Altstadt Bremen

Kontaktpolizist geht in Ruhestand - Geschichten aus 38 Jahren im Beruf

Oberkommissar Jürgen Schneider ist seit 38 Jahren als Kontaktpolizist in der Bremer Altstadt Ansprechpartner für Geschäftsleute, Gastronomen, Schulkinder und Touristen. Ende Oktober endet seine Dienstzeit.
12.10.2018, 20:31
Lesedauer: 4 Min
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Kontaktpolizist geht in Ruhestand - Geschichten aus 38 Jahren im Beruf
Von Justus Randt
Kontaktpolizist geht in Ruhestand - Geschichten aus 38 Jahren im Beruf

Oberkommissar Jürgen Schneider, Kontaktbeamter in der Bremer City, geht Ende Oktober in den Ruhestand.

Christina Kuhaupt

Urgestein unter den Kontaktpolizisten? Der Titel, mit dem seine Kollegen Jürgen Schneider belegen, ist anerkennend gemeint und soll ihm zur Ehre gereichen: Nach 38 Jahren im Innenstadtrevier wechselt der Polizeioberkommissar Ende Oktober in den Ruhestand. Doch um als steinerne Erscheinung durchzugehen, ist der sportbegeisterte Polizist viel zu beweglich – und nicht hart genug.

„So’n paar Rennereien hat man schon gehabt“, sagt Jürgen Schneider, dessen Einsatzgebiet die Altstadt ist. „Das ist nicht mit dem Schnoor zu verwechseln, das geht vom Wall bis zum Brill und schließt die Schlachte mit ein.“ Eine Strecke, die Touristen ruckzuck im Spaziertempo hinter sich bringen, Schneider auch. Vorausgesetzt natürlich, die Kundschaft lässt es zu.

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Eigentlich ging es um Schulwegsicherung, als der Polizist einmal einen Radfahrer stoppte, der auf der falschen Seite aus Richtung Bahnhof unterwegs war: „Plötzlich schmeißt der sein Rad hin und rennt weg.“ Als Schneider ihm auf den Fersen war, warf er auch seinen Rucksack fort. „Da waren fünf Kilogramm Marihuana im Wert von 35 000 Mark drin.“ Gemeinsam mit zwei Kollegen konnte Jürgen Schneider den Mann schließlich im Schnoor festnehmen.

„Da kam einem das Sportliche zugute“, sagt der 61-Jährige, der schon als Achtjähriger in seiner Heimatstadt Lübeck begonnen hatte, Handball zu spielen. Zuletzt als Rückraumspieler – „mit 45 bin ich dann mit einem Kreuzbandschaden ausgeschieden“. Dem Handball hat er eine Menge zu verdanken: Seine Frau zum Beispiel, die damals mit ihm ging, als er sich nach der „Polizeiausbildung zu Zeiten Baader-Meinhofs“ in Schleswig-Holstein, Baden-Württemberg und eben in Bremen beworben hatte. „Durch den Sport hat man schnell viele Kontakte.“ So war es anfangs in Osterholz-Tenever und kurz darauf in Brinkum, wo Schneiders Söhne aufgewachsen sind. Einer „ist als Banker ein bisschen aus der Art geschlagen“, der andere ebenfalls Polizist geworden.

Früher ist Jürgen Schneider im Bremer Osten Trainer in der Regionalliga gewesen. „Ich habe bei den 1. Herren gespielt und die 2. Herren trainiert. Zusammen mit dem Schichtdienst war das eine ganz schöne Belastung.“ Heute ist er Handball-Abteilungsleiter beim FTSV Jahn Brinkum und Stellvertreter an der Spitze der Handballspielgemeinschaft Stuhr mit Vereinen aus Stuhr, Brinkum und Seckenhausen.

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„Das Sportliche“ sind längst nicht nur die Sprints, die Bösewichte dem Polizeioberkommissar immer mal wieder abverlangt haben. Auch Teamgeist und Freude am Netzwerken sind wichtige Eigenschaften, von denen Jürgen Schneider seit Jahrzehnten profitiert. Als einer der ersten Bremer Kops, wie die Kontaktpolizisten sich selbst nennen, hat der Oberkommissar zwei „Steckenpferde“, wie er sagt. Die Präventionsarbeit mit Geschäftsleuten und Gastronomen ist das eine, dazu gehört auch „Opfernachsorge nach Einbrüchen“, ein aktuelles Projekt. „Der Innenstadtbereich ist ja kein Wohngebiet, hier gibt es keine Familienstreitigkeiten.“

Erfahrung im Umgang mit aggressiven Menschen

Außerdem ist Jürgen Schneider ein „großer Befürworter“ des Polizeibüros im Karstadt-Schaufenster, das nur noch besetzt ist, wenn es um Projekte „gegen Taschendiebe, Bettler oder die nervigen unter den Straßenmusikern“ geht. Auch im Umgang mit aggressiven Menschen hat Jürgen Schneider Erfahrung, obwohl das wirklich nicht zur Tagesordnung gehört. „Ich bin froh, in der Altstadt zu arbeiten“, sagt er. Die Klientel hier sei in Ordnung. „Ich habe das große Glück gehabt, mit vielen netten Menschen über die Jahre zusammenzuarbeiten, im Schnoor, an der Schlachte, in den Kaufhäusern. Das ist jetzt kein Schmalz“ – der Kontaktpolizist kann sehr überzeugend sein. Und er weiß sich durchzusetzen. „Die Uniform spielt eine wichtige Rolle dabei.“

Seine Arbeit hat sich gewandelt im Laufe der Jahrzehnte. „Anfangs hatte ich fünf bis sieben Aufgabenfelder, jetzt sind es 20“, sagt der Kop. Sein liebstes ist die Zusammenarbeit mit der St.-Johannis-Schule, wo er zusammen mit dem Schulsozialarbeiter das große Vorbeugungsprogramm „von der Grundschule bis zur zwölften Klasse“ macht: Während er mit den Älteren über Themen wie Schulverweigerung oder Ladendiebstahl spricht, geht es bei den Jüngeren um Schulwegsicherung und den Fahrradführerschein.

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Seit fast zwei Jahrzehnten werden jedes Jahr 55 Lizenzen für die Fahrradanfänger ausgestellt. „Manchmal kommen Erwachsene auf mich zu und fragen: Kennen Sie mich noch?“ Oft hat der Oberkommissar den Namen tatsächlich behalten. „Ich bin ein kommunikativer Mensch und ich habe ein gutes Personengedächtnis.“ Dass er außerdem kein Problem hat, mit Jugendlichen in Kontakt zu treten, habe auch mit dem Sport zu tun. Und auf der anderen Seite habe der Trainer und Polizeibeamte auch Respekt vor der Arbeit der Lehrer.

Kop ist sein Wunschposten

Trotzdem: Drei Mal habe er sich im Lauf der Jahrzehnte auf andere Stellen beworben – bei der Kripo und beim Sondereinsatzkommando. „Aber Gott sei Dank hat das nicht geklappt. Kop ist mein Wunschposten.“ Diese Leidenschaft teilt er mit seinem Nachfolger Andreas Hampel, der zurzeit Kop im Stephaniviertel in der westlichen Altstadt, im Doventor und anderen Teilen der Bahnhofsvorstadt ist. „Wir brauchen uns die Arbeit nicht zu suchen“, sagt Schneider. „Die kommt auf uns zu, das erleichtert die Sache oft.“

Vieles habe sich verändert in den vergangenen 38 Jahren. Was Jürgen Schneider zuerst einfällt: „An der Schlachte waren früher nur Parkplätze, seit 2010 trage ich die blaue Uniform, zum Glück, und bei Werder sind heute 40 000 statt 20 000 Leute.“ Wenn er sich etwas wünschen sollte, wären das mehr Kop-Kollegen: „Im Bereich Ostertor und Bahnhof sind von sieben noch zwei Kollegen da, zwei Stellen werden neu ausgeschrieben, weil die Kollegen in den Ruhestand gehen.“ Dann fällt ihm noch etwas ein: „Wir haben einen der besten Weihnachtsmärkte in Norddeutschland mit zweieinhalb Millionen Besuchern, aber für die vielen Busse wäre ein klareres Konzept als jetzt in der Wachtstraße wichtig. Die parken nur 50 Meter vom Markt entfernt.“

Wo Jürgen Schneider die Adventszeit verbringen wird, weiß es allerdings noch nicht. „Ich reise gern und bin viel mit meiner Frau unterwegs.“ Griechenland und Portugal zählen zu den Zielen. „Aber ich werde natürlich immer mal in der Lloydpassage sitzen und mir alles aus der Ferne ansehen. Oder an der Schlachte, das ist sowieso mein Ding.“

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