„Kleine Strolche“

Kinderheim bietet Soforthilfe für Bremer Kinder in Not

Sicherheit, Liebe und Geborgenheit statt Missbrauch, Gewalt und Vernachlässigung finden traumatisierte und medizinisch herausfordernde Babys und Kinder in Not aus Bremen im Kinderheim „Kleine Strolche“.
05.06.2020, 05:00
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Kinderheim bietet Soforthilfe für Bremer Kinder in Not
Von Ulrike Troue
Kinderheim bietet Soforthilfe für Bremer Kinder in Not

Heilpädagogische Reittherapie soll traumatisierten Kindern helfen, wieder Vertrauen zu fassen und sich zu öffnen.

Kleine Strolche

Der Bärchenkissenbezug und der Plüschteddy auf dem Bett, traumhafte Wandtattoos, eine Kuschelecke im Spielzimmer, Rutscheautos auf dem breiten Flur – in der gerade neu eröffneten sonnengelben „Strolchenvilla“ in Bassum sollen Kinder sich auf Anhieb willkommen fühlen, die das Jugendamt von einem Moment auf den anderen aus ihren Familien genommen hat. Zu Hause haben sie statt Liebe, Geborgenheit und Sicherheit das Gegenteil erlebt: Gewalt, Missbrauch und Vernachlässigung.

Über 300 Kinder haben in den vergangenen fünf Jahren in den Schutzhäusern des Kinderheims „Kleine Strolche“ im Landkreis Diepholz Soforthilfe gefunden, viele auch aus Bremen. Aktuell sind von den insgesamt 43 Plätzen nach Auskunft von Geschäftsführer Bernhard Schubert 18 Plätze mit Kindern aus der Hansestadt belegt.

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Immer häufiger müssen Jugendämter binnen weniger Stunden einen Heimplatz für Kinder aus schwierigen Verhältnissen finden. Für diese Mädchen und Jungen in akuten Krisensituationen bieten Schubert und seine 65 Mitarbeitenden ein sicheres Zuhause auf Zeit.

„Bei diesen dramatischen Fällen ist es wichtig, dass sich so viele kümmern“, sagt er. Pädagogische Fachkräfte wie Erzieher oder Sozialpädagogen, Kinderkrankenschwestern, Hebammen und Hauswirtschafterinnen betreuen daher an sieben Tagen rund um die Uhr die Mädchen und Jungen; sie bleiben, bis das Jugendamt die weiteren Maßnahmen geklärt hat. In der Regel sind das zehn, zwölf Monate. Manche bleiben deutlich länger.

Noch nie die Wohnung verlassen

„Diese kleinen, armen Seelen haben oft schon großes Leid erfahren“, sagt Schubert. 2008 hat er das Kinderheim mit seiner Frau Anja gegründet. Seither ist es ständig gewachsen. Der Heimleiter berichtet von Kindern, die noch nie im Leben die Wohnung verlassen haben, keine verlässlichen Mahlzeiten kennen, schwer misshandelt oder sexuell missbraucht wurden.

Solche Erlebnisse seien eine lebenslange Belastung. Deshalb sollen die stark gestressten jungen Schützlinge bei den „Kleinen Strolchen“ erst einmal zur Ruhe kommen, so viel Hilfe, Zuwendung, verlässliche Strukturen und Spaß wie möglich erleben. „Jedes Kind hat ein Recht auf Kindheit“, formuliert Schubert den Leitgedanken für sich und sein Team. „Wir sind spezialisiert auf traumatisierte und medizinisch herausfordernde Kinder zwischen null und sechs Jahren“, stellt er den deutschlandweiten Modellcharakter des Kinderheims „Kleine Strolche“ in Asendorf heraus. Die Inobhutnahme von Babys und Kleinkindern bedeute nicht nur, dass strengere Auflagen durch das Landesjugendamt strikt erfüllt würden, sondern auch mehr Personalaufwand, teilweise eine Eins-zu-Eins-Betreuung.

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„Besonders bei Babys“, sagt Schubert. Weil manche durch Misshandlungen schwere Schäden davongetragen hätten und einige durch eine Sonde künstlich ernährt werden müssten, sei ein größerer medizinischer Aufwand erforderlich. Von elementarer Bedeutung für eine gute Entwicklung seien zudem Nähe und Geborgenheit. „Allein die Maschinen retten Kinder nicht.“

Die Kinderschutzhäuser der „Kleine Strolche“ sind auch an den anderen Standorten in fröhlichen Farben gestrichen, verfügen über kindgerechtes Mobiliar und bieten auf ihren großzügigen Außenflächen viel Platz und Anreize zum Spielen und Toben, zum Beispiel die hölzerne Ritterburg. Auf den ersten Blick wirken sie wie Kindergärten, aber wegen ihrer überschaubaren Größe dennoch sehr familiär.

Rückkehr in ein normales Leben

Schubert und seine Frau haben keine Kinder und sich bewusst dafür entschieden, Mädchen und Jungen mit einer schweren Lebenshypothek die Rückkehr in ein normales Leben zu ermöglichen. Das Paar hat in seinem Haus selbst sechs Geschwister aufgenommen. „Wir wollen diesen Kindern ein schönes Zuhause geben“, sagt der Heimleiter. Daher sind ihnen auch mit Liebe ausgewählte Details wichtig. In der „Strolchenvilla“ gibt es zum Beispiel Zwei- und Dreibettzimmer, unter anderem mit Hochbetten in Busform, damit Geschwister – auch bis zwölf Jahre – nicht getrennt untergebracht werden müssen.

Ein zweiter Schwerpunkt in der jüngsten Einrichtung des Kinderheims mit elf Plätzen ist exzessiver Medienkonsum. Für die suchtgefährdeten Kinder ist im Keller ein sogenanntes Auditorium mit Fernseher und Playstation eingerichtet worden, das paradoxerweise den Einstieg in die Entwöhnung ermöglicht. Schubert nennt als Fallbeispiel einen Vierjährigen, der kaum sprechen konnte, „weil selten mit ihm kommuniziert wurde“.

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Die schwer traumatisierten Mädchen und Jungen sollen sich sicher und geborgen fühlen, damit in gewaltfreier, familiärer Umgebung Vertrauen aufgebaut werden könne und sie überhaupt zugänglich für eine Therapie seien, sagt der Geschäftsführer. „Die Kinder haben ja immer Angst, dass es ihnen wieder passieren wird.“ Feste Tagesstrukturen mit verlässlichen Mahlzeiten und persönliche Bezugspersonen seien auch in diesem Zuhause auf Zeit wichtig.

Zum Angebotsspektrum der „Kleinen Strolche“ gehören 17 Inobhutnahme-Plätze für Kinder bis zum Alter von sechs Jahren, zehn Plätze in anonymen Schutzhäusern, Bereitschafts-Erziehungsstellen und 16 Mutter-Kind-Plätze. Junge Mütter ab 14 Jahren, unter anderem aus dem Bereich Zwangsprostitution/Menschenhandel, sollen nach der engen Begleitung in den Einrichtungen auf ein selbstständiges Leben vorbereitet werden. „Wir stellen meistens die Erziehungsfähigkeit her“, sagt der Heimleiter.

Mütter leben mit ihren Kindern in einer Wohngemeinschaft

In der „Wiege“ können vier Mütter mit ihren Kindern angedockt ans Heim in einer Wohngemeinschaft leben. An einem anderen Standort ist aufgrund der Nachfrage des Bremer Jugendamtes eine Wohnung ganz neu eingerichtet worden. Vor wenigen Tagen ist dort eine 19-jährige Mutter mit ihrer vierjährigen Tochter für ein halbes Jahr eingezogen. In dieser Zeit werden sie flankierend ambulant betreut.

Oft bekommt das Kinderheim mehr Anfragen als es Kapazitäten hat. Kürzlich seien es sieben Anfragen an einem Tag gewesen. „Das Schlimmste ist aber, wenn unsere Kinder in ihre Ursprungsfamilien zurückgehen müssen, obwohl wir davon abraten“, sagt Schubert. Oft stehe das Elternrecht über dem des Kindeswohls. Der größte Graus für alle Mitarbeitenden sei, wenn diese Kinder ein zweites Mal zu ihnen kämen. „Dann haben sie jegliches Vertrauen verloren."

Da die Jugendämter nur bestimmte Sätze für die Betreuung zahlen, sind die finanziellen Möglichkeiten des privaten Kinderheims begrenzt. Dank dauerhafter Sponsoren und Privatspenden an den Verein „Kleine Strolche“ könnten jedoch bestimmte Therapieangebote gemacht werden, sagt Schubert. Dies sei zum Beispiel die tiergestützte, heilpädagogische Therapie. Sechs Ponys grasen dafür auf dem großen Naturgelände des ehemaligen Ritterguts Ovelgönne.

Aufbau eines ambulanten Traumazentrums

Dort ist auch das nächste Großprojekt der „Kleinen Strolche“ angelaufen: der Aufbau eines eigenen ambulanten Traumazentrums. Wegen der Spezialisierung auf traumatisierte und medizinisch herausfordernde Kinder ist es nach Schuberts Worten wichtig, dass sie unmittelbar psychotherapeutische Hilfe bekommen und man nicht auf Termine externer Anbieter angewiesen ist. Ein Kind könne zum Beispiel wild um sich schlagen, wenn es mit den anderen die Zähne putzen soll. „Viele Kinder kennen keine Regeln, sind maßlos“, schildert Schubert.

Für Logopädie, zur Entspannung und für weitere therapeutische Angebote wird das lange Nebengebäude nach Auskunft von Pressesprecherin Sonja Risse als Therapiehaus eingerichtet. Das zweite Fachwerkhaus soll als Mehrzweckhalle dienen. Die Sanierung des Haupthauses wird laut Risse noch einiges an Arbeit, Kosten und Spendenakquise bedeuten. Dort sind zwei therapeutische Wohngruppen, ein Begegnungsbereich und ein Verwaltungstrakt geplant. Langfristig soll in Bücken noch ein Kinderheimneubau entstehen, um die Inobhutnahmeplätze für Säuglinge und Kleinkinder auszuweiten. Durch die Corona-Krise dürfte der Bedarf weiter steigen, sind sich Experten einig. Daher sollen auch Beratungsstellen in Bremen eingerichtet werden.

Weitere Informationen

Näheres zum Kinderheim „Kleine Strolche“ ist im Internet unter www.kinderheim-kleine-strolche.de zu finden.

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