Tristesse statt Remmidemmi

Einblick in leere Clubs der Bremer Discomeile

Clubs und Diskotheken werden wohl die Letzten sein, die in der Corona-Krise öffnen können. In den Clubs La Viva, Tower Musikclub und Shagall ist es leer und still. Die Betreiber kämpfen um ihre Existenz.
29.11.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Einblick in leere Clubs der Bremer Discomeile
Von Pascal Faltermann
Einblick in leere Clubs der Bremer Discomeile

Kühl ist es im La Viva, auf der Tanzfläche stehen Stühle statt Partygäste.

Christina Kuhaupt

Es sind Orte der Ekstase. Hier war es mal eng, es floss Alkohol, schwitzende Körper bewegten sich gemeinsam zum Rhythmus. Seit März drehen sich aber keine Discokugeln mehr. Die flackernden Lichter sind ausgestellt, die Boxen bleiben stumm, die Wärme ist aus den Clubs gewichen. An der Bremer Discomeile ist es kalt, dunkel und es gibt wenig Licht. Unter der Hochstraße am Rembertiring sitzen zusammengekauert ein paar Obdachlose. Sie trinken Bier, rauchen Zigaretten. Partygäste sind hier am Wochenende nicht unterwegs. Es ziehen keine feiernden jungen Menschen durch die Bahnhofsvorstadt. Ein Einblick in leere Clubs. Ein Thema, viele Facetten.

Schlaflos im Tower Musikclub

Die großen Metalltore zum Innenhof am Tower Musikclub sind geschlossen. Zwei gut befüllte grüne Bauschuttcontainer sind mit Zäunen gesichert, eine große Mülltonne steht daneben. Der Haupteingang ist nur schwer zu erreichen. An der Außenwand zum Herdentorsteinweg steht in großen Buchstaben „Lasst die Musik an“ in Anlehnung an den Song der Band Madsen. Im Inneren des Indieclubs zieren angebrochene Schnapsflaschen den Tresen – Wodka, Whiskey, Gin. Der Kühlschrank hinter der Bar ist nahezu ausgeräumt, nur vereinzelte Wasserflaschen sind noch drin. Die Tanzfläche – sauber. Die Bühne – leer gefegt. Tische an den Rand geschoben, Stühle gestapelt. Clubbetreiber Olli Brock lehnt sich an die Bar. Er sagt: „Unsere Vermieterin war da und hat gesagt, dass sie den Laden noch nie so sauber gesehen hat.“ Das letzte Konzert ist lange her, am 12. März spielte Karate Andi, ein deutscher Rapper aus Göttingen, in dem Musikclub.

Passiert ist seitdem nicht viel. Die Türen blieben dicht. Kleinere Reparaturen, ein bisschen streichen und sauber machen – das war es. Ein geplanter Umbau wurde wegen der ungewissen Zukunft verschoben. „Die Situation ist durchaus angespannt“, sagt Brock. Tagsüber merke er nichts von der psychischen Belastung der Krise, weil er viel Arbeit, Termine und Gespräche habe. Allerdings brauche er keinen Wecker mehr. „Ich wache seit Monaten zwischen fünf und sieben Uhr auf“, so Brock. Normalerweise schlafe er gerne länger.

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Die finanziellen Hilfen des Landes Bremen, die Soforthilfen, seien schnell gekommen. Darüber sei man sehr froh gewesen. Doch das sei nun einige Monate her, bis die Gelder des Bundes kommen, dauert es länger. Vor vier Tagen habe man die letzte Hilfe bekommen für die Monate Juni bis August, damit könne man vielleicht die nächsten zwei Monate überstehen. „Die Rücklagen schwinden mit jedem Monat“, so Brock, der unter anderem auch das Pier 2 betreibt. Für die kleinen Clubs wie Lila Eule, Römer oder eben Tower sei es schwer, Rücklagen zu bilden. „Da steht alles Spitz auf Knopf. Jeder Monat, den wir weiter schließen müssen, ist existenzbedrohend“, sagt Brock, der nicht glaubt, dass vor Herbst 2021 wieder an Tanzen in Clubs zu denken ist. „Wir brauchen auch künftig Unterstützung aus Bremen, die Bundesmittel werden uns nicht alleine durch die Krise tragen“, sagt der Club-Chef. Er appelliere an den Senat, der ohnehin schon kleinen Bremer Clubszene zu helfen.

Reportage leere Diskotheken und Clubs auf der Diskomeile

Der Putzlappen liegt noch auf den lange nicht benutzen Gläsern.

Foto: Christina Kuhaupt

Verlassenes La Viva

Das Rolltor des La Viva ist herunter gelassen. Der Schriftzug über dem Eingang der Diskothek leuchtet zwar, es wirkt trotzdem alles dunkel und verlassen. 700 bis 1000 Besucher zog es pro Abend am Freitag oder Sonnabend in das Tanzlokal mit drei verschiedenen Arealen. Im vergangenen Jahr seien es etwa 100 000 bis 120 000 Gäste gewesen, die die Diskothek besuchten, sagt Geschäftsführer Bülent Ünal. „Wir waren die Ersten, die schließen mussten und werden die Letzten sein, die wieder aufmachen dürfen“, sagt Ünal. Eigentlich wäre gerade Hauptsaison für den rund 1500 Quadratmeter großen Club. Vom der Security- bis zur Reinigungskraft auf den Toiletten arbeiteten etwa 40 Personen an einem Abend im La Viva. Hinzu kommen drei bis fünf verschiedene DJs.

Das letzte Mal zogen die Betreiber das Rolltor vor dem Eingang am 14. März in die Höhe. Mit dem Lockdown im März musste alles heruntergefahren werden. Die Festangestellten sind in Kurzarbeit, rund 70 Minijobber haben seitdem kein Einkommen, die Gesellschafter selbst gehen leer aus. „Die Überbrückungshilfe eins für Juni, Juli und August deckt 80 Prozent unserer Fixkosten, die Überbrückungshilfe zwei (September bis Dezember) 90 Prozent. Es gibt also immer noch eine Lücke von 20 beziehungsweise 10 Prozent“, sagt Ünal. Bei den November- und Dezember-Hilfen sollen 75 Prozent des Umsatzes der Vorjahresmonate gedeckt werden. Trotzdem: Verträge mussten gestundet oder gekündigt werden. „Die Rücklagen reichen nicht aus, um weiter zu existieren“, sagt Ünal. Aus diesem Grund habe man einen KfW-Kredit aufgenommen.

Stilles Shagall

Im Shagall hat Patrick Czech extra die Beleuchtung angemacht. „Wir haben hier Sachen verändert und renoviert, das hat noch kein Gast gesehen“, sagt der Clubmanager. Viel Holz sei aus dem Laden entfernt worden. Jetzt bestimmen schwarze Fliesen, Sitzgelegenheiten und Tische das Bild. Auf dem Boden sind mit Klebeband Markierungen für Tanzende aufgebracht. Für zwei Geburtstage, die seit der Schließung Mitte März hier gefeiert wurden, sollten dadurch die Mindestabstände gewahrt werden. An den Tresen sieht es leer aus, alles ist sauber, nichts klebt. Ein paar Papiere liegen an einer Bar, ein Geschirrhandtuch auf den Gläsern im Regal. Seit fünfeinhalb Jahren leitet Silvia Czaja mit ihrem Mann Axel die Diskothek im Kellergewölbe an der Meile. „Vier Jahre habe ich gekämpft“, sagt Silvia Czaja. Dann gab es einen Richtungswechsel. Weg vom Rock und Ü 30- und Ü 40-Partys hin zu einer jüngeren Zielgruppe, Mottopartys und auch Deutsch-Rap.

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„Dann haben wir den Laden in Gang bekommen und ein super Jahr hingelegt“, sagt Czaja. Es seien mehr Besucher gekommen, das Konzept gut angenommen und der Umsatz verdoppelt worden. Die Öffnungstage wurden auf fünf ausgeweitet. „Es ist so traurig, was passiert“, sagt Czaja. Sie mache sich große Sorgen um ihre Mitarbeiter, darunter alleinerziehende Mütter oder selbstständige DJs, die auf das Geld angewiesen seien. Ein weiteres Problem: Die stadteigene Gesellschaft Immobilien Bremen als Vermieter bereite Schwierigkeiten. „Wenn wir mit denen nicht zu einem vernünftigen Konsens kommen, bringt uns auch die Corona-Hilfe nichts“, sagt Axel Czaja. Weil der Konflikt zur Bedrohung für das Shagall werde, schreibe er jetzt die Kultursenatorin an. Das Shagall sei schließlich mit 3300 Besuchern im Monat ein wesentlicher Teil der Bremer Kultur- und Clubszene.

Info

Zur Sache

Wandel der Partyzone

Zahlreiche Tanzlokale an der Discomeile gibt es nicht mehr. 2016 schlossen der Club Lightplanke und das Woodys. Das Gleis 9 hinter dem Überseemuseum fiel dem geplanten Fernbusterminal zum Opfer. Das Sinatras machte Ende 2018 dicht. Dessen Nachfolger Club 28 zog nach knapp zwei Monaten die Reißleine. Die Traditionsdisco Stubu ist seit Juni 2019 zu, weil kein neuer Pachtvertrag zustande kam.

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