Einrichtung im Schnoor droht Schließung

Künstlerhaus Ausspann vor dem Aus

Sogar mit dem Bremer Bürgerpreis wurde das Künstlerhaus Ausspann im Schnoor schon ausgezeichnet, nun soll bald Schluss sein: Mangels eines Mietkostenzuschusses muss das Haus bald schließen.
15.12.2019, 19:12
Lesedauer: 3 Min
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Von Matthias Holthaus
Künstlerhaus Ausspann vor dem Aus

Jörg Thomsen und Ronald Philipps (von links) wollen nun alles versuchen, um an Spenden für das Künstlerhaus zu kommen.

Christina Kuhaupt

Im Moment sieht es schlecht aus für das Künstlerhaus Ausspann im Schnoor. Am 22. Dezember könnten sich seine Türen schließen: „Welche Gründe zur Absage führten, kann ich schlecht beurteilen“, sagt Jörg Thomsen, Vorsitzender des gemeinnützigen Vereins Ausspann, der bislang das Künstlerhaus getragen hat. „Ich kann nur sagen, dass ich mit der Antwort nicht zufrieden bin.“

Es dreht sich wie so oft um Geld – genauer gesagt um Geld, das nicht da ist: „Wir baten das Sozialressort um einen Mietkostenzuschuss über 20.000 Euro für die Zeit von September bis Dezember 2019 sowie über 60.000 Euro für das Jahr 2020“, erzählt er. „Wir haben beide Anträge am 13. September gestellt und einen Finanzplan erarbeitet, am 3. Dezember kam aber die schriftliche Absage.“ Aus dieser Absage gehe hervor, dass für eine Grundfinanzierung aufgrund der „Haushaltsvorgaben und der inhaltlichen Ausrichtung des Ausspanns sowie nicht ausreichender konzeptioneller Grundlagen zurzeit leider keine Möglichkeit“ bestehe. Über die bereits laufende Unterstützung des Ausspanns hinaus wird es demnach keine weiteren Mittel für das Künstlerhaus geben. Im Verlauf des Januars möchte der Verein nun versuchen, Finanzierungsmöglichkeiten zu finden, um eine solide und langfristige Grundlage zu schaffen.

Viele Hilfsangebote

„Wir versuchen ab jetzt alles, um an Spenden zu kommen. Es gibt viele Hilfsangebote, die ich erst einmal kanalisieren muss“, sagt Jörg Thomsen. „Alles, was wir für die Zukunft sammeln, ist zwar gut, hilft uns aber jetzt nicht.“ Dabei kann das Team des Ausspann-Künstlerhauses sichtbare Erfolge vorweisen. „Wir haben genug Manpower, es gibt über 100 Ehrenamtliche hier und zwölf Praktikanten, wir arbeiten mit Schulen und anderen Institutionen zusammen“, sagt Ronald Philipps, verantwortlich für Kunst und Integration im Künstlerhaus. Aufgrund seiner Initiative kam es Anfang 2016 dazu, dass das ehemalige Restaurant Ausspann zu einem Haus wurde, in dem seitdem mit Geflüchteten gearbeitet wird, Ausstellungen stattfinden und es Raum gibt für Kreativität und lebhafte Diskussionen. Im Jahr 2018 wurde das Künstlerhaus sogar mit dem Bremer Bürgerpreis für sein vielfältiges Angebot ausgezeichnet.

Strukturfreie Kreativität

15 Projekte gibt es derzeit, an die 150 Geflüchtete nehmen pro Woche daran teil: Zum Beispiel gibt es Mal- und Kreativgruppen, ein Sprachcafé, eine Frauengruppe und einen Kinderspielkreis. „Wir verstehen uns als Integrations- und Kommunikationszentrum“, heißt es in einem vom Verein verfassten Konzept. Die Ideen, die die Leute hier hatten, konnten umgesetzt werden, sagt Philipps: „Strukturfrei – ich als Künstler wollte hier nichts vorformulieren, sondern das Projekt eher als soziale Plastik handhaben.“ Diese soziale Plastik habe eine Dynamik erzeugt, meint auch Jörg Thomsen, „und diese Dynamik hat sich immer mehr im Haus festgesetzt, wo jeder Mensch willkommen ist. Und wir reden hier nicht nur von Geflüchteten, denn die Geflüchteten kommen hier auch mit Bremer Bürgern in Kontakt.“

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Nun wird dem Verein nach Ansicht von Ronald Philipps die Perspektive nach vorne genommen: „Ich bin nur noch dafür da, Geld zu organisieren. Und ich finde es schade, dass ich es nicht geschafft habe, die Wirtschaftsunternehmen mitzunehmen, gerade, wenn ich überlege, wie viele Leute ich in Jobs und Praktika rein bekommen habe.“ Dabei sei das Haus ein zentraler Anlaufpunkt, meint der 51-Jährige: „Wenn es irgendwo ein Problem gibt, das in Bremen nicht lösbar ist, heißt es häufig ,Geh doch mal ins Ausspann‘“.

Die Schließung des komplett denkmalgeschützten Hauses, das laut Jörg Thomsen 1562 erbaut wurde und somit zu den zehn ältesten Gebäuden in Bremen gehört, wäre auch für den Schnoor von Nachteil: „Wir haben Leben in den Schnoor gebracht, auch durch die Außengastronomie. Der hintere Schnoorbereich wäre dunkel, wenn es uns nicht mehr gäbe, da das benachbarte Restaurant Aioli ebenfalls zu hat.“

Die besagte Gastronomie wird von Ruth Degenhardt als eigenständiges Unternehmen geführt und stellt dem Verein derzeit unentgeltlich Personal zur Verfügung: „Wenn der Verein genug Geld hat, will sie eine Rechnung schicken, doch was sie jetzt macht, ist Idealismus“, meint Jörg Thomsen: „Wir spüren hier eine Solidarität.“ Und auch auf Facebook äußert sich diese Form der Solidarität: „Schade“ lautet der allgemeine Tenor, von einem „schönen Projekt der Begegnung“ ist die Rede. Viele betonten, wie viel Liebe die Macher in das Projekt gesteckt haben, sagt der 60 Jahre alte Thomsen. „Aber alleine durch Liebe lässt sich das Projekt nicht bezahlen.“ Dabei sei dies ein Projekt, das er so noch nicht erlebt habe: „Das strahlt eine Weltoffenheit aus, womit sich Bremen auch rühmt. Wenn es uns aber nicht gelingt, Gelder zu generieren, dann muss man so realistisch sein und den Stecker ziehen.“ Und Ronald Philipps meint: „Wir machen hier seit vier Jahren das Richtige. Es sollte mehr Mut reinkommen, ein bisschen mehr ,Ja‘ in die Ämter und Institutionen und den Spielraum ein wenig positiver auslegen.“

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