Schwebende Ornamente

Schwebende Ornamente beflügeln die Fantasie

Die Bremer Künstlerin Susanne Bollenhagen, Kunststipendiatin der BEK, zaubert die Leichtigkeit der Ornamentik in die Kulturkirche St. Stephani. Zu sehen bis 20. Juni.
15.03.2021, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Schwebende Ornamente beflügeln die Fantasie
Von Sigrid Schuer
Schwebende Ornamente beflügeln die Fantasie

Dreidimensionale Präzisionsarbeit: Susanne Bollenhagen verleiht dem Interieur von St. Stephani ein schmückendes, neues Ornat.

Roland Scheitz

Der Blick wandert genussvoll an Susanne Bollenhagens so farbenfroh wie kunstvoll gestalteten Ornamenten empor und springt gleich darauf zur nächsten Verzierung, die federleicht im Kirchenraum zu schweben scheint. Bollenhagens Schau „Allerley Zierathen – Das Ornat der Kirche“, die sie im vergangenen und in diesem Jahr im Rahmen des Kunststipendiums der Bremischen Evangelischen Kirche erarbeitet hat, ist ein Labsal für Geist und Seele. Gerade in dieser schwierigen Zeit, in der es kaum einen Ausweg aus „dieses Tales Gründen“ (nach Schillers „Sehnsucht“) zu geben scheint. Die oft dreidimensionalen Ornamente, die die Künstlerin mit größter Präzision auf die Wände der Kulturkirche St. Stephani gezaubert hat – zitiert und rekombiniert aus verschiedenen Epochen –, beflügeln die Fantasie und sind eine verlockende Einladung, sich hinweg zu träumen in eine andere, bessere Zeit.

Bollenhagens künstlerisches Revier sind viel mehr die Kirchen als die Museen, wie sie selbst in der virtuellen Vernissage betont, die die Kulturkirche auf ihrem Youtube-Kanal ausstrahlen ließ und der dort weiter präsent ist. Die Künstlerin hat sich während ihres Stipendiums intensiv mit der Geschichte von Kirchenbauten und deren Ausstattung beschäftigt. Eine virtuelle Premiere also in St. Stephani. Außergewöhnliche Zeiten erforderten außergewöhnliche Lösungen, sagt die leitende Pastorin Diemut Meyer.

Und da die Lage für die Ausstellungshäuser pandemiebedingt in den vergangenen Wochen immer hin- und herchangierte und eine Vernissage für viele Menschen ohnehin nicht realisierbar war, habe sie sich für die virtuelle Variante entschieden. Ab Mittwoch, 17. März, ist die Kirche wieder von Dienstag bis Sonntag für Stille und Gebet geöffnet. Sobald es die Pandemie-Situation zulässt, wird die Ausstellung für das Publikum geöffnet. Sie läuft bis 20. Juni.

Susanne Bollenhagens Kunst hat etwas Leichtes, Heiteres, zuversichtlich Stimmendes, dass die Menschen sich gerade in dieser Zeit wünschen. Goethe scheint diese Wirkung in „Gedichte sind gemalte Fensterscheiben“ geahnt zu haben. Darin heißt es: „Kommt aber nur einmal herein, begrüßt die heilige Kapelle! Da ists auf einmal farbig helle, Geschicht und Zierat glänzt in Schnelle, bedeutend wirkt ein edler Schein; Dies wird euch Kindern Gottes taugen, erbaut euch und ergötzt die Augen!“ Eine, nach der römischen Dichterikone Horaz, essenzielle Funktion von Kunst. Es ist so, als wolle Susanne Bollenhagen mit ihrer Kunst Wunden heilen. Das gilt auch und gerade in der karg wieder aufgebauten Seefahrerkirche St. Stephani, die dem Bombenhagel im Zweiten Weltkrieg zum Opfer fiel. „In ihren Arbeiten zitiert die Künstlerin aus Vorlagen und entwickelt auch neue Motive, die sie der fast 900 Jahre alten Kulturkirche in Form einer modernen Kunst zurückgibt“, erläutert Diemut Meyer.

Schon 2018, anlässlich ihrer den gesamten Raum bespielenden, heilenden Ornament-Kunst in der Kultur- und Wegekirche Landow auf Rügen, hatte die Künstlerin betont: „Es ist meine Vision, dass ich mir auf diese Weise das Ganze der Kirche zu eigen machen kann.“ Ja, mehr noch: Es sei nicht ungewöhnlich, in ein und demselben Bau Zeitreisen zu erleben. In der abendländischen Kunst stehe die Ornamentik nicht im Fokus, sagt Bollenhagen. In Moscheen, aber auch in barocken Kathedralen ist dagegen die prächtige Ornamentik zu bewundern. Ihr Ziel sei es, die einstige Wertschätzung der Ornamentik als eine Kunst, die ausschmückt, wiederzubeleben, sagt die Künstlerin. Und Diemut Meyer fügt hinzu: „Die reine Ornamentik ist die Urform der abstrakten Kunst. Sie erzählt nicht, sie belehrt nicht, sie ermahnt nicht, sondern beschäftigt das Auge, lädt es ein, in gegenstandslosen Strukturen herum zu wandern, wobei der Geist völlig frei bleibt.“ Das Ornament ließe sich so als Einübung in kosmische Tiefe, Transzendenz und Wahrheit verstehen.

Die in Bremen geborene Susanne Bollenhagen hat zunächst eine Lehre als Raumausstatterin in Visselhövede gemacht, später Freie Kunst an der Hochschule für Künste Bremen studiert. Von 1993 bis 2020 hat sie an einem eigenen Archiv zur Ornamentik gearbeitet und eine Ornamenttheorie entwickelt, auch Forschungsreisen in Europa, vorwiegend in Deutschland, Österreich und in die Schweiz hat sie unternommen. Von 2012 bis 2017 hat sie Vorträge in verschiedenen Museen gehalten, Einzelausstellungen hat sie unter anderem in Tirol, im Pavillon des Gerhard-Marcks-Hauses (Bau Schmuck Schatulle) und in der Kultur- und Wegekirche Landow auf Rügen gezeigt, dazu kommen Gruppenausstellungen in Bremen, Venedig, Mumbai, Worpswede, Riga, Prag, Wien, Sarajevo und Berlin.

Nähere Informationen zur Ausstellung unter www.kulturkirche-bemen.de.

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