Gedenken an Fukushima in der Kulturkirche

Künstlerisches Fanal wider das Vergessen

Diemut Meyer, der leitenden Pastorin der Kulturkirche St. Stephani, ist es gerade in der Passionszeit ein besonderes Anliegen, Dorothee von Harsdorfs Ausstellung „Fukushima-Tsunami“ zu zeigen.
08.04.2019, 19:16
Lesedauer: 4 Min
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Künstlerisches Fanal wider das Vergessen
Von Sigrid Schuer

Die verstörenden Bilder einer von menschlicher Hybris verursachten Apokalypse hätten sich eigentlich in das kollektive Bewusstsein einbrennen müssen. Doch sie sind acht Jahre nach dem atomaren Supergau in unserer schnelllebigen Zeit aus den Nachrichten verschwunden, so als wäre nichts geschehen. Am 11. März 2011 verwüstete ein Erdbeben und der dadurch ausgelöste Tsunami die Küstenregion von Fukushima. Das direkt an der Küste gebaute Atomkraftwerk wurde von den bis zu acht Meter hohen Monsterwellen einfach davon geschwemmt. Die Atomkerne in den Reaktortürmen begannen zu schmelzen. 18 500 Todesopfer forderte die Doppel-Katastrophe. „Dieser Tsunami überschritt das bisher für möglich gehaltene. Die Wahrscheinlichkeitsberechnungen hatten nicht die absoluten Ausnahmefälle kalkuliert. Und vor allem nicht deren Konsequenzen“, so Diemut Meyer, leitende Pastorin der Kulturkirche St. Stephani. Dort ist noch bis Karfreitag, 19. April, die Ausstellung „Fukushima-Tsunami“ zu sehen.

Die Geister des Zauberlehrlings

Die Künstlerin Dorothee von Harsdorf fühlte sich an Goethes „Zauberlehrling“ erinnert, der die Geister, die er rief, nicht mehr kontrollieren konnte. „Ich konnte einfach nicht glauben, was ich da im Fernsehen sah, und habe irgendwann abgeschaltet, da ich es unerträglich fand, mir das Unfassbare vom bequemen Sofa aus anzusehen“, sagt die Künstlerin, die an der Staatlichen Akademie für Bildende Künste Stuttgart studiert hat, in Platjenwerbe wohnt und am Gymnasium Syke als Kunstpädagogin tätig ist. Wie eine Besessene begann sie auf aufgespanntem Packpapier zu malen und zu zeichnen. Vier Wochen lang, Tag für Tag. „Ich musste das Unfassbare einfach ausdrücken, ich konnte nicht mehr schlafen“, erinnert sie sich. Die Künstlerin schuf mit den tief empfundenen Momentaufnahmen „Fukushima-Tsunami“ ein Tagebuch des unfassbar Schrecklichen, das die Verlorenheit der Seelen und den Schmerz der Opfer dokumentiert.

Die Zauberlehrlinge sind offenbar in Japan schon wieder am Werk. Denn noch nicht einmal eine Dekade nach der Katastrophe, die Fukushima und seine Umgebung weiträumig vergiftete und verstrahlte, sind bereits zehn Prozent der Bevölkerung wieder zurückgekehrt und die Regierung betreibt wieder eine offensive Ansiedlungspolitik. Die Technologiegläubigkeit ist also ungebrochen. Und das in einem Land, in dem die Opfer noch Generationen nach dem verheerenden Abwurf der Atombombe über Hiroshima an den Spätfolgen leiden, wie Diemut Meyer betont. „Die Botschaft ist: Am Ende schafft es der Mensch – er bekommt die Welt in den Griff. Er und sein Erfindungsgeist sind unbegrenzt. Der Mensch kann Zerstörung verantworten, denn wir haben kollektiv gelernt, an die Allmacht unserer eigenen technischen Problemlösungskompetenz zu glauben. In Zeiten des Klimawandels und auch der Nuklearenergie“, sagte die Pastorin im Rahmen der Eröffnung. Das dem keinesfalls so ist, stellte der Nachhaltigkeitsforscher Professor Niko Paech in seinem Vortrag „Fortschrittswahn und Wachstum: Lehren aus Fukushima“ eindrucksvoll dar (siehe Artikel unten). Denn Japan hat sich nach der Doppelkatastrophe verändert. Das Meer vor Fukushima wurde weiträumig mit kontaminiertem Kühlwasser verseucht. Die Anzahl der an Leukämie erkrankten Kinder ist sprunghaft angestiegen.

In der Passionszeit besonders wichtig

„Gerade in der Passionszeit war es uns, angeregt von Edda Bosse, der Präsidentin der Bremischen Evangelischen Kirche, ein besonderes Anliegen, Dorothee von Harsdorfs Ausstellung zu zeigen, um den Opfern und den Helfern und Feuerwehrleuten zu gedenken, die ihr Leben hingegeben haben, um Menschen zu retten. Und die Kunst ist ein wirkungsvolles Mittel der Trauerarbeit“, betont Diemut Meyer. „Fukushima und die Folgen vor Ort und weltweit, unsere Mitverantwortung, unsere Ratlosigkeit und unser Verstummen – das ist unsere Passion gerade auch 2019.“ Und so sind Dorothee von Harsdorfs Werke ein Requiem für die Opfer, passend dazu ließ Kantor Tim Günther am 17. März das Requiem „Fukushima“ von Zsigmond Szathmáry in St. Stephani aufführen. In Harsdorfs Werken sind Feuerwehrleute zu sehen, die hilflos gegen das flammende Inferno ankämpfen. Einer von ihnen, der in der Mitte eines Bildes aus dem schwarzen Nichts auftaucht, wirkt wie eine Jesus-Figur.

Teil einer Serie von neun Radierungen ist „Nachtbrand“, ein memento mori, in dessen rot-schwarze Farben sie einen Totentanz eingeschrieben hat. Die Künstlerin hat aber auch überlebende Paare dargestellt, denen das unverhoffte Glück zuteil wurde, sich in der Apokalypse wiederzufinden und die sich, in Isolierstationen durch eine Glasscheibe voneinander getrennt, küssen. An einer Kirchenwand hängt eines der in den darauffolgenden Jahren entstandenen Dyptichen, in denen die todbringende Dynamik der entfesselten Naturgewalten förmlich zu spüren ist. Dahinter zieht sich ein Riss durch die Wand der Kulturkirche, die bei Bombenangriffen während des Zweiten Weltkrieges schwer beschädigt und deren Südflügel nicht wieder aufgebaut wurde. In ein Werk, in dem Pastellfarben in lichtem Hellgelb und Türkis aufeinandertreffen, hat Dorothee von Harsdorf schemenhafte Figuren eingeschrieben, die wie in einen Kokon eingesponnen wirken, der als eine Plastikplane oder aber auch als Kimono gedeutet werden könnte. In diesem Bild scheint ein Silberstreif am Horizont zu leuchten, trotz aller Zerstörung.

Die Finissage der Ausstellung wird am Karfreitag, 19. April, um 15 Uhr zur Sterbestunde Jesu, mit einem musikalischen Ausklang gestaltet. Es spielen die japanische Trommelgruppe Masa Daiko und Hans-Dieter Renken an der Orgel. Diemut Meyer spricht Worte aus dem Johannes-Evangelium. Der Eintritt ist frei, Spende erwünscht.

Weitere Informationen

Die Ausstellung ist bis Karfreitag, 19. April, von Dienstag bis Sonntag in der Zeit von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei.

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