Crowdfunding von Bremer Projekt

Integrationsschmiede braucht Hilfe

Seit 500 Jahren gibt es die Adresse Schnoor 1 und 2. Mittlerweile ist dort das Künstlerhaus Ausspann beheimatet. Gar nicht altmodisch rufen dessen Vertreter nun zum Crowdfunding auf.
02.10.2018, 09:01
Lesedauer: 4 Min
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Von Anke Velten
Integrationsschmiede braucht Hilfe

Ronald Philipps leitet das Künstlerhaus Ausspann im Schnoor. Dort soll ein Ort der Begegnung entstehen.

Frank Thomas Koch

Ein sozialer Ort ist das Ensemble im Schnoor 1 und 2 bereits seit fast 500 Jahren. In früheren Zeiten konnten hier Reisende aus- und entspannen, Hochzeitspaare von Umzu mieteten sich ein, weil sie im Bremer Dom getraut werden wollten. Später wurde das urige Ambiente als Restaurant genutzt, in dem sich Bremer und Touristen gutbürgerlich bewirten ließen.

Seit gut zwei Jahren wird im Ausspann eine Form der Gastfreundschaft praktiziert, die Kunst, Kommunikation und Kulinarik mit Flüchtlingsarbeit verbindet. Der Laden brummt, das Haus ist voll, die Gäste sind begeistert und die Stadtoberen dankbar. Doch nun braucht das privat und ehrenamtlich geführte Projekt im touristischen Herzen der Stadt selbst dringend Unterstützung: Und zwar mindestens 7000 Euro.

Der Betrag könne als eine Art Überbrückungsgeld verstanden werden, erzählen Pächter Ronald Philipps und Gastronomin Ruth Degenhardt. Überstanden werden müsse die Zeit, bis ein Förderverein gegründet, das Projekt formal als gemeinnützig anerkannt und eingetragen ist, und als solches auch auf Mittel von Stiftungen und Sponsoren zählen kann. Das Ausspann sei „eine echte Integrationsschmiede“ lobte Sozialsenatorin Anja Stahmann kürzlich.

Haus steht allen offen

„Die Stadt unterstützt uns. Man will uns hier“, weiß Philipps. Finanzielle Mittel habe die klamme Behörde indes nicht übrig. „Weil keiner so richtig weiß, wo wir einzuordnen sind, stehen wir bislang noch vor lauter roten Ampeln“, erklären die beiden Künstlerkollegen. Vor einigen Tagen haben sie einen Crowdfunding-Aufruf gestartet, und setzen ihre Hoffnungen zurzeit vor allem auf Mäzene aus der Bremer Wirtschaft.

Dass es im Künstlerhaus Ausspann gemeinnützig zugeht, steht außer Frage. Pro Woche gehen durchschnittlich rund 400 geflüchtete Menschen im Haus ein und aus, berichtet Philipps. Männer und Frauen, Junge und Ältere, treffen sich in 14 Kunst- und Gesprächsgruppen.

Insgesamt 100 Bremerinnen und Bremer haben sich bislang ehrenamtlich im Ausspann engagiert. Das Haus steht allen offen, die sich auf die eine oder andere Art für Flüchtlinge einsetzen. Das sind zurzeit zum Beispiel Studierende der Universität Bremen, die Vereine Help a Refugee, der Fluchtraum Bremen, die Volkshochschule oder die gemeinnützigen Arbeitsvermittler von Port of Opportunity.

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Der Ursprung des Projekts liegt ein paar historische Schnoor-Häuser weiter – im Art 15, dem Atelier- und Galeriehaus, das von einer Künstlergruppe gemeinschaftlich geführt wird. Dort klopfte Mitte 2015 ein Herr an die Tür, der sich als der syrische Künstler Naser Agha vorstellte. „Er war damals in den Zelten an der Uni untergebracht und suchte einen Ort zum Malen“, berichtet Philipps.

Die Schnoor-Künstler gaben ihm sofort künstlerisches Asyl, ermöglichten ihm seine erste Bremer Ausstellung und nahmen ihn in ihre Gemeinschaft auf. „Im Laufe der Zeit kamen immer mehr Geflüchtete zu uns“, erklärt Philipps, „vor allem Frauen, die es in den Unterkünften nicht aushielten.“ Und im Laufe der Zeit wurde auch klar, dass die Atelierräume nicht für alle ausreichten.

Vor zwei Jahren betrat der Bildhauer und Digitalkünstler erstmals das historische Ensemble am Schnoor 1 und 2, das seit einigen Monaten neue Betreiber suchte. „Ich war direkt so begeistert, dass ich den Schlüssel gar nicht mehr hergeben wollte“, erzählt er. Der neue Eigentümer ließ sich von der Idee überzeugen, ein offenes Künstlerhaus mit Flüchtlingsangeboten, Kultur, Kursen und Gastronomie zu verbinden.

Integrationsprojekt begann sofort

Dass man kein Geld verdienen kann, wenn man so viel verschenkt, war allen Beteiligten natürlich von Anfang an klar. Doch es musste „ alles derart schnell gehen, dass wir den dritten Schritt vor dem ersten – der Vereinsgründung – gehen mussten“, berichtet Ruth Degenhardt. Hätte die Übernahme zu lange gedauert, wäre die Konzession nicht mehr unter den Schnoor-Bestandsschutz gefallen, erklärt sie.

Sie hätte neu und unter ganz anderen Bedingungen genehmigt werden müssen: „Das hätte eine sechsstellige Summe an Investitionen bedeutet.“ Philipps übernahm Pachtvertrag und Verantwortung, und das Integrationsprojekt begann sofort: Mehr als zwanzig Männer und Frauen aus Bremer Übergangswohnheimen halfen dabei, die Räume herzurichten, erzählt er. „Die Küche war eine einzige Fritteuse. Alleine für die gründliche Reinigung brauchten wir mehr als 400 Arbeitsstunden.“

Die Räume, die bis auf den letzten Winkel mit Sitzgruppen vollgestellt waren, wurden entrümpelt und konnten mit viel freiwilliger Unterstützung – auch durch Bremer Handwerksbetriebe – kostengünstig renoviert werden. Speicher, Hochzeitszimmer und „Bremer Stube“ dienen nun als Mal- und Multimediaatelier, Bildhauerei und Nähwerkstatt. Schmiede und Heuboden sind Galerie und Gasträume.

Unterstützung von vielen Seiten

Das Team von „Ruths Küche“ serviert hier moderne internationale Speisen, selbst gebackenen Kuchen und selbst gemachtes Eis, die „super gut“ angenommen werden, wie Ruth Degenhardt berichtet. Mit vielen Touristen komme man tagtäglich ins Gespräch. „Manche hatten vorher noch nie Kontakt zu Flüchtlingen und gehen hier mit einer ganz anderen Einstellung heraus“, erzählt Philipps. „Auch das ist Integration.“

Genug Geld, um das 350-Quadratmeter-Haus und all seine Angebote zu finanzieren, kann aber auch die Gastronomie nicht abwerfen. Unterstützung habe das Ausspann von vielen Seiten erfahren, betont Philipps. Wenn es um die Förderung spezieller Projekte, um konkretes Material gehe, sei es in Bremen überhaupt kein Problem, Hilfe zu finden. So vermittelte ein Bremer Fotogeschäft die Kameras, die die aktuelle Ausstellung im Hochzeitszimmer ermöglichten. Die Bilder entstanden im Rahmen eines Workshops, bei dem eine Gruppe von Flüchtlingen ihr Bild von Bremen festhielten, erzählt er. Ein potenziell großer Schatz sei auch das Erbe der im April verstorbenen Bremer Künstlerin Doris Lenkeit. Der Verkauf ihrer Werke soll dazu beitragen, das Projekt zu sichern. Außerdem hätten viele engagierte Privatleute aus seinem Umfeld in den vergangenen Monaten zinslose Darlehen gewährt, um die laufenden Miet- und Nebenkosten zu stemmen.

„Doch nun sind die Taschen leer und durchlöchert“, sagt Philipps. Über die Plattform www.startnext.com/kuenstlerhaus-ausspann hat der Ausspann daher einen seinen Spendenaufruf gestartet. 1350 Euro sind – Stand gestern – bislang über eine Crowdfunding-Website zusammengekommen. In den kommenden Wochen muss dieser Betrag verfünffacht werden. Anderenfalls ... – doch daran wollen Ronald Philipps und Ruth Degenhardt besser nicht denken.

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