus in die Faulenstraße. Die Nummer 67/69 war zu Beginn der 30er-Jahre das modernste Kaufhaus der Stadt, seit 2007 hat dort die Volkshochschule ihren Sitz. Mit dem Fahrstuhl geht es vorbei an acht Etagen Klassenzimmern, bis auf die Dachterrasse. Sie ist komplett vergittert, was die Höhenangst ganz gut in Schach hält.

Ein paar Bierbänke stehen herum, außerdem warten in großen Bäckerkisten die Ergebnisse des Gemüsejahres darauf, von den Volkshochschulkurs-Teilnehmern verarbeitet zu werden. Vom Flyover dringt das stetige Rauschen des Verkehrs herauf, dazu das Quietschen der Straßenbahnen, die in der Faulenstraße um die Kurve ächzen. Oben lässt man den Blick in alle Himmelsrichtungen über Bremen schweifen und mit ihm die Gedanken. Es ist ja einfach so: Manche Probleme und Sorgen werden kleiner, umso größer der Abstand ist, aus dem man sie betrachtet. Und wer völlig sorgenfrei herunterblickt, freut sich einfach über den Anblick der Stadt.

Info

Zur Sache

Quer durch die City

Der Bibelgarten ist im Sommer täglich von 10 bis 22 Uhr geöffnet, im Winter abends kürzer. Besucher finden direkt neben dem Eingang eine Broschüre mit Informationen. Im Sommer gibt es ein Mal im Monat eine öffentliche Führung (Termine werden auf der Internetseite des Doms veröffentlicht). Die ältesten Gebäude im Schnoor, das Packhaus und das Brasilhaus, stammen aus den Jahren 1401 und 1402. Andere Häuser sind Nachbauten oder besitzen nur noch die alte Fassade. Die Dachterrasse des Bamberger-Hochhauses, Faulenstraße 69, ist während der Öffnungszeiten der Volkshochschule (wochentags mindestens 7 bis 18 Uhr) zugänglich. Alle Orte sind mit Bus und Bahn erreichbar, Haltestellen Domsheide und Faulenstraße.

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