Alternative zum Kinderanhänger

Lastenräder sind auch in Bremen im Trend

Lastenräder sind im Kommen: Auch auf Bremens Straßen ist die XL-Variante immer häufiger zu sehen - unter anderem als Alternative zum Kinderanhänger.
30.05.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Helke Diers
Lastenräder sind auch in Bremen im Trend

Lastenräder sind im Kommen: für den gewerblichen Transport, immer häufiger auch privat.

Gregor Fischer /dpa

Den Großeinkauf, Kinder oder einen Sack Blumenerde aus dem Baumarkt transportieren – bis vor wenigen Jahren war das ohne Auto kaum machbar. Immer mehr Bremerinnen und Bremer nutzen dafür Lastenfahrräder. Wer an Parks und Spielplätzen vorbeikommt, sieht: Die zwei- und dreirädrigen Fahrzeuge machen den Fahrradanhängern in puncto Kindertransport bereits Konkurrenz. Sandra Wienand aus der Neustadt hat seit fünf Jahren ein Lastenfahrrad und sagt: „Es ist so vielseitig. Wir wollen nicht mehr darauf verzichten.“

Den Trend zum Lastenrad sehen auch Hersteller und Händler. „Wir verkaufen in diesem Jahr mindestens doppelt so viele Räder wie im vergangenen Jahr. Die Tendenz ist deutlich steigend“, sagt Jap Kellner, Geschäftsführer bei Velo Lab in Burglesum. Seit 2018 verkauft die kleine Manufaktur vor Ort produzierte Lastenfahrräder an Endkunden und den Fachhandel. „Ich glaube, dass wir in Deutschland noch relativ am Anfang stehen“, schätzt Kellner die zukünftige Entwicklung ein.

Lesen Sie auch

Er berichtet von einer Fahrradmesse, bei der vor zehn Jahren die ersten Lastenfahrräder vorgestellt worden seien – inzwischen gebe es dafür eine ganze Halle. Kellner selbst lebt mit seiner Familie auf dem Land und hat das Zweitauto durch Lastenfahrräder ersetzt, wie er sagt. Mehrmals pro Woche pendelt er mit dem Rad zur Arbeit.

„Absatz steigt“

An gute Zukunftsaussichten für die Transporträder glaubt auch Fahrradladeninhaber Kristoffer Reed. In seinem Laden Sønsteby‘s in Schwachhausen führt er Lastenräder von vier Herstellern, Velo Lab ist einer davon. „Ich bin davon überzeugt, dass Autos auf Dauer in der Stadt keine Zukunft haben. Selbst bei Elektroautos bleibt das Platz- und Feinstaubproblem. Es wird sich verändern müssen“, sagt er. Die Gewinnspanne sei – gemessen an anderen hochwertigen Fahrrädern – nicht unbedingt attraktiv. Als Händler verkaufe er die Räder aus „Leidenschaft und Überzeugung". Pro Jahr seien dies Zahlen im mittleren zweistelligen Bereich, der Absatz steige jedoch.

Wienands Familie schaffte das Lastenrad mit der Geburt des ersten Kindes an. „Wir hatten überlegt, wie wir das Kind transportieren, weil wir kein Auto brauchten und wollten.“ Am Lastenrad schätze sie, die Kinder direkt im Blick zu haben. Inzwischen fahre bereits das dritte Kind in der Holzkiste mit, sie und ihr Partner seien täglich mit dem Rad unterwegs. „Wir fahren die Kinder zum Kindergarten, kaufen ein und machen Ausflüge.“ Auch für die Fahrt zum Möbelhaus nutzten sie das Lastenrad. „Einmal haben wir auch eine Matratze zum Wertstoffhof transportiert“, erzählt sie. Ein Auto habe die Familie inzwischen für längere Fahrten angeschafft.

Lesen Sie auch

Wer sich für ein Transportfahrrad interessiert, muss sich zunächst zwischen den Modellen mit zwei oder drei Rädern entscheiden. „Wir verkaufen zu 90 Prozent zweirädrige Räder“, erklärt Reed von Sønsteby‘s. Diese Variante gilt als wendiger und vom Fahrgefühl her regulären Fahrrädern ähnlicher. Velo Lab produziert ausschließlich diese Modelle. Ein weiterer Vorteil erschließt sich mit Blick auf die oft knapp engen Bremer Fahrradwege und Einbahnstraßen: Je schmaler das Rad, desto leichter ist das Durchkommen. Wer große Mengen transportieren möchte, ist mit einem dreispurigen Modell möglicherweise besser beraten.

Die auch Cargo-Bike genannten Fahrräder gibt es mit und ohne elektrische Tretunterstützung. Die Tendenz geht zum Akku. Vier von fünf Kunden entscheiden sich bei Velo Lab für ein E-Bike, sagt Kellner. Auch bei Sønsteby‘s würden besonders die für den Kindertransport genutzten Lastenräder mit E-Antrieb verkauft, berichtet Reed. Preislich ist ein „sehr gut ausgestattetes Bakfiets für spürbar unter 2000 Euro zu haben“, sagt Reed. Die niederländische Firma Bakfiets gilt als Pionier für den Kindertransportbereich. Bei Velo Lab startet ein Lastenrad ohne besondere Ausstattung mit 2800 Euro. Für einen elektrischen Antrieb sind es rund 2000 Euro mehr. Für Lastenräder verschiedener Hersteller gibt es jede Menge Zubehör: bunter Regenschutz, hochwertige Bremsen und Lichtanlagen, Kindersitze, Transportkisten und abschließbare Boxen.

Begehrt auch bei Dieben

Manche Menschen hätten Bedenken, ob sie das Fahren auf dem Lastenfahrrad leicht lernen könnten, erzählt Reed. Immerhin sei die XL-Variante deutlich länger und schwerer als ein herkömmliches Rad und habe einen größeren Wendekreis. Diese Sorge sei aber unbegründet. „Die meisten Leute können das sofort. Wer unsicher ist, muss sich einmal überwinden. Die Unsicherheit legt sich dann“, sagt er. Auch Wienand kann das bestätigen, sie habe das Fahren „relativ schnell“ gelernt. „Das Fahrgefühl ist wie bei einem normalen Rad. Man kann die Kurven super nehmen. Es ist einfach ein bisschen behäbiger“, sagt sie über das Fahren mit ihrem Bakfiets ohne elektrische Unterstützung.

Teure Fahrräder wecken Begehrlichkeiten, auch das hat Wienands Familie bereits erlebt. Das Schloss, mit dem das Fahrrad am Bügel gesichert war, sei nachts durchtrennt worden. „Zehn Tage später haben wir es auf der Baustelle nebenan gefunden“, berichtet sie. Die Diebe hatten das eingebaute zweite Schloss nicht kappen können. Nach Auskunft der Polizei Bremen werden Lastenfahrräder in der Statistik für Diebstähle nicht explizit erfasst. Es gebe jedoch keinen Trend oder Schwerpunkt beim Diebstahl solcher Räder in der Stadt. Wienand hat eine spezielle Versicherung abgeschlossen. Das Fahrrad ins Haus zu stellen, wie die Polizei empfiehlt, ist nicht für jeden möglich.

Lesen Sie auch

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+