Strafprozess im Konzertsaal

Schnödes Amtsblatt auf edlem Holze

Um die zu Corona-Zeiten gebotenen Abstandsregeln einhalten zu können, ist das Landgericht in einen Konzertsaal der Glocke umgezogen. Reichlich Platz für alle Prozessbeteiligten und auch akustisch von Vorteil.
02.07.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Schnödes Amtsblatt auf edlem Holze
Von Ralf Michel
Schnödes Amtsblatt auf edlem Holze

Das Landgericht zu Gast im Kleinen Saal der Glocke: Reichlich Platz für am Ende 23 Personen, um den gebotenen Corona-Abstand im Gerichtssaal einzuhalten.

Frank Thomas Koch

"Sind wir hier richtig?“, fragt einer der Wartenden vor dem Eingang zur Glocke. Es ist 9 Uhr morgens und vor dem Konzerthaus an der Domsheide steht ein Pulk von Menschen, auffallend viele von ihnen mit Aktentasche. „Ja“, nickt der Mann an der Tür. Und rückt ein Hinweisschild vor den Eingang, das alle Zweifel beseitigt: „Öffentliche Verhandlung des Landgerichts“.

Die Gruppe der Wartenden vor der Tür besteht aus Anwälten und ihren Mandanten, Letztere angeklagt der Bestechung. Es ist schon die zweite Instanz, alle Betroffenen wissen also, was auf sie zukommt. Aber etwas ist diesmal dann eben doch ganz anders. Der Prozess findet weder im Amts- noch im Landgericht statt, sondern in der Glocke, genauer im Kleinen Saal des Konzerthauses.

Einbahnstraße und Notenständer

Geschuldet ist dies den Corona-Abstandsregeln: Sechs Angeklagte, ihre Verteidiger, die Richter, Schöffen und Staatsanwältin, dazu Zeugen, Wachpersonal und Protokollführerin. Zu viele Menschen, um selbst im größten Gerichtssaal Bremens den gebotenen Abstand einhalten zu können. Deshalb der Umzug in die Glocke, der für leichte Verunsicherung bei den Beteiligten sorgt: Ein Strafprozess in einem Konzertsaal? Na, wenn das mal gut geht.

Lesen Sie auch

„Schönen guten Morgen“, empfängt eine Mitarbeiterin des Wachpersonals mit einem freundlichen Lächeln alle Prozessteilnehmer im Gebäude. Sechs Beamte sind mit rübergekommen vom Gericht in die Glocke und weisen nun den Weg zum improvisierten Gerichtssaal. Sicherheit muss trotzdem sein: „Sie kenne ich, Sie sind Anwalt. Sie dürfen durch“, winkt die Beamtin einen der Männer mit Aktenkoffer durch, wendet sich dann an die Frau direkt hinter ihm. „Darf ich fragen, wer Sie sind?“ Ach so, seine Mandantin. Alles klar, hier links bitte und dann rechts die Treppe hoch.

Der Weg durchs Foyer der Glocke ist als Einbahnstraße mit Bändern abgetrennt. Hinweiszettel mit Pfeilen weisen den Weg, stilecht angebracht an Notenständern. Zwei Treppen hoch, dann links in Richtung der geöffneten Flügeltür. An deren rechten geschlossenen Hälfte ist mit Tesafilm der obligatorische Hinweiszettel auf die Verhandlung angebracht. Strafkammer 32 (Wirtschaftsstrafkammer II), dazu das Aktenzeichen und die Namen der Prozessbeteiligten. Alles wie immer, auch wenn wohl selten ein so schnödes Amtsblatt auf edlerem Holze angebracht wurde.

Bremer Landgericht verhandelt im kleinen Saal der Glocke

Wohl dem, der genügend Notenständer hat, um einen Weg auszuschildern. Und eine freundliche Begrüßung durchs Wachpersonal gab's noch dazu.

Foto: Frank Thomas Koch

Keine Richter auf der Bühne

Die Bühne des Kleinen Saales bleibt ungenutzt. Platz genug hätten sie dort gehabt, aber Richter auf einer Bühne – das wäre dann wohl doch des Guten zu viel gewesen. Und so verläuft die Anordnung der Tische in Längsrichtung des Saales. Zwei Reihen für Anwälte nebst Mandanten, gegenüber Richter und Schöffen, seitlich davon die Tische für Staatsanwältin, Zeugen und Protokoll.

Groß umgebaut werden musste nicht. Der Kleine Saal der Glocke hat keine fest installierten Stuhlreihen. Er wird auch sonst für andere Veranstaltungen genutzt, wie etwa für Empfänge, Firmenjubiläen oder Seminare.

Lesen Sie auch

Wichtig an diesem Morgen ist die Akustik. In einer Ecke des Saales steht das Mischpult der Tonanlage, über den ganzen Raum wurden mehrere Lautsprecher verteilt. Am Ende wird es manchmal trotzdem ziemlich hallen, wenn einer der Prozessbeteiligten ins Mikrofon spricht. Doch den Vergleich mit der jämmerlichen Lautsprecheranlage im Landgericht hält diese Konstruktion allemal stand.

Zwei Corona-Hinweise noch der Vorsitzenden Richterin – auf den Luftaustausch durch die Klimaanlage und die Möglichkeit für Anwälte und Mandanten, Abstand zu halten („wer trotzdem dicht nebeneinander sitzt, tut dies auf eigene Gefahr“). Dann aber rückt der Prozessort in den Hintergrund. Die Verhandlung beginnt. Den sechs Angeklagten, drei Männer und drei Frauen, wird im Zusammenhang mit der Entsorgung von sogenanntem REA-Gips Bestechung vorgeworfen. Der Gips ist ein Nebenprodukt beim Betrieb eines Kraftwerks des Energieversorgers swb. Als die Gips-Entsorgung neu ausgeschrieben wurde, gründete ein swb-Mitarbeiter eigens dafür eine Firma, die dann auch den Zuschlag erhielt.

Bestechung bei Auftragsvergabe

Die Staatsanwaltschaft vermutet Unregelmäßigkeiten bei der Auftragsvergabe. In erster Instanz wurden die Angeklagten vor dem Amtsgericht freigesprochen, doch die Staatsanwaltschaft ging in Berufung. Haftstrafen müssen die Beschuldigten nicht fürchten, zumal der gesamte Fall bereits 17 Jahre zurückliegt. Ihnen droht jedoch die Rückzahlung von damals erzielten Gewinnen von über einer Million Euro.

Der Prozess wird am 10. Juli fortgesetzt. Wieder im Kleinen Saal der Glocke. Der wurde am Mittwoch in Einbahnstraßenregelung wieder verlassen. An der Treppe ein letzter Gruß des Konzerthauses in Form eines Hinweisschildes mit Pfeil. Nicht „Ausgang“ war darauf zu lesen, sondern „Abgang“.

Lesen Sie auch

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+