Interview zur Bremer Innenstadt

„Einzelhandel bleibt treibende Kraft“

Der Dortmunder Innenstadt-Experte Stefan Kruse spricht im Interview über die aktuelle Situation und die Chancen für die Zukunft der Bremer City.
01.09.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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„Einzelhandel bleibt treibende Kraft“
Von Jürgen Hinrichs
Herr Kruse, Sie haben Bremen kennengelernt, waren als Experte Gast beim Innenstadt-Gipfel – wie ist die City aus Ihrer Sicht aufgestellt?

Stefan Kruse: Sie hat im Prinzip gute Voraussetzungen, was vor allem an ihrer Kompaktheit liegt – ein unschätzbarer Vorteil, den andere Städte auch gerne hätten. Der zweite Punkt ist, dass in Bremen große private Investitionen geplant sind. Die Stadt muss sich dafür nicht auf die Suche begeben, sondern hat schon was in der Pipeline.

Zurzeit ist das Bild aber eher trist. Die Innenstadt darbt. Was sind daran selbst gemachte Leiden und was der allgemeine Trend?

Mit der Ansiedlung großer Einkaufsparks wie Weserpark und Waterfront hat sich Bremen ins eigene Fleisch geschnitten. Das waren – aus heutiger Sicht – sicherlich Fehler. Der Innenstadt entgeht dadurch enorm viel Umsatz. Hinzu kommt natürlich der Online-Handel, wobei in der Betrachtung eines wichtig ist . . .

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. . . ja?

Man sollte daraus nicht die falschen Schlüsse ziehen. Auch wenn bereits heute einiges ins Netz abwandert und dieser Anteil noch zunehmen wird, bleibt der Einzelhandel in der Innenstadt die treibende Kraft, er ist die ökonomische Triebfeder. Die Digitalisierung muss genutzt werden und ist eine wichtige Hilfe, ersetzt aber nicht den stationären Handel. Gerade die kleineren, inhabergeführten Läden sind wichtig, sie sind beim Einkaufen nicht selten auch Inseln der Entschleunigung.

Mal abseits vom Shoppen – was für einen Wert hat der Kern für die gesamte Stadt?

Die Innenstadt ist die Visitenkarte, das Gesicht einer Stadt. Was für ein Bild haben Sie vor Augen, wenn Sie zum Beispiel an Hamburg denken? Das sind nicht irgendwelche Ortsteile, sondern Mönckebergstraße, Jungfernstieg und das Drumherum. Nicht von ungefähr heißt es, man fährt in die Stadt, wenn der Weg in die City führt. Und das ist dann oft mehr als nur kurz hin, einkaufen, Kaffee trinken, und schnell wieder weg. Die Innenstadt ist ein Event, wenn sie funktioniert, sie stiftet Identität. Wie wichtig das ist, haben die Menschen gemerkt, als während der harten Corona-Auflagen vieles ausgestorben war und nicht mehr erlebt werden konnte. Da fehlte was.

Der Senat hat ein Aktionsprogramm aufgelegt, um die Innenstadt zu beleben. Ein guter Aufschlag oder nur Kosmetik?

Es ist ein bunter Strauß von Maßnahmen und Projekten geworden, von denen einzelne schnell angegangen werden können. Das finde ich gut. Flexible Räume für temporäre Nutzungen, mehr Grün, kluges Marketing, der Rückbau von Straßen – spannend wird die Umsetzung. Da steckt in jedem Fall viel drin, was die örtlichen Akteure aufnehmen und weitertragen sollten.

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Das Programm soll ein Baustein sein, mehr nicht, sagt der Senat. Was muss mittel- und langfristig passieren?

Die Stadt sollte klare Kante zeigen und sich noch eindeutiger für die Innenstadt positionieren. Nehmen Sie die großen Einkaufsparks. Ihnen geht es in der Corona-Krise sicherlich auch nicht gut. Sie werden sich ebenfalls neu positionieren müssen, zum Beispiel durch eine andere Ordnung der Flächen oder beim Sortiment. Das wird nicht ohne entsprechende Genehmigungen gehen, und dann sollten die Behörden eben auch mal nein sagen, um die Innenstadt zu schützen.

Sie leben in Dortmund, einer Stadt von ähnlicher Größe. Wie schauen Sie auf Bremen, welchen Wesenskern erkennen Sie?

Das ist die Kaufmannschaft, Tradition und Moderne, die sich damit verbinden. Außerdem ist Bremen die Stadt am Fluss – zumindest vom Potenzial her. Leider wird die Weser aber nicht richtig wahrgenommen und eingebunden. Da sehe ich Nachholbedarf.

Was halten Sie von der Überschrift Raum- und Luftfahrtfahrtstadt?

Bezogen auf die Innenstadt kann ich damit wenig anfangen. Sicher gibt es das in Bremen, aber mit der DNA der Innenstadt hat es nichts zu tun.

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Zuletzt: Wo steht die Bremer Innenstadt in 20 Jahren?

Sie wird sich hoffentlich von einem Funktionsmittelpunkt zu einem Lebensmittelpunkt mausern, zum Beispiel durch einen wesentlichen höheren Anteil an Wohnen. Die Innenstadt muss sich stärker anpassen, flexibel werden und Räume für Experimente bieten.

Das Interview führte Jürgen Hinrichs.

Info

Zur Person

Stefan Kruse (57) war nach dem Studium der Geografie in Bochum erst freier und dann fester Mitarbeiter in dem Dortmunder Planungsbüro, das er seit 1996 mit seinem Kollegen Rolf Junker führt.

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Zur Sache

Kritik an Finanzierung

Die Innenstadt sei nicht erst seit Corona tot, betont der Junge Wirtschaftsrat Bremen und fordert ein strukturell neues Denken. Mit Erstaunen lasse sich verfolgen, dass der Senat 13,3 Millionen Euro für die Belebung der City aus dem Bremen-Fonds nehmen wolle. „Das Geld wird vom Senat zweckentfremdet.

Marketing, Kommunikation und ein Dialog mit der Immobilienwirtschaft gehören zu den Regelaufgaben einer Stadt und haben mit Corona rein gar nichts zu tun. Das Geld gibt uns niemand wieder, das werden wir als nächste Generation der Steuerzahler noch über Jahrzehnte abstottern müssen“, kritisiert die Landesvorsitzende, Theresa Gröninger. Dies sei eine Täuschung der Bürger bei der Verwendung des Fonds.

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