Einblicke in das Büro von Christian Weber

Letzte Post für den Präsidenten

Aktenordner, Zeichnungen, Poster oder Obstmesser: ein letzter Blick in das Büro des verstorbenen Bürgerschaftspräsidenten Christian Weber.
20.02.2019, 19:37
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Letzte Post für den Präsidenten
Von Jürgen Hinrichs
Letzte Post für den Präsidenten

Christian Weber auf dem Dach der Bremischen Bürgerschaft. „Wenn's ums Haus geht, ist das Chefsache“, hatte der Bürgerschaftspräsident bei einem Besuch gesagt und die Führung durch "sein" Haus persönlich übernommen.

Jürgen Hinrichs

Da liegen die Post und andere Unterlagen, vier Stapel, die von ihm nicht mehr abgearbeitet werden können. Post für den Präsidenten. Letzte Post. Der Schreibtisch von Christian Weber ist verwaist. Sein Büro wird zwar benutzt, es stehen Kaffeetassen auf dem Tisch in der Sofaecke, eine Besprechung, die gerade stattgefunden hat und sich natürlich nur um eines drehte: den Tod des Präsidenten und was nun alles bedacht werden muss.

Der Schreibtisch aber bleibt tabu, sein Platz, an dem er 20 Jahre lang gesessen hat. Drumherum Aktenordner, die auf dem Boden abgestellt wurden, Rollen aus Papier und Pappe, Zeichnungen, Poster, was auch immer. Erinnerungsstücke neben dem Telefon, Bilder, ein Miniatur-Segelschiff aus Metall. Ein Silbertablett noch, auf dem ein Obstmesser liegt – Obst essen, unbedingt, hatte er sich jeden Tag vorgenommen. Das Messer blitzt, als ob es nie benutzt worden wäre. Gute Vorsätze, die auch einem Mann wie Weber, Preuße durch und durch, nicht immer leicht fielen.

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Das Büro war seine Bastion, von hier hatte er alles im Blick, den Roland, das Rathaus, den Schütting, Menschen, die über den Marktplatz eilten. Hier hat er seine Gäste empfangen, in einem nüchternen Raum mit großem Besprechungstisch und Polstermöbeln am Panoramafenster. Über dem Dreisitzer hängt ein Gemälde. Es stammt von Oskar Kokoschka und zeigt den Bremer Marktplatz. Kräftige Farben, die Gebäude sehr plastisch, so wie Weber es mochte.

Kokoschka hat das Bild in einem Jahr gemalt, 1961, da war das Gebäude der Bremischen Bürgerschaft noch gar nicht da. Es wurde erst fünf Jahre später fertiggestellt, entworfen von Wassili Luckhardt. In Webers Büro liegt ein Buch über den Architekten. Der Präsident konnte viel von dem heftigen Streit erzählen, den es damals gab, die Menschen empörten sich über die Pläne. Gebaut wurde trotzdem.

Ließ es sich nicht nehmen auch schwierige Partien zu bewältigen

„Wenn's ums Haus geht, ist das Chefsache“, hatte Weber gesagt, als er vor einem halben Jahr zufällig mitbekam, dass der WESER-KURIER um eine Führung bat. Es ging geschwind vom Keller bis zum Dach hinauf, nicht eine Nische, die ausgelassen wurde. Der Präsident hat alles mitgemacht. Gesundheitlich schon lange angeschlagen, ließ er es sich nicht nehmen, beim Rundgang auch schwierige Partien zu bewältigen, schmale und wackelige Leitern, die zum Kupferdach führen, von dem die Aussicht so fantastisch ist. „Schauen Sie sich diese Stadt an“, sagte er, „wie schön sie ist.“

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Doch Weber wäre nicht Weber gewesen, wenn er nicht sofort auch gemeckert hätte. Über die Nachlässigkeiten der Stadtplaner, dass sie sich nicht stark genug mit Bremen und seinen Traditionen verbunden fühlten, abzulesen am lieblosen Umgang mit den Plätzen der Innenstadt, dem Domshof vor allem, aber auch dem Marktplatz.

In seinem Haus hat er penibel auf Ordnung geachtet

Weber dachte groß, international, und bewies das unter anderem mit seinem Einsatz für Israel und für Polen mit Bremens Partnerstadt Danzig. Er kümmerte sich genauso aber auch um die Details. Kleinste Kleinigkeiten aus den Stadtteilen waren ihm manchmal einen Anruf bei der Presse wert, um Aufmerksamkeit zu organisieren. In seinem Haus, dem Haus der Bürgerschaft, hat er penibel auf Ordnung geachtet. Abgeordnete, die sich im Parlament allzu leger zeigten, fingen sich einen Rüffel ein. Immer wieder gerne erzählt wird die Episode, als die Grünen-Fraktion im Festsaal eine Party feiern wollte. Weber erlaubte das, machte aber eine klare Ansage: keinen Rotwein! Der Teppich war gerade frisch verlegt worden.

In diesem Festsaal, eine Etage über Webers Büro, hat es am Mittwoch nach der Trauerandacht und dem Staatsakt im Dom eine Gedenkfeier gegeben. Manch einer wird sich dabei möglicherweise kurz vorgestellt haben, dass der Präsident gleich um die Ecke kommt, weil er bei den großen Anlässen immer zur Stelle war. Doch das ist vorbei. Christian Weber hat sein Haus für immer verlassen.

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