Flüchtlingshilfe

Kontakt auf Augenhöhe gewünscht

Die Arbeit für Geflüchtete hört nicht einfach auf, wenn sie ihre ersten Stationen hinter sich gelassen haben. Am 25. April startet wieder ein Basiskurs bei der Freiwilligen-Agentur Bremen.
23.04.2019, 15:48
Lesedauer: 4 Min
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Von Chantal Moll
Kontakt auf Augenhöhe gewünscht

Sonja Spoede leitet das Interkulturelle Training für ehrenamtliche Helfer in der Flüchtlingsarbeit. Ort: Freiwilligen-Agentur Bremen.

China Hopson

Auch wenn Geflüchtete längst ihre jeweilige Erstaufnahmeeinrichtung und die Übergangswohnheime verlassen haben, für Ehrenamtliche in der Flüchtlingshilfe geht die Arbeit weiter. „Vor allem brauchen die Neubürger Hilfe bei der Wohnungssuche und den vielen Behördengängen“, sagt Sonja Spoede. Sie arbeitet an der Volkshochschule Bremerhaven im Bereich Erwachsenenbildung und interkulturelle Sensibilität und gibt seit rund sieben Jahren Kurse, unter anderem um Ehrenamtliche auf die Arbeit mit Flüchtlingen vorzubereiten. Am 25. April startet wieder so ein Basiskurs bei der Freiwilligen-Agentur Bremen, der bis zu 20 Teilnehmern einen Ausblick geben wird, was sie in der Praxis erwarten könnte.

„Die Sprache ist zum Beispiel dann nicht mehr das Hauptproblem, die meisten können spätestens dann Deutsch sprechen, wenn sie die Wohnheime verlassen“, berichtet Spoede. Stattdessen gehe es vor allem, darum, soziale Kontakte herzustellen und den Menschen wieder ihre Stärken deutlich zu machen. Die Ehrenamtlichen sollen die Geflüchteten dabei unterstützen. Der Kontakt auf Augenhöhe sei darum wichtig, um den Menschen wieder in ein normales Leben zu helfen. „In den Heimen gibt es immer eine Ansprechperson, sobald sie aber nicht mehr dort untergebracht sind, sind sie auf sich alleine gestellt.“ Andererseits gelte auch: Die Geflüchteten sollen nicht das Gefühl haben, wieder von anderen abhängig zu sein, sondern einfach eine Person zur Unterstützung an ihrer Seite zu haben. „Es geht für die Helfer auch darum, zu lernen, bei der Hilfe nicht über den Kopf der anderen Person hinweg zu bestimmen. Die Flüchtlinge sollen ihre eigenen Entscheidungen treffen“, berichtet die Kursleiterin.

Die richtige Balance finden

Es geht also um die Balance zwischen konkreter Unterstützung und wachsender Eigenverantwortung. Für die Helfer bedeutet das, die eigenen Interessen, Bedürfnisse und vor allem Grenzen genau zu kennen – auch ganz praktisch. „Natürlich ist es immer eine Frage des Zeitmanagements: Wie viel Zeit kann ich überhaupt aufwenden, um neben meinen ganzen anderen Dingen noch ehrenamtlich zu arbeiten?“, erklärt die 49-Jährige dazu. Der zweite Aspekt seien die zu erwartenden Konflikte mit sich und dem Flüchtenden. Spoede schöpft dafür aus ihren beruflichen Erfahrungen mit dem „Diversity Management“. Dabei geht es um den Umgang miteinander in unterschiedlich zusammengesetzten Gruppen, die es beispielsweise in einem Unternehmen schon gibt oder die gerade entstehen, etwa in neuen Nachbarschaften. Gegenseitiges Verständnis und der Aufbau zwischenmenschliche Beziehungen, seien dabei unerlässlich. „Und das ist auch das Wichtigste an der Flüchtlingsarbeit.“

Über diese persönliche Ebene hinaus, geht es aber auch um gesellschaftliche und rechtliche Aspekte. „Diskriminierungshürden müssen mit diesen Maßnahmen abgebaut werden“, erzählt die 49-Jährige. Es sei nun mal so, dass wir viele geflüchtete Menschen haben. Ihre soziale Teilnahme müsse gewährleistet werden. „Alle müssen die gleiche Chance der Teilhabe an Universitäten und anderen Einrichtungen haben, dafür sind wir zuständig“, berichtet Spoede. Die Kursleiterin engagiert sich daher noch in vielen weiteren Projekten der Flüchtlingshilfe, auch gemeinsam mit der Freiwilligen Agentur Bremen. „Die Freiwilligen Agentur macht einfach sehr gute Arbeit und deswegen arbeite ich so gerne mit ihr“, sagt Spoede. Sie ist in dem Basiskurs auch nicht die einzige Referentin. Insgesamt gibt es fünf Module an fünf Tagen, etwa auch Informationen rund um die rechtliche Situation von Geflüchteten. Wer mag, kann das Thema Asylrecht in weiteren Seminaren vertiefen.

Aktiv gegen Diskriminierung

Laut Spoede hatte sie in den zurückliegenden Jahren schon sehr unterschiedliche Teilnehmende in ihren Kursen. Es kämen nicht nur junge Berufstätige oder Studierende in den Kurs, sondern auch Menschen, die eine sinnvolle Aufgabe suchen. „Manche sind schon ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe tätig und wollen sich weiterbilden, anderen wollen sich engagieren, wissen aber nicht wie“, erzählt die Kursleiterin. Manche kämen aus Mitgefühl, andere aus der Motivation heraus sich aktiv gegen Diskriminierung zu stellen. Aber auch Menschen, die etwas für sich tun wollen, indem sie andere Kulturen kennenlernen oder eine neue Herausforderung suchen. „Auch hier ist es so, je unterschiedlicher die Gruppe ist, desto bereichernder ist der Kurs“, erzählt Spoede.

Entsprechend vielfältig sind auch die Möglichkeiten, sich nach dem Kurs zu engagieren. „Jede teilnehmende Person hat andere Bedürfnisse und möchte in unterschiedlichen Bereichen helfen“, erklärt Spoede. Im Rahmen der Fortbildung stellen sich zum Beispiel diverse Einrichtungen vor, die in der Flüchtlingshilfe tätig sind und Ehrenamtliche suchen. Nach dem Kurs können sich die Engagierten dort melden, wo sie direkt helfen können. „Es ist für die Ehrenamtlichen schöner, wenn sie irgendwo angebunden sind und eine Kontaktperson haben“, sagt Spoede dazu.

Weitere Informationen

Die Freiwilligen Agentur Bremen, Dammweg 18-20 bietet ab dem 25. April einen kostenlosen Basiskurs für alle an, die sich ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe engagieren möchten. ­Anmeldeschluss ist der 22. April. Die einzelnen Termine sind am Donnerstag, 25. April, 17 bis 20 Uhr; Freitag, 3. Mai, 17 bis 20 Uhr; Sonnabend, 4. Mai, 10 bis 16 Uhr; Freitag, 10. Mai, 17 bis 20 Uhr und am Donnerstag, 23. Mai, 17 bis 20 Uhr.

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