Leseförderung in Zeiten von Corona

„Manche Kinder haben gar kein Buch zu Hause“

Ulrike Hövelmann, Vorsitzende der Bremer Leselust, über Leseförderung, Büchertausch-Regale und Probleme im Homeschooling
09.04.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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„Manche Kinder haben gar kein Buch zu Hause“
Von Sigrid Schuer
„Manche Kinder haben gar kein Buch zu Hause“

Ohne ein Buch in den Händen geht bei Ulrike Hövelmann eigentlich gar nichts. Lesen ist ihre Berufung.

Frank Thomas Koch

Frau Hövelmann, 2018 konnten Sie 15 Jahre Bremer Leselust feiern. Wie ist die Bilanz nach dem Corona-Jahr 2020?

Ulrike Hövelmann: Tja, eigentlich hatten wir für März 2020 eine große Buch-Premiere auf dem Bremer Marktplatz mit über 100 Kindern geplant. Es sollte das Buch „Natürlich nachhaltig“ vorgestellt werden, das ich gemeinsam mit Anne-Kathrin Laufmann über die Nachhaltigkeitsziele der UNO geschrieben habe. Ein Geleitwort hat übrigens Professorin Antje Boetius, die Direktorin des Alfred-Wegener-Institutes, geschrieben. Umwelt-Senatorin Maike Schaefer wollte das Buch vorstellen und Marco Bode einige Passagen vorlesen. Doch da hat uns der erste Lockdown einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht. Wir haben dann 2500 Bücher an Grundschulen in Bremen verteilt und weitere 1500 Bücher sind an Grundschulen in Bremerhaven gegangen.

Und wie ist die Resonanz?

Wir bekommen positive Rückmeldungen. Uns haben Bewerbungsschreiben mit dem Wunsch erreicht, zu helfen und Klassenbibliotheken einzurichten. Das haben wir gerne aufgegriffen und die Aktion „Das dicke Osterei – Bücher ins Nest!“ entwickelt.

Wie sah das konkret aus?

Bewerben konnten sich ganze Klassen um einen Büchergutschein in Höhe von 300 Euro. Das bedeutete, dass jedes Kind ein Buch aussuchen konnte – für die Lesemotivation nicht schlecht, oder? Wir hatten mit einem Budget von 15.000 Euro kalkuliert, aber dann haben uns die Bewerbungen quasi überrannt, in kürzester Zeit waren es an die 300 Klassen, die an der Aktion teilnehmen wollten. Und da wir eine Bremer Leselust sind, haben wir uns dann bei Stiftungen und Firmen um finanzielle Unterstützung bemüht.

Und das hat geklappt?

Nachdem zum Beispiel die ÖVB ganz schnell und unkompliziert zugesagt hatte, konnten wir das Budget für die Bücher ins Osternest der Grundschulen auf 30.000 Euro aufstocken und tatsächlich für 100 Klassen Gutscheine vergeben. Die Freude über dieses dicke Osterei war besonders groß, aber auch die Enttäuschung bei denjenigen, die leer ausgegangen sind. Das versuchen wir, von Fall zu Fall aufzufangen. Es gibt ganz offensichtlich einen ganz großen Bedarf, den wir gern noch breiter abdecken würden.

Aber Sie richten auch die sogenannten Büchertausch-Regale ein.

Die Büchertausch-Regale sind jeweils ausgestattet mit Büchern im Wert zwischen 1500 und 2000 Euro. Dort kann sich jede Schülerin, jeder Schüler ein Buch nehmen und ein anderes wieder zurück stellen. Oder eben auch nicht, dann werden die Büchertausch-Regale von der Leselust wieder aufgefüllt. Das ist gerade in Corona-Zeiten besonders gut angenommen worden. Denn sehen Sie, nicht in jedem Haushalt gibt es ein oder gar mehrere Bücher. Manche Kinder haben heute übrigens gar kein Buch zu Hause. Denn Bücher sind teuer. Es ist ein großes Problem, wenn Kinder nicht mit Büchern groß werden können.

Weshalb ist die Ausbildung von Lesekompetenz so wichtig?

Lesen ist eine Schlüsselkompetenz für gute Bildung und gute Bildung ist wichtig für selbstbestimmte gesellschaftliche Teilhabe. Außerdem ist gute Bildung auch ein harter Standort-Faktor. Vernünftiges Lesen ist ja nicht nur für das Schulfach Deutsch wichtig. Wenn Sie nicht richtig lesen können, können Sie auch keine Textaufgabe in Mathematik lösen, keine chemischen Vorgänge nachvollziehen. Sie können aber beispielsweise auch nicht die Corona-Schutzverordnungen verstehen. Ohne die Fähigkeit, lesen zu können, sinkt die Chance auf erfolgreiche politische Mitgestaltung. Die Quote des funktionalen Analphabetismus ist auch in Deutschland nach wie vor hoch, sie liegt laut der Stiftung Lesen im Millionenbereich. Das ist doch komplett inakzeptabel!

Welche Kinder fallen Ihrer Erfahrung nach besonders durch das Raster des Homeschoolings?

Die Erstklässler haben es schon besonders schwer, wenn sie zwischendurch immer wieder zu Hause bleiben müssen. Die Pandemie verschärft spürbar die sowieso schon starke gesellschaftliche Spaltung.

Beeinflussen iPad oder Smartphone die Aufmerksamkeit im Homeschooling so sehr, dass das Interesse an der Literatur leidet?

Die Reaktionen der Schülerinnen und Schüler zeigen, dass das Interesse und der Spaß an Literatur nach wie vor vorhanden ist. Und über das Bücherlesen lässt sich letztendlich nachhaltig die Lese- und darüber hinaus hoffentlich kritische Medien-Kompetenz und damit die Fähigkeit, differenzieren zu können, stärken. Dazu kommt noch eines: Bücher machen Mut, gerade in Krisenzeiten. Und: Sie vermögen es, Kinder in eine schönere Welt, in bessere Zeiten zu entführen, weg aus der gerade jetzt oft so bedrückenden Realität.

Welche Bücher führen die Hit-Liste bei Kindern an?

Kinder lesen besonders gern Fantasy-, Piraten-, Abenteuer- und Drachengeschichten. Was mich gefreut hat: Bei den Buchbestellungen für unsere Osteraktion sind auch spannende Sachbücher dabei.

Gibt es eigentlich inzwischen international Leselust-Kooperationen?

Ich habe das Projekt vor Corona auf Einladung der Goethe-Institute in Vorträgen in zahlreichen Ländern vorgestellt. In Chile ist danach die „Chileselust“ entstanden. Das finde ich richtig klasse.

Das Gespräch führte Sigrid Schuer

Info

Zur Person

Ulrike Hövelmann ist Vorsitzende der 2003 gegründeten Bremer Leselust, zur Förderung der Lesekompetenz bei der Schülerschaft, da ist der Name Programm. Die ausgebildete Lehrerin war von 1988 bis 2019 Mitglied der SPD und bekleidete verschiedene Ämter, so war sie Mitglied im SPD-Fraktionsvorstand, bildungspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, Mitglied der Bildungs-Deputation und Mitglied im Haushalts- und Finanzausschuss. Von 1995 bis 2007 war Hövelmann Mitglied der Bremischen Bürgerschaft. Für ihr Engagement verlieh ihr Bundespräsident Joachim Gauck 2016 das Bundesverdienstkreuz am Bande.

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