Baustellen und Fachkräftemangel

„Das ist unglaublich viel Fleißarbeit“

Was passiert mit Baustellen auf Autobahnen und Bundesstraßen? Cord Lüesse und Gisela Schütt von der Autobahn GmbH sprechen über die Reform und den Verkehrsfluss, über Fachkräftemangel und Bürgerbeteiligung.
09.09.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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„Das ist unglaublich viel Fleißarbeit“
Von Pascal Faltermann
„Das ist unglaublich viel Fleißarbeit“

Gisela Schütt ist derzeit noch Leiterin des Straßenbauamtes in Verden. Ab 2021 übernimmt sie die Leitung der Außenstelle der Autobahn GmbH in Verden-Dauelsen.

Karsten Klama

Die Autobahn GmbH übernimmt von den Ländern die Zuständigkeit für Autobahnen und Bundesstraßen. Warum?

Cord Lüesse: Die Reform der Bundesfernstraßenverwaltung, über die wir reden, ist vom Bundestag beschlossen worden. Bislang lag aus historischen Gründen die Verantwortung bei den Ländern. Das hat Jahrzehnte lang funktioniert, aber natürlich gibt es einige Dinge, die bei einer zentralen, deutschlandweit agierenden Verwaltung anders und optimaler gestaltet werden können. Das war der Auslöser für die Reform.

Was versprechen sich Bund und Länder davon?

Lüesse: Bislang sind die Autobahnen nur in den Ländergrenzen betreut worden. Es ist aber wichtig, die gesamte Infrastruktur aus einer Hand zu verwalten, so wie es zum Beispiel auch bei den Bundeswasserstraßen der Fall ist. Der Bund hat so mehr Einflussmöglichkeiten, um Projekte zügiger voran zu treiben. Die Effizienz soll gesteigert werden, auch zum Beispiel was den Einkauf betrifft.

Was bedeutet das für den Autofahrer? Geht an den Baustellen dann alles schneller?

Lüesse: Idealerweise sollen die Verkehrsteilnehmer gar nichts von dieser Reform mitbekommen. Ein großer Vorteil ist, dass eben nicht mehr Baumaßnahmen bis zur Bremer Landesgrenze durchgeführt werden und ein paar Monate später geht es dann in Niedersachsen mit den Verkehrsbehinderungen weiter. Das wird optimiert.

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Was heißt das?

Lüesse: Es wird eine Verkehrszentrale Deutschland mit Sitz in Frankfurt geben, die die große, die übergreifende Koordinierung im gesamten Verkehrsnetz verantwortet. Umgesetzt wird das dann vor Ort, durch die regionalen Verkehrsmanagementzentralen. Dabei wird geschaut, dass bestimmte Fahrbeziehungen und der Verkehrsfluss erhalten bleiben. Es soll beispielsweise verhindert werden, dass eine ganze Region durch Bauarbeiten abgehängt wird.

In Bremen bildet sich fast gegen jedes Bauprojekt eine Bürgerinitiative. Wenn in Bremen keine Ansprechpartner mehr vorhanden sind, hat das doch Einfluss auf Beteiligungsprozesse?

Lüesse: Nein, es ist aus gutem Grund so, dass in Deutschland die Menschen ihre Rechte wahrnehmen können und sollen. Für Bürger, die Einwände und Ressentiments gegen Bauprojekte haben, wird sich nichts ändern. Beteiligungsprozesse sind gesetzlich vorgeschrieben, und wir wollen diese Prozesse weiter vorantreiben. Die Planungs- und Fachkompetenz bleibt aber vor Ort in den Niederlassungen. Bremen ist ein Sonderfall – dafür wird die Außenstelle Verden zuständig sein.

Um was genau kümmert sich die Außenstelle in Verden in Bremen?

Gisela Schütt: Um die kompletten Autobahnen – A 1, 27, 270, 281. Und in Bremen sind es auch die Bundesstraßen – die B 6, 6n, 74 und 75. Hinzu kommen alle Brücken im Zuge dieser Straßen.

Also machen Satire-Magazine wie „Extra 3“ bald nicht mehr Witze über das Amt für Straßen und Verkehr, sondern über Verden, wenn es um Bremens Brücken geht.

Schütt: Ja, die Herausforderung Stephanibrücke wandert auch nach Verden beziehungsweise zur Niederlassung Nordwest.

Das klingt nach einem Monsterprojekt. Wie stellen Sie sich dafür auf?

Schütt: Ja, es ist eine Mammutaufgabe, weil wir noch keine genauen Kenntnisse haben, was da alles auf uns zukommt. Wir versuchen viel zusätzliches Personal einzustellen. Ein Teil der Mitarbeiter aus der niedersächsischen Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr wechselt in Verden zur Autobahn GmbH. Das wird aber für die anstehenden Aufgaben nicht ausreichen. Aus diesem Grund suchen wir mit Hochdruck Personal.

Was bedeutet das in Zahlen?

Schütt: Wenn wir alle Stellen besetzt bekommen, werden wir in Verden mit 40 Personen starten. Wir werden den Personalbestand in den kommenden Jahren aber weiter ausbauen müssen, um alle anstehenden Aufgaben zu bewältigen.

Lüesse: In der kompletten Niederlassung haben wir eine Gesamtstärke von etwa 1300 Kollegen und Kolleginnen. Das sind nicht nur die Ingenieure und Techniker im Innendienst, sondern darunter sind auch die Autobahnmeistereien. Die Bremer Meisterei in Hemelingen übernehmen wir mit ihrer kompletten Personalmannschaft. Neu einstellen müssen wir insgesamt 250 Personen. Das wollen wir bis Ende 2021 schaffen.

Es gibt einen Fachkräftemangel was Straßenbauer, Ingenieure und Brückenbauer angeht. Ziehen Sie mit ihrem guten Tarifvertrag nicht die Fachkräfte aus Bremen ab?

Lüesse: Die Gefahr ist da, weil die Autobahn GmbH ein weiterer Player auf dem eng begrenzten Fachkräftemarkt ist. Um Bremen mache ich mir aber keine großen Sorgen, dass wir allzu viele Leute abziehen, weil wir dort selbst keinen Standort besitzen. Für die Bremer Kollegen ist es nicht so attraktiv nach Verden zu pendeln. Aber klar, wir konkurrieren mit anderen in diesem heiß umkämpften Markt.

Was kostet die Umstrukturierung den Steuerzahler?

Lüesse: Das kann zum jetzigen Zeitpunkt für die einzelnen Standorte noch nicht genau beziffert werden. Das wird derzeit zentral in Berlin koordiniert. Die Niederlassung gibt es ja im Prinzip noch nicht – wir befinden uns im Aufbau. Insgesamt stehen in 2020 mit dem zweiten Nachtragshaushalt der Bundesregierung rund 6,5 Milliarden Budget für die Bundesautobahnen zur Verfügung. Aktuell befindet sich das Budget für 2021 in den Beratungen des Haushaltsausschusses.

Was sind die größten Bauprojekte, die 2021 in Bremen anstehen?

Schütt: Klar ist, dass die A1 zwischen Bremer Kreuz und Uphusen nicht mehr ganz einwandfrei ist, da müssen wir schauen, ob wir was tun können. Auf jeden Fall müssen wir an einem weiteren Bauabschnitt der B75 zwischen Huchting und Landesgrenze nächstes Jahr arbeiten. Wir werden sehen, was dann am Dringendsten ist. Gegen Ende des Jahres wird es eine Übergabe der Projekte vom Amt für Straßen und Verkehr an uns geben. Da müssen wir uns einarbeiten und schauen, wie wir der Lage Herr werden.

Lüesse: Das ist unglaublich viel Fleißarbeit und erfordert viele Gespräche.

Soll nicht auch die Planungsgesellschaft Deges mit in der Autobahn GmbH aufgehen, womit sie die Großprojekte wie den Ringschluss durch den Ausbau der A 281 und dem Bau des Wesertunnels mit übernehmen?

Lüesse: Ja, das ist richtig. Geplant ist dies allerdings als eigenständige Organisationseinheit, als Geschäftsbereich Großprojekte. Die Maßnahmen werden also weiterhin von den Deges-Planern betreut. Es bleiben also die gleichen Ansprechpartner.

Info

Zur Person

Cord Lüesse (54) ist Direktor der Niederlassung Nordwest der Autobahn GmbH. Er war zuvor 15 Jahre lang Leiter des Geschäftsbereichs Osnabrück der Niedersächsischen Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr (NLStBV).

Gisela Schütt ist derzeit Leiterin des Straßenbauamtes in Verden. Ab 2021 übernimmt sie die Leitung der Außenstelle der Autobahn GmbH in Verden-Dauelsen.

Info

Zur Sache

Die Niederlassung Nordwest

Auf einer Fläche größer als die Schweiz ist die Niederlassung Nordwest der Autobahn GmbH für Planung, Bau, Erhaltung und Betrieb der Bundesautobahnen verantwortlich. Ungefähr 41 500 Quadratkilometer umfasst das Niederlassungsgebiet, das ab 1. Januar 2021 betreut wird. Dazu gehören rund 1550 Autobahnkilometern sowie mehr als 2300 Brücken und Tunnelbauwerke. Die Planung sieht eine Realisierung von etwa 200 Neu- und Ausbaukilometern vor. An der Hamburger Straße im Stadtteil Dauelsen entsteht die Außenstelle Verden. In dem noch im Bau befindlichen Gebäude entstehen rund 100 Arbeitsplätze. Mehr Infos zur Autobahn GmbH gibt es im Internet unter: www.autobahn.de.

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