Lösung von Problemen von Obdachlosen

Toleranzräume für Wohnungslose gesucht

Anlaufpunkte und Unterstützungsangebote fallen für Obdachlose in der Corona-Pandemie weg. Über die Situation der Wohnungslosen sprachen nun die Sozialausschüsse der Beiräte Mitte und Östliche Vorstadt.
29.03.2021, 09:52
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Toleranzräume für Wohnungslose gesucht
Von Sigrid Schuer
Toleranzräume für Wohnungslose gesucht

Sogenannte "mobile homes" für Wohnungslose sollen künftig dezentral verteilt im Stadtgebiet stehen.

Roland Scheitz

„Ich bin froh und dankbar, dass wir in diesem Winter anscheinend keine Kältetoten zu beklagen haben“, betonte Cornelia Barth auf der jüngsten, gemeinsamen, digitalen Sitzung der Sozialausschüsse der Beiräte Mitte und Östliche Vorstadt. Dass Menschen vor dem Kältetod bewahrt werden konnten, sei unter anderem der Initiative der Liebfrauenkirche zu verdanken, die ihre Tore in bitterkalten Nächten für Obdachlose geöffnet hatte, um ihnen einen sicheren und warmen Schlafplatz sowie morgens und abends etwas zu essen anzubieten.

Seit 2017 leitet Barth die Drogenberatungsstelle „Comeback“, gemeinsam mit Wolfgang Adlhoch. Die Mitglieder des Sozialausschusses hatten sowohl Barth als auch Katharina Kähler (Innere Mission) sowie Markus Urban (Aktionsbündnis „Menschenrecht auf Wohnen“) eingeladen, um sich ausführlich über die Lage wohnungsloser Menschen informieren zu lassen. Anlass war der Antrag, den die Links-Fraktion, namentlich Annika Port, im Sozialausschuss des Beirates Östliche Vorstadt zur Schaffung von Toleranzräumen für wohnungslose Menschen gestellt hatte.

Existenzielle und seelische Not bei Obdachlosen sind groß

Deren Lage sei dramatisch, wie die Gäste der mehrstündigen Sitzung eindringlich schilderten. Die Corona-Pandemie habe Obdachlose in diesem kalten Winter doppelt schwer getroffen, die existenzielle, auch seelische Not, sei groß. Viele Anlaufpunkte und Unterstützungsangebote seien während der Pandemie eingeschränkt worden oder gleich ganz weggefallen. Das lasse die Betroffenen verzweifeln.

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Erschwerend hinzu komme die Vertreibungspolitik, schilderte Markus Urban, der selbst seit drei Jahren auf der Straße lebt. „Der Nelson-Mandela-Park hinter dem Bahnhof war mein Zuhause, aber von dort wurden wir 2018 massiv durch die Sicherheitsbehörden vertrieben“, sagt er. Und diese Vertreibungspolitik werde fortgesetzt. „Obdachlosigkeit ist als bitterste Form von Armut nicht im System vorgesehen. Aber auch wir gehören zu dieser Stadt“, betonte Urban. In der Schaffung sogenannter, dezentraler, selbstverwalteter Toleranzräume als Lebensorte sieht er eine Chance für alle, auch für die Zivilgesellschaft. Einige davon gibt es bereits.

Zahl der Wohnungslosen in Bremen gestiegen

Mit den Streetworkerinnen schilderte er die heterogen zusammengesetzte Gruppe der Menschen in prekären Lebenssituationen, die aus vielerlei Gründen auf Hilfe angewiesen sind: Drogenabhängige, aggressive Crack-Süchtige, Alkoholkranke, Menschen mit psychischen Problemen oder diejenigen, die nach Schicksalsschlägen wie dem Verlust ihrer Arbeit auf der Straße gelandet seien. Die Zahl der Wohnungslosen sei noch einmal gestiegen, es seien Hunderte. Für die unterschiedliche Klientel müssten Möglichkeiten gesucht werden, die individuell passten, so Barth.

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Einige Wohnungslose lehnten es ab, in Sammelunterkünfte zu ziehen, verständlich, gerade vor dem Hintergrund von Corona. Anderen könnten keine „mobile homes“, kleine, spartanisch ausgestattete Holz-Häuschen oder eine vorübergehende Unterbringung in schlichten Hotels in Bahnhofsnähe angeboten werden, weil das ein Mindestmaß an Verantwortungsbereitschaft und vor allem ein nicht aggressives Verhalten voraussetze, schilderte sie. Solche „mobile homes“ seien der erste Schritt zum von der Bürgerschaft beschlossenen Programm „Housing first“ mit der Schaffung von 50 neuen Wohneinheiten pro Jahr, um die Probleme von Menschen in prekären Lebenslagen lösen zu können.

Viele Osteuropäer sind hinzugekommen

Eine weitere Gruppe, die seit zwei, drei Jahren dazu gekommen sei: Osteuropäer, die in Bremen gestrandet sind, weil sie mit Arbeitsversprechen nach Deutschland gelockt wurden und in höchst unsicheren Arbeitsverhältnissen in der Fleischindustrie oder als Handlanger im Hafen schwarzgearbeitet hätten und dann ohne jegliche soziale Absicherung auf die Straße gesetzt worden seien. „Da werden die Nachteile der Freizügigkeit deutlich“, resümierte Barth.

Zwar seien Obdachlose in der Mehrheit Männer, aber die Frauen, die von Wohnungslosigkeit betroffen sind, leben draußen doppelt gefährlich, weil sie sexuellen und anderen, gewalttätigen Übergriffen schutzlos ausgesetzt seien. Vor Corona hätten Frauen ihre Tage oft in einem Schnellcafé am Bahnhof verbracht, vor sich eine Tasse Kaffee, neben sich einen kleinen Koffer, und hätten dort versucht, ein wenig zu schlafen, um den Gefahren des nächtlichen Übernachtens draußen zu entgehen, schilderte Urban.

Der Antrag der Links-Fraktion wurde mit vier Enthaltungen einstimmig vom Sozialausschuss des Beirates Östliche Vorstadt beschlossen. Besonders die Mitglieder des Beirates Mitte wiesen auf die bisherige Gepflogenheit hin, die in Anträgen angesprochenen Behörden in den Ausschüssen vor einer Abstimmung zu hören. So sollen Repräsentanten des Sozial-, des Innen- und des Bau-Ressorts das nächste Mal, wenn der Ausschuss tagt, möglichst Ende April, zur Machbarkeit des Antrages gehört werden. Denn das Thema sei vielschichtig, sagte Holger Ilgner (SPD).

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Zur Sache

Die Linken fordern in ihrem Antrag Sozialsenatorin Anja Stahmann dazu auf, ressortübergreifend so schnell wie möglich dafür zu sorgen, für wohnungslose Menschen sogenannte Toleranzräume über die ganze Stadt verteilt dezentral einrichten zu lassen. In diesen akzeptierten Orten müssten sanitäre Anlagen wie kostenlos benutzbare Toiletten und Möglichkeiten, sich zu waschen, geschaffen werden sowie eine Aufbewahrungsmöglichkeit für die Habseligkeiten der Obdachlosen in Form von Schließfächern, wie es sie bereits in Hamburg gebe. Deshalb sei eine Bewirtschaftung dieser Toleranzräume nötig. Auf den Arealen soll ferner die Möglichkeit geschaffen werden, „mobile homes“ aufzustellen.

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