Umbau-Projekte in Bremer Innenstadt

Lloydhof in Verzug

Weil der Investor erst später mit dem Umbau des Lloydhofs beginnen kann, haben auch andere Projekte in der Innenstadt Schwierigkeiten.
22.08.2019, 20:00
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Lloydhof in Verzug
Von Jürgen Hinrichs
Lloydhof in Verzug

Der neue Lloydhof mit dem geplanten Dachaufbau. Auf der linken Seite der Illustration ist das Gebäude der Handwerkskammer angeschnitten.

Sauerbruch / Hutton

Die Kantine ist seit sechs Jahren geschlossen. Am letzten Tag gab es Bockwurst mit Kartoffelsalat und Gulaschsuppe mit kleinem Brötchen, beides für 3,50 Euro. So steht es im Aushang, der die Zeit überstanden hat und immer noch an der Außenwand klebt. Ein Überbleibsel aus besseren Zeiten, wenn es die für den Lloydhof überhaupt mal gegeben hat. Der Büro- und Geschäftskomplex am Ansgarikirchhof krankte seit jeher daran, dass die Läden versteckt lagen und nur wenig Frequenz hatten. Jetzt sind sie seit Monaten geschlossen, doch passiert ist noch nichts, jedenfalls nichts Sichtbares. Der Lloydhof war im Besitz der Stadt und wurde an einen Investor verkauft. Von Anfang dieses Jahres an wollte er im großen Stil umbauen, aber es hakt noch, die Arbeiten verzögern sich. Kommen wird das „Lebendige Haus“, wie das Großprojekt heißt, aber auf jeden Fall, versichert der neue Eigentümer.

Llodhof Bremen

Der Lloydhof ist knapp 40 Jahre alt. Die Giebel bleiben erhalten, der Rest der Fassade wird neu verkleidet. Wie genau, darüber gibt es noch keine Entscheidung. Der Investor muss sich mit der Stadt abstimmen. Hinter der Fassade entsteht alles neu. Die Kosten für den Umbau belaufen sich auf rund 35 Millionen Euro.

Foto: Frank Thomas Koch

Von sowas kommt sowas, könnte man sagen. Im Lloydhof sitzt die Umweltbehörde, 150 Mitarbeiter, die ausziehen müssen, bevor mit der Kernsanierung begonnen werden kann. Die Kisten packen werden sie jetzt Ende September, wie die Behörde mitteilt. Dann erst können die Beamten und Angestellten in die Überseestadt wechseln, in das jetzt fertiggestellte Bürogebäude am Eingang zum alten Hafen. Der Projektentwickler Justus Grosse hat dort 40 Millionen Euro investiert und ein Hochhaus mit 13 Geschossen gebaut: Arbeitsplätze mit Aussicht für durchschnittlich 11,50 Euro pro Quadratmeter.

Von sowas kommt sowas, denn wenn das „Lebendige Haus“ nach dem verzögerten Baubeginn nicht rechtzeitig fertig wird, muss sich der künftige Hauptmieter in dem Gebäude noch gedulden und vorerst bleiben, wo er ist. Die Wirtschaftsförderung Bremen (WFB) will im Lloydhof vier Büroetagen mit rund 5800 Quadratmetern belegen, sie gibt dafür ihren Sitz im Kontorhaus am Markt auf. Umzugstermin: Ende 2020. Doch das wird kaum noch zu halten sein.

Von sowas kommt sowas, denn wenn die WFB das Kontorhaus zum verabredeten Zeitpunkt nicht verlassen kann, stocken auch dort die Pläne. Neuer Eigentümer des Gebäudes an der Langenstraße, das vorher der Stadt gehörte, ist Christian Jacobs, Spross der Bremer Kaffeedynastie. Er will das mehr als hundert Jahre alte Kontorhaus wieder zu dem Schmuckstück machen, das es mal war. Unter anderem werden nach historischem Vorbild wieder große Giebel aufs Dach gesetzt. Vor allem soll sich das Gebäude aber öffnen, mit großen Portalen, bodentiefen Fenstern und einem Erdgeschoss, das funktioniert. Heute betritt man das Haus über Treppen und landet im Hochparterre.

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Jacobs will das Zwischengeschoss rausreißen, damit der Zugang zum Kontorhaus ebenerdig ist. Er schleift damit eine Barriere, die den Geschäften im Haus in der Vergangenheit große Probleme bereitet hatte. Das Publikum fand oft nicht den Weg hinein. Klar ist, dass die WFB ausgezogen sein muss, bevor die Arbeiten, die mit großen Erschütterungen verbunden sind, beginnen können. Jacobs hatte sich dafür Ende 2020 zum Ziel gesetzt. Das ist jetzt mehr als fraglich geworden.

Investor im Lloydhof ist der süddeutsche Projektentwickler Denkmalneu. Er hatte für den Komplex vor anderthalb Jahren 21,5 Millionen Euro bezahlt. Der Umbau wird nach Angaben des Investors rund 35 Millionen Euro kosten. Geldgeber für das Projekt ist die Familie von Hasso Plattner. Der Geschäftsmann und Mäzen hat das Softwareunternehmen SAP gegründet und verfügt über Milliarden.

Stehen bleibt lediglich die Fassade

Das Backsteingebäude versammelt aktuell eine Einzelhandelsfläche von rund 3100 Quadratmetern. Die Büros machen rund 10.000 Quadratmeter aus. Bei den Wohnungen sind es 1400 Quadratmeter. Nach dem Umbau ist im Inneren kein Stein mehr auf dem anderen. Stehen bleibt lediglich die Fassade, sie wird zum größten Teil allerdings neu gestaltet. Ende vergangenen Jahres ist dazu das Ergebnis eines Architektenwettbewerbs vorgestellt worden.

Die Veränderungen an der Fassade reichen vom Scheitel bis zur Sohle, übrig bleiben lediglich die vier Giebel zum Ansgarikirchhof hin. Verkleidet werden soll die Fassade nach Plänen des Büros Sauerbruch Hutton Architekten aus Berlin mit einer perforierten Metallfläche in Kupferton. Möglich wäre aber auch eine Hülle aus Kunststoff. Der eigentliche Clou wird die Dachkonstruktion sein – totale Transparenz, alles gläsern und teilweise auch offen. Es wird eine Sky-Bar geben, ein Restaurant und eine riesige, öffentlich zugängliche Dachterrasse.

So sah es im Lloydhof aus. Die Geschäfte dort sind geschlossen.

So sah es im Lloydhof aus. Die Geschäfte dort sind geschlossen.

Foto: Christina Kuhaupt

Im „Lebendigen Haus“, so der Ansatz, soll im Grunde Tag und Nacht Betrieb sein. Im Erdgeschoss ziehen Einzelhandelsbetriebe ein, darunter, sofern er gefunden wird, ein großer Ankermieter aus den Bereichen Elektronik, Sport oder Mode, der etwa 70 Prozent der Fläche beanspruchen würde. In den Etagen darüber wird es einen Mix aus Büros und 36 kleineren Wohnungen geben. Ferner sind Flächen für ein Fitnessstudio geplant, für Tagungen und Events und für ein sogenanntes Boardinghouse mit Fünf-Sterne-Standard. Die Zimmer und Appartements können für wenige Tage gebucht werden. Sie werden aber auch für Wochen oder Monate angeboten, was Mitarbeitern von Firmen entgegenkäme, die für zeitlich befristete Projekte engagiert werden. Bei den Büros hat Denkmalneu die WFB als Ankermieter. Weitere Flächen sollen für Coworking genutzt werden, so wie das bereits im Haus gegenüber geschieht, im ehemaligen Bremer Carree, das heute Ansgari-Haus heißt.

„Lebendiges Haus“ auch in Dresden und Leipzig

Denkmalneu hat sein Konzept nicht neu erfunden. Das „Lebendige Haus“ gibt es bereits in Dresden und Leipzig und hat dort großen Erfolg. Thomas Scherer, Geschäftsführer des Projektentwicklers, widerspricht dem Eindruck, dass in Bremen noch nichts vorangekommen sei: „Im Haus haben wir sehr wohl schon was angepackt, richtig anfangen können wir aber erst, wenn die Behörde ausgezogen ist“, sagt Scherer dem WESER-KURIER. Der Bauantrag befinde sich in der Endabstimmung, genauso die Entscheidung über die Fassade. „Wenn alle Steine gefallen sind, legen wir los“, kündigt der Geschäftsführer an.

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Der Lloydhof ist knapp 40 Jahre alt. Benannt ist er nach der ehemaligen Reederei Norddeutscher Lloyd, die an dem Ort ihren Sitz hatte. Das Firmengebäude wurde im Krieg beschädigt und Ende der 1960er-Jahre abgerissen. Vollends den Bomben zum Opfer fiel damals die St.-Ansgarii-Kirche.

Verschwinden sollte vor ein paar Jahren auch der Lloydhof. Die Stadt erwarb den Komplex damals von einer Immobilientochter der österreichischen Sparkasse und zahlte 23,8 Millionen Euro. Auf der Fläche sollte das City-Center entstehen, ein großes Einkaufszentrum. Nachdem auch der letzte Interessent für das Center abgesprungen war, steckte Bremen in der Bredouille. Was tun mit dem Lloydhof? Denkmalneu hatte die Antwort und wird, wenn auch mit folgenreicher Verspätung, der Immobilie in bester Innenstadtlage neues Leben einhauchen.

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