Sitzmöbel nicht länger an Liebfrauenkirche

Liegestühle gehen auf Wanderschaft durch die Bremer City

Der Herbst naht mit Riesenschritten. Acht Sommer- Wochen lang verbreiteten rund um die Liebfrauenkirche 34 Liegestühle Glaube, Liebe und Hoffnung. Nun gehen sie auf Wanderschaft durch die Stadt. Eine Bilanz.
16.09.2020, 17:05
Lesedauer: 2 Min
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Liegestühle gehen auf Wanderschaft durch die Bremer City
Von Sigrid Schuer

Den Sommer über waren sie ein echter Hingucker rund um die Liebfrauenkirche und sie entwickelten sich seit den Sommerferien Mitte Juli zu kommunikativen Hotspots. Intention von Initiator Stephan Kreutz, dem leitenden Pastor an der Liebfrauenkirche, war es auch, mit dem Aufstellen von Liegestühlen in allen Regenbogenfarben die Sprachlosigkeit zu überwinden, die für viele Menschen mit der dramatischen Erfahrung des Lockdowns einher ging. Und, um Denkanstöße zu geben, wie er es formuliert. Die Sitzgelegenheiten seien von den Menschen, je nach Schriftzug, größtenteils ganz bewusst ausgewählt worden, hat der Pastor beobachtet. Anknüpfungspunkt für so manches Gespräch: „Worauf sitzen Sie denn?“ Der Plan ging also auf.

Nun, acht Wochen später, kann Kreutz aus dieser Mutmacherzeit so manche hübsche Episode erzählen, die ihm Freude gemacht hat: „Die Idee ist noch viel schöner geworden durch die Menschen“, resümiert er. Eine ältere Dame habe etwa mit den Stühlen das biblische Credo „Glaube, Liebe, Hoffnung“ gestellt und zufrieden festgestellt: „So, jetzt stimmt es!“ Ein anderes Mal stellte ein Hochzeitspaar den roten Liegestuhl mit der Aufschrift „Liebe“ vor die Stadtmusikanten, quasi als Highlight des Foto-Shootings. Und ein Kind kletterte auf dem Liegestuhl mit der Aufschrift „Zorn“ herum und schnitt dazu grimmige Grimassen geschnitten, zum Amüsement der Mutter. „Das war schon alles sehr berührend“, blickt Kreutz zurück. Einmal habe sogar Vikarin Julia Frohn in der Liebfrauenkirche, in einem der Liegestühle sitzend, zum Thema Selbstliebe gepredigt.

Dann wieder schnappte sich ein Gitarrist einen der Stühle und es gruppierten sich Zuhörer auf anderen Liegestühlen um ihn herum. Wenn etwa die junge Sopranistin Julia Bachmann bei dem Freiluft-Format der Hochschule für Künste, „Open Space“ Opern-Hits sang, dann entführte ein Teil des Publikums die Liegestühle auf den Domshof. Ein Stück dolce vita mitten in Bremen. So entwickelte die bunte Liegestuhl-Kollektion quasi ein Eigenleben. Das war genau die Intention von Kreutz: Für ihn ist es ein freies Projekt gewesen, nicht unbedingt ein explizites Projekt der Bremischen Evangelischen Kirche. Sehr bewusst sollte ein kommunikativer Anknüpfungspunkt vor den Kirchenmauern entstehen. Das Liegestuhl-Projekt wurde in Kooperation mit dem Dortmunder Verlag nuovo vita realisiert. Von dessen Postkarten-Kollektion wurden die Denkanstöße auf die Bremer Liegestühle übertragen.

Von den ursprünglich 34 Liegestühlen waren zuletzt gerade mal sieben übrig. Auf jedem stand ein anderes Motto: Dankbarkeit, Bescheidenheit, Entschlossenheit, Entscheidung, Gerechtigkeit, Heilung und Wahrhaftigkeit. Der Rest ist seit rund drei Wochen peu à peu auf Wanderschaft quer durch die Stadt gegangen. Die Hoffnung steht am Osterdeich und der Mut in den Wallanlagen.

Genauso hatte sich Pastor Stephan Kreutz das vorgestellt. „Diese großen Lebensthemen sind Allgemeingut, die in die Gesellschaft gehören. So sollten die Liegestühle Impulse geben“, betont er. Es spricht vielleicht für sich, dass der Zweifel der erste war, der auf Nimmerwiedersehen verschwunden war, wie der Pastor erzählt. So sind „Glaube, Liebe, Hoffnung“ nun im Stadtgebiet verteilt und erinnern an die Kraft der Zuversicht des Sommers, die die Menschen nun durch die langen, dunklen Wintermonate tragen soll. Übrigens: Die Zuversicht ist inzwischen in das Großraumbüro der Lokalredaktion eingezogen.

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