Mehr als Einkommenseinbußen

Wie eine Bremerin mit der Kurzarbeit umgeht

Die Corona-Pandemie hat Cirsten Jürgens' Branche hart getroffen. Die Reiseverkehrskauffrau ist - wie viele Beschäftigte - in Kurzarbeit und berichtet, welche Folgen die Reduzierung der Arbeitszeit für sie hat.
28.06.2020, 20:02
Lesedauer: 4 Min
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Wie eine Bremerin mit der Kurzarbeit umgeht
Von Silke Hellwig
Wie eine Bremerin mit der Kurzarbeit umgeht

Reiseverkehrskauffrau Cirsten Jürgens, die in einem Reisebüro in Bremen arbeitet, gehört zu den Millionen Bundesbürgern, die momentan in Kurzarbeit tätig sind.

Frank Thomas Koch

Cirsten Jürgens setzt große Hoffnungen in die Reiselust der Deutschen. Sie hofft, dass die Pandemie das Fernweh nur für eine Zeit gebremst, der Bevölkerung nicht aber ausgetrieben hat. Das Coronavirus hat ihre Branche hart getroffen. Inzwischen haben viele Reisebüros wieder geöffnet, meist mit eingeschränkten Bürozeiten. Der Reisetreff am Wall, wo Cirsten Jürgens seit rund zehn Jahren arbeitet, leidet in besonderer Weise: Er ist auf Kreuzfahrten spezialisiert. Ob und wann die Branche wieder so dasteht wie zuvor, ist ungewiss.

Cirsten Jürgens und ihre Kollegen arbeiten momentan in Kurzarbeit. Die Reiseverkehrsfrau verbringt einen Tag statt fünf Tage in der Woche im Büro. Wie lange noch ist ungewiss.

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Das ist kein Einzelfall: Im März und April hatten laut Bundesagentur für Arbeit gut 750.000 Unternehmen für mehr als zehn Millionen Arbeitnehmer Kurzarbeit angemeldet (siehe Artikel unten). „Dass man nicht alleine dasteht, tröstet mich schon“, sagt Cirsten Jürgens. Man nehme die Lage gewissermaßen nicht persönlich.

„Ein anderes Ausmaß“

„Wir haben schon Krisen miterlebt“, berichtet die 51-Jährige, dazu gehöre beispielsweise die Misere ihrer Branche nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 in den USA. „Aber das Ausmaß damals war ein anderes.“ Existenzsorgen habe sie sich nie machen müssen.

Die Kreuzfahrtbranche hat viele gute und einige sehr gute Jahre hinter sich. 2019 buchten laut der „Welt“ 2,5 Millionen Deutsche eine Hochseereise. Wie viele werden es 2020 sein? Deutlich weniger, so viel steht fest. Bekannt ist, dass die Lage ernst ist. Ein japanischer Kreuzfahrtanbieter meldete Anfang März Insolvenz an, ein spanischer, wie in der Branche verbreitet wird, gab vor wenigen Tagen auf.

Es gibt aber leise Hoffnung für die Reiseverkehrskauffrau und ihre Kollegen. Auf der Internet-Seite von Aida Cruises, nach eigenen Angaben Marktführer für Kreuzfahrten in Deutschland, heißt es: „In Erwartung einer Normalisierung des Tourismus arbeiten wir intensiv an detaillierten Plänen für einen baldigen Neustart von Aida Kreuzfahrten (...) In vielen unserer Reisegebiete sind die Regelungen für den Tourismus noch in Abstimmung und die konkreten Bedingungen für einen Neustart noch nicht umfassend geklärt.“

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Die Krise der Reise- und Tourismusbranche bleibe für die Beschäftigten nicht folgenlos, sagt Cirsten Jürgens, nicht nur finanziell, sondern vor allem psychisch. „Man entwickelt Existenzängste. Bei mir geht das noch, aber ich habe jüngere Kollegen, denen macht das schon mehr zu schaffen.“

Das Ratgeberportal für Arbeitnehmer namens Aktiv zitiert Thomas Rigotti, Professor für Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz: Kurzarbeit, sagt Rigotti, „verstärkt zusätzlich den Kontrollverlust, den wir alle erleiden. Wir haben ein Bedürfnis, die Kontrolle über unser Leben zu haben – das wird in der Pandemie gerade massiv gestört. Es sollte aber trösten, dass Kurzarbeit ein bewährtes Instrument zur Rettung von Arbeitsplätzen ist“, sagt er. Das sieht auch Cirsten Jürgens ein: „Die Kurzarbeit wurde auch beantragt, um das Personal halten zu können.“

Zu viel Zeit, um sich Sorgen zu machen

Dafür ist sie bereit, finanzielle Einschränkungen hinzunehmen. „Man merkt das schon im Portemonnaie. Mir fehlen im Monat etwa 600 Euro“. Die Folge: „Urlaub ist in diesem Jahr überhaupt nicht drin, auch nicht in Deutschland“. Auch ihren – kostenpflichtigen – Sport habe sie vorübergehend aufgegeben. „Man versucht zu sparen, wo es nur geht. Vorher konnte ich mir mehr gönnen.“ Außerdem habe sie viel mehr Zeit als zuvor zu Hause verbracht – zu viel Zeit, um zu grübeln und sich Sorgen zu machen, zu wenig Zerstreuung. „Man kann die Freizeit nicht genießen, wie im Urlaub. Man kommt nicht zur Ruhe.“

Nach dem ersten großen Tief habe sie sich berappelt und sich eine Nebentätigkeit gesucht – seit Anfang Juni sitzt sie an der Kasse eines Baumarkts, auf 450-Euro-Basis. „Das mache ich nicht nur aus finanziellen Gründen, sondern auch für meine Psyche“, sagt sie, „sonst fällt mir die Decke auf den Kopf“.

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Verschiedene Phasen hat Cirsten Jürgens in den vergangenen Wochen durchlebt und durchlitten, berichtet sie. „Man macht Höhen und Tiefen durch. Man bricht auch oft wieder zusammen. Mir fehlt mein Job, das ist mein Leben, ich mache das seit 1988. Ich fühle mich, als wenn mir jemand die Flügel gestutzt hätte. Ich sehne mich nach Normalität.“ Eine große Hilfe sei ihr Sohn, 21 Jahre alt, in der Ausbildung und deshalb nicht von Kurzarbeit betroffen. „Er baut mich immer wieder auf und sagt: Wir schaffen das.“ Der Zusammenhalt unter den Kolleginnen und Kollegen sei ebenfalls groß, auch das helfe ungemein.

Hoffnung ruht auf dem Chef

Sie setze alle Hoffnungen in ihren Chef, Matthias Preusche, sagt Cirsten Jürgens. „Ich hoffe, dass er durchhält.“ Preusche hatte in einem Interview mit dieser Zeitung vor gut fünf Wochen gesagt: „Es ist eine sehr lange Durststrecke, und ich halte das durch, weil wir Rücklagen gebildet haben und ich mein eigenes Geld einsetze.“

Sie und ihre Kollegen „geben alles für die Kunden, wenn wir im Büro sind“. Die ersten Tage, als eine Flut von Stornierungen über das Team hereinbrach, seien die schlimmsten gewesen. „Alles, was man getan hat, wofür man gearbeitet hat, wurde wieder rückgängig gemacht. Das ging ganz schön auf die Psyche. Wir waren sehr niedergeschlagen.“

Unterkriegen lasse sie sich jedoch nicht, sagt die Reiseverkehrskauffrau. „Man merkt, dass es in der Reisebranche wieder langsam voran geht.“ Die Arbeit im Homeoffice habe das Fernweh der Bürger verstärkt. „Die Kunden wollen wieder fahren, auch mit Kreuzfahrtschiffen, es wird jetzt häufiger umgebucht. Das baut mich auf.“

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Zur Sache

Jeder dritte Betrieb betroffen

Von der Möglichkeit der Kurzarbeit wurde durch die Pandemie in einem bislang einmaligen Umfang Gebrauch gemacht. Er liegt weit über den Zahlen, die die Finanzkrise in den Jahren 2008 und 2009 nach sich gezogen hatte. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit ist jeder dritte Betrieb betroffen.

Die Kreuzfahrtbranche leidet besonders schwer. Die „Tagesschau“ berichtete von einem „beispiellosen Absturz – keine Einnahmen, riesige Kosten, die Unternehmen verbrennen monatlich Hunderte von Millionen Dollar. Viele Experten halten die Kreuzfahrer für den am härtesten getroffenen Unternehmenszweig (...)“.

Die Branche werde überleben, sagte Alexis Papathanassis Mitte März der „Welt“, das gelte zumindest für die Branchenriesen. Papathanassis ist Professor für Kreuzfahrt-Management und Tourismus an der Hochschule Bremerhaven. Auch die „Tagesschau“ stellte Ende Mai fest: „Die Branche werde stärker denn je zurückkehren, heißt es aus der Kreuzfahrtindustrie. Aber auch unabhängigere Marktbeobachter verbreiten Zuversicht.“

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