Hagebuttentee 2.0

Jugendherbergen im Wandel

Cappuccino statt Hagebuttentee: Wie die Jugendherbergen ihr angestaubtes Image abgeschüttelt haben. Wir haben uns in der Jugendherberge Bremen umgesehen.
27.07.2018, 11:00
Lesedauer: 5 Min
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Jugendherbergen im Wandel
Von Sabine Doll
Jugendherbergen im Wandel

Bennet, Patrick, Malik und Kathrin Siemers (v.l.) machen eine Nacht Station während ihrer einwöchigen Radtour entlang der Weser.

Christina Kuhaupt

Draußen schippert ein Schiff auf der Weser vorbei. Das können sich die beiden Brüder nicht entgehen lassen. Ruckzuck sind Eier, Brötchen und Marmelade vergessen. Malik (4) und Bennet (7) stehen lieber an den bodentiefen Fenstern und schauen der "Senator" nach, bis sie aus ihrem Blickfeld verschwunden ist. Es ist halb neun an einem besonders heißen Sommertag in Bremen.

Viele Gäste haben schon aus der Bremer Jugendherberge an der ruhigeren Schlachte-Seite ausgecheckt, um den noch halbwegs angenehmen Morgen für ihre Unternehmungen zu nutzen. Malik und Bennet mit ihren Eltern Kathrin und Patrick Siemers haben an diesem Tag noch etwas mehr als 40 Kilometer vor sich: "Wir fahren mit den Fahrrädern an der Weser entlang nach Brake, die nächste Etappe ist Bremerhaven", sagt der Vater.

Die Familie kommt aus der Nähe von Sulingen, am Abend zuvor haben sie nach 60 Kilometern auf dem Rad eingecheckt. "Als mein Mann die Jugendherberge statt eines Hotels vorgeschlagen hat, war ich erst einmal alles andere als begeistert", sagt Kathrin Siemers. "Ich habe sofort an Hagebuttentee aus Blechkannen, karge Essenssäle und Gemeinschaftsduschen gedacht. Alles das, was man von Klassenfahrten früher kennt."

Es kommt anders, Kathrin Siemers ist überrascht – und begeistert. Die Familie sitzt an einem langen Holztisch im Essensbereich. Frühstück gibt's vom Buffet. Mehrere Wurst- und Käsesorten, Müsli, Eier, Obst und Säfte. Brot, Toast und Brötchen. Die Ausstattung: modern und gemütlich mit langen Holzbänken und -tischen, die zum Kennenlernen einladen. Und dazu: der fantastische Blick auf die Weser.

"Hagebuttentee und Gemeinschaftsbäder gibt es heute nicht mehr. Und auch zum Spüldienst wird niemand mehr verpflichtet, das ist übrigens allein schon aus Hygienegründen nicht mehr erlaubt", sagt der Leiter der Bremer Jugendherberge, Jürgen Koopmann. Früher: der Herbergsvater. Aber auch das ist Geschichte. Die Jugendherbergen haben ihr angestaubtes Schullandheim-Image längst abgeschüttelt. Auch deshalb, weil sie jenseits von Klassenfahrten eine neue Zielgruppe entdeckt haben: Familien wie die Siemers. Statt Hagebuttentee gibt es heute Cappuccino und Latte Macchiato, freies WLAN, und jedes Zimmer hat ein eigenes Bad.

Bremer Jugendherberge ist besonders beliebt

Anfang des Jahres hat Koopmann in der Bremer Jugendherberge mit einem weiteren Schullandheim-Ritual Schluss gemacht: "Die Gäste müssen ihre Betten nicht mehr selbst beziehen, Handtücher und Seife gehören außerdem zur Standardausstattung der Zimmer. "Wir sind eine der ersten Jugendherbergen, die das eingeführt hat", sagt Koopmann. Hagebuttentee 2.0 lässt sich das Konzept wohl nennen.

Die Bremer Jugendherberge ist besonders beliebt bei Gästen. Von den knapp 30 Häusern im Landesverband Unterweser-Ems des Deutschen Jugendherbergswerks (DJH) führte sie mit mehr als 21.000 Gästen im vergangenen Jahr diese Statistik an. 15 Prozent entfallen auf Klassenfahrten, die überwiegende Mehrheit der Gäste sind Familien, Sportvereine, Seminargruppen und Behindertengruppen.

Das Haus in Bremen ist laut Koopmann eines der wenigen, das über einen Aufzug in die oberen Stockwerke verfügt. Auch Gäste aus dem Ausland checken regelmäßig ein. Gerade ist eine Schülergruppe aus Mexiko da. "Mit einer Auslastung von 80 Prozent übers Jahr stehen wir besser da als die meisten Hotels", sagt Koopmann.

"Im Schnitt bleiben die Gäste zwei Tage, für ein Stadthaus ist das gut. Nur auf den Inseln ist die Verweildauer mit fünf Tagen höher." Das liege wohl daran, dass die Anreise mit der Fähre aufwendiger sei und die Gäste deswegen länger blieben. Vor 13 Jahren hat der 62-Jährige die Leitung der Jugendherbergen in Bremen und Oldenburg übernommen.

Koopmann hat ein Konzept mitgebracht, wie aus dem typischen Landschulheim eine moderne Jugendherberge nach dem Motto Hagebuttentee 2.0 werden kann. Das Haus an der Weser hat damals nicht nur ein neues inhaltliches Konzept bekommen, auch von außen sollte der Wandel sichtbar sein: Das zweckmäßige und ebenso karge Gebäude wurde durch einen modernen Neubau ergänzt.

Der bunte Würfel, wie Koopmann ihn nennt, ist zum Merkmal der Bremer Jugendherberge geworden. Oben auf dem Würfel gibt es eine große Dachterrasse – mit Weserblick. "Die Ansprüche der Gäste haben sich verändert, und die Konkurrenz schläft nicht", sagt Koopmann. Die Konkurrenz, das seien zum Beispiel Hostel- und Low-Budget-Hotel-Ketten, die vor allem in Städten reihenweise Häuser eröffnet haben.

Zu Besuch aus Syke

Auch sie haben je nach Preissegment Zielgruppen wie die Jugendherbergen im Blick: Familien und Tagestouristen. "Dazu kommen bei uns noch Seminargruppen und Tagungen, weil wir entsprechende Räume dafür bieten können", so Koopmann. Inge Edelblut sitzt mit ihrer Enkelin Carina Dannemann beim Frühstück: Sie ist zu Besuch aus Syke nach Bremen gekommen und verbringt mit ihrer Großmutter, die in Findorff wohnt, drei Tage in der Jugendherberge.

"Hier haben wir mehr Zeit füreinander als zu Hause, es stören keine alltäglichen Dinge. Ein Kurzurlaub eben", sagt Inge Edelblut. Auch früher hat sie regelmäßig mit ihrem Mann auf Reisen in Jugendherbergen übernachtet. "Jetzt ist alles viel moderner und angenehmer, in Bremen kommt noch die tolle Lage an der Weser dazu", schwärmt sie.

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Eine Übernachtung im Doppelzimmer mit Frühstück für zwei Personen kostet in der Bremer Jugendherberge rund 60 Euro. Mittagessen, Abendessen oder Lunch-Paket für den Ausflug können mit einem Aufpreis dazu gebucht werden. Die Auswahl beim Essen ist nicht nur größer als früher: Nachhaltigkeit hat auch die Jugendherbergen erreicht.

Erfahrung in der Gastronomie

Statt in kleinen Plastikpäckchen gibt es die Butter als kleine Würfel aus einem Portionier-Automaten. Koopmann: "Die Marmeladen sind selbstgekocht. Alle drei Mahlzeiten gibt es als Buffet, mittags und abends warmes Essen mit viel Gemüse und unterschiedlichen Fleischsorten. Vegetarisch muss nicht mehr extra angemeldet werden. Wir versuchen außerdem, so viele Produkte wie möglich aus der Region zu beziehen."

Koopmann kennt sich in der Gastronomie aus. Elf Jahre lang ist er als Koch zur See gefahren, er hat ein Restaurant geleitet, und als der Rücken streikte, hat er Betriebswirtschaft mit Schwerpunkt Hotellerie drangehängt. Stillstand kennt der 62-Jährige nicht. Und deshalb hat er, eineinhalb Jahre vor dem Ruhestand, neue Pläne für die Bremer Jugendherberge: Sie soll weiter modernisiert und umgebaut werden.

Jugendherberge Bremen - "Hagebuttentee 2.0"

Blick auf die Weser beim Frühstück: Inge Edelblut verbringt mit ihrer Enkelin Carina Dannemann drei Tage in der Bremer Jugendherberge.

Foto: Christina Kuhaupt

Rezeption, Lobby und Essensbereich sollen als Einheit in den Empfangsbereich ins Erdgeschoss ziehen. Koopmann: "Das wird ein großer, moderner Aufenthaltsbereich, in dem sich alles abspielt. Zurzeit befindet sich der Essensbereich noch im ersten Stock zur Weser hin, dort könnten wir dann weitere Zimmer einrichten." Unten, wo jetzt der Empfangstresen den Blick nach draußen versperrt, könne eine Lounge-Ecke Platz finden. Auch die Zahl der Zimmer, so Koopmann, soll möglichst aufgestockt werden. "Wir brauchen neben Vier- und Sechsbettzimmern mehr Doppelzimmer."

Familie Siemers ist startklar. Es ist kurz nach zehn Uhr an diesem Sommermorgen. Die Satteltaschen sind gepackt, es geht los in Richtung Brake. Für die Familie war die Übernachtung in der Jugendherberge ein Erlebnis – und eine besonders positive Überraschung. "Mit Hagebuttentee und Spüldienst hat das nichts mehr zu tun", sagt Kathrin Siemers.

Info

Zur Sache

Deutsches Jugendherbergswerk

Rund 500 Jugendherbergen betreibt das Deutsche Jugendherbergswerk (DJH) bundesweit. Im kommenden Jahr wird 100-jähriges Jubiläum gefeiert. Das DJH ist verantwortlich für die Qualitätssicherung in allen Häusern, vom Zimmer bis zur Freizeitgestaltung. Das DJH ist in mehrere Landesverbände aufgeteilt, der Nordwesten gehört danach zum Landesverband Unterweser-Ems. Je nach Alter reichen die Mitgliedsbeiträge von sieben Euro bis 22,50 Euro im Jahr. Die Mitgliedskarte ist auch in Jugendherbergen weltweit gültig. Einen Überblick über sämtliche Häuser gibt es auf der Homepage des Deutschen Jugendherbergswerks unter www.jugendherberge.de.

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