Kommentar über Programm für die Bremer Innenstadt

Nicht mehr nur nach Karstadt hin

Das Aktionsprogramm Innenstadt liegt vor: ein paar gute Ideen, ein paar halbgare und einiges, was schon x-mal angegangen wurde und ohne Erfolg geblieben ist, meint Jürgen Hinrichs.
23.08.2020, 05:00
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Nicht mehr nur nach Karstadt hin
Von Jürgen Hinrichs
Nicht mehr nur nach Karstadt hin

Mit einem Aktionsprogramm soll die Bremer Innenstadt wiederbelebt werden.

CityInitiative Bremen

Es gibt einen Kernsatz im Aktionsprogramm zur Bremer Innenstadt, das der Senat am Dienstag beschließen will. Er steht auf Seite 21 von 51 Seiten, die von den Ressorts Wirtschaft, Stadtentwicklung, Kultur, Finanzen und der Senatskanzlei in Fleißarbeit zusammengetragen wurden. Der Satz lautet: „Weg von einer klassischen Einkaufs-Innenstadt, hin zu einer Stadtmitte mit einem breiten Mix an Funktionen und Nutzungen.“ Das ist es, das ist der Punkt und beschreibt die Aufgabe am besten.

Die Bremer fahren gerne „inne Stadt und gehn nach Karstadt hin“, hieß es früher. Es gab dieses klare Ziel. Einkaufen. Wenn nicht bei Karstadt, dann in den anderen Läden. Es gab genug davon, und sie hatten etwas zu bieten, weil viele von ihren Inhabern geführt wurden, keinen Ketten angehörten und deshalb ein ganz eigenes Sortiment hatten. Solche Geschäfte gibt es in der Innenstadt nur noch wenig. Der Einzelhandel hat sich völlig verändert, und er tut das gerade wieder. Jetzt verschwinden mehr und mehr auch die Filialen der großen Unternehmen. Gähnende Leere in den Schaufenstern, ein erschreckendes Bild.

Bekannte Gründe

Die Gründe für diese Entwicklung, die durch Corona zusätzlich befeuert wird, sind sattsam bekannt. Es ist die Konkurrenz der großen Einkaufsmärkte an der Peripherie der Stadt und auf der grünen Wiese, wo die Menschen mit dem Auto direkt heranfahren und kostenlos parken können. Die Märkte punkten noch anders: Der Weserpark zum Beispiel hat es in den vergangenen Jahren geschafft, das Einkaufen mit Erlebnis zu verbinden, etwas, das von den Kunden immer stärker erwartet wird. Zu diesen Rivalen im Buhlen um die Kaufkraft hat sich ein weiterer gesellt, und er wird immer stärker. Das sind die Giganten im Internet, Amazon und Co. – sie konnten sich während der Pandemie noch stärken.

Diesem Strukturwandel steht nicht nur Bremen mehr oder weniger machtlos gegenüber. Da wirken Marktkräfte, die kaum zu beeinflussen sind. Der Senat weiß das und sagt es auch. Doch er kann deswegen ja nicht die Hände in den Schoß legen. Die Regierung muss etwas tun, und wenn es zunächst, wie jetzt mit dem Aktionsprogramm, wenig ist.

Wochenlang wurde um die einzelnen Projekte hart gerungen. Jeder wollte etwas abhaben vom Kuchen, der in den nächsten anderthalb Jahren verteilt wird. So viele Vorschläge kamen aus den beteiligten Ressorts, dass am Ende die Summe für das Programm aufgestockt werden musste. Liest man sich die Details durch, ist sofort zu erkennen, wer an welcher Stelle den Finger gehoben hat. Grüne, SPD und Linke haben nun mal ihre Steckenpferde.

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Entstanden ist ein Sammelsurium. Ein paar gute Ideen, gewiss, ein paar halb gare und einiges auch, was schon x-mal angegangen wurde, ohne dass es einen Erfolg gab. Das Beleuchtungskonzept zum Beispiel oder die Neugestaltung des Domshofs. Regelrecht unausgegoren sind die Gedanken zur Martinistraße. Kunst und Kokolores sollen die Verbindung von Zeit zu Zeit zu einem Erlebnisraum machen. Da fehlt der Mut, den es jetzt braucht. Warum nicht kurzfristig eine Fahrbahn herausnehmen oder gleich zwei?

Der Ansatz, gegen den drohenden Leerstand in vielen Geschäften mit sogenannten Zwischennutzungen vorzugehen, ist in dieser Krise wahrscheinlich ohne Alternative. Das ehemalige City-Lab im Lloydhof als leuchtendes Beispiel zu nehmen, zeugt aber von Realitätsverweigerung. In den Läden war meist nichts los, was auch an dem ungünstigen Standort lag. Eine Blaupause ist das Projekt jedenfalls nicht.

Innenstadt-Taskforce braucht Befugnisse

Man wird in den nächsten Monaten sehen, was gut, leidlich oder gar nicht klappt. Es ist ein Versuch, mehr nicht. Dass in diesem Zusammenhang eine ressortübergreifende Arbeitsgruppe in Marsch gesetzt wird, die die Projekte koordiniert, ist so notwendig wie überfällig. Die Egoismen der einzelnen Behörde müssen gebrochen werden, um das Große und Ganze in den Blick zu nehmen. Eine Taskforce für die Innenstadt sollte auf Dauer bleiben, und sie braucht Befugnisse, um nicht wegen jeder Kleinigkeit durch die Fachreferate tingeln zu müssen.

Die ganz großen Herausforderungen kommen noch. Dann hilft kein Aktionsprogramm mehr, sondern kluges und geschicktes Agieren. Es wird bei den geplanten privaten Investitionen – so sie denn kommen – nicht reichen, die Vorhaben wohlwollend zu begleiten. Bremen muss selbst etwas in den Topf tun, um seinen Kern zu retten und ihn lebendiger zu machen. Ein Vorschlag, nein, zwei: Holt die Uni in die Innenstadt. Und schafft dort Wohnungen, die bezahlbar sind.

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