Corona-Krise Was die Maskenpflicht für Gehörlose bedeutet

Gehörlose lesen Lippen, um Worte zu erkennen. Jetzt gilt die Maskenpflicht. Im Interview erklärt die Bremer Verbandsvorsitzende Sabine Schöning, warum Gehörlose in der Corona-Krise besonders isoliert sind.
29.04.2020, 06:00
Lesedauer: 4 Min
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Was die Maskenpflicht für Gehörlose bedeutet
Von Nico Schnurr

Frau Schöning, können Sie Lippen lesen?

Sabine Schöning: Das kann man so sagen. Das sogenannte Mundbild, also der Ausdruck des unteren Gesichtsbereiches beim Aussprechen von Worten und Silben, gehört zur Gebärdensprache.

Wie wichtig ist das Mundbild?

Handzeichen und Mimik sind der entscheidendere Teil, zumindest wenn wir mit anderen in Gebärdensprache kommunizieren. Dann nutzen viele das Mundbild vor allem zur Unterstützung. Lippen zu lesen alleine reicht manchmal nicht aus, um den Gegenüber zu verstehen.

Fällt Ihnen ein Beispiel ein?

Nehmen wir Worte wie „Mutter“ und „Butter“: Da ähnelt sich das Mundbild sehr. Erst durch die Handzeichen wird der Unterschied deutlich. Für das Wort „Mutter“ zieht man den aufgerichteten Zeigefinger an der Wange von oben nach unten. Und für „Butter“ öffnet man eine Handfläche und streicht darüber mit der anderen Hand vor und zurück.

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Sie kommen also auch ohne Mundbild zurecht?

Das gilt höchstens für Gespräche mit anderen Gehörlosen oder anderen Menschen, die unsere Sprache beherrschen. Sehr viele kennen unsere Handzeichen aber nicht. Wenn ich mich also mit der großen Mehrheit verständigen will, bin ich auf das Mundbild angewiesen. Sonst verstehe ich wenig bis gar nichts.

Jetzt gilt die Maskenpflicht.

Ich halte die Maßnahme für richtig, man sollte darauf achten, andere zu schützen. Es ist nur so, dass ich die meisten Menschen nun nicht mehr verstehe. Wenn alle Masken tragen, bin ich aufgeschmissen. Ich kann das Mundbild der Leute nicht mehr lesen, die Kommunikation ist eingeschränkt. Die Außenwelt verstummt für mich.

Wie gehen Sie damit um?

Ich will kein Drama daraus machen. Ich versuche einfach, mich nicht so häufig Situationen auszusetzen, in denen ich niemanden verstehe, weil alle maskiert sind. Ich meide Straßenbahnen und Züge. In den Supermarkt gehe ich nur noch selten, und wenn ich dort bin, mache ich gleich Großeinkäufe.

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Sind Sie beim Einkaufen eingeschränkt?

Auch die Verkäufer tragen nun meistens eine Maske. Wenn ich also beim Schlachter an der Theke stehe, kann ich zwar noch zeigen, was ich haben will, aber ich verstehe den Verkäufer nicht mehr, wenn er sagt, was das kostet. Ich finde das aber nicht so schlimm, den Preis erfahre ich ja spätestens an der Kasse.

Was halten Sie von Masken mit Sichtfenster?

Es gibt einige Gehörlose, die für diesen Mundschutz werben. Ich halte das aber für keine Hilfe. Beim Sprechen atmet man aus, die warme Luft beschlägt das Sichtfenster aus Plastik. Man würde also auch nicht mehr viel durch solche Masken erkennen.

Was würde denn helfen?

Schön wäre es, wenn die Gehörlosen mehr Zeit hätten, sich auf die vielen Corona-Maßnahmen einzustellen.

Wie meinen Sie das?

Bei vielen kommen die Informationen zu spät an. Immerhin werden derzeit viele Pressekonferenzen von Dolmetschern begleitet. Das ist gut, aber reicht noch nicht aus. Das Bremer Regionalfernsehen sendet die täglichen Nachrichten seit einigen Jahren zum Beispiel nicht mehr in Gebärdensprache. Am Wochenende gibt es für Gehörlose zwar eine Zusammenfassung, aber in fünf Tagen kann momentan sehr viel passieren. Da wäre es hilfreich, nicht erst am Wochenende zu erfahren, was am Montag wichtig war. Man findet die Zusammenfassung auch nur online.

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Wieso ist das ein Problem?

Viele gehörlose Senioren haben kein Internet. Sie sind jetzt generell besonders isoliert. Einige sind nicht nur abgeschnitten von Informationen, sondern auch von Menschen, die sie um Rat bitten können.

Was bedeutet das konkret?

Es gibt gehörlose Senioren, die etwa nicht wissen, was sie machen sollen, wenn sie glauben, sich mit Corona infiziert zu haben. Schnell in einer Klinik anrufen, das geht nicht, wenn man als Gehörloser kein Internet hat und nicht mal eben einen Not-Dolmetscher online finden kann. Man muss dann erst mal zum Arzt, was natürlich auch nicht ideal ist.

Können Sie da helfen?

Wir schreiben den älteren Mitgliedern unseres Verbandes Briefe, um sie zu informieren, wir beraten und beruhigen. Leider fallen die regelmäßigen Treffen im Gehörlosenzentrum aktuell aus. Für alle, die das Internet nutzen, bieten wir montags eine große Videokonferenz an. Das ist vielen gerade ziemlich wichtig: sich mit anderen Gehörlosen austauschen, die Sorgen teilen.

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Was treibt Sie um?

Ich bin ziemlich vorsichtig geworden, in allem, was ich tue, weil ich Angst davor habe, mich zu infizieren und ins Krankenhaus zu müssen. In den Kliniken tragen gerade alle Masken, ich würde kaum etwas verstehen. Es ist eine beängstigende Vorstellung, sich Ärzten und Pflegekräfte anzuvertrauen, ohne zu wissen, was passiert, was sie mit einem vorhaben. Ich kann mir vorstellen, dass in der aktuellen Situation auch kein Dolmetscher gerne ins Krankenhaus auf eine Corona-Station kommen würde. Dann wäre ich erst mal auf mich alleine gestellt.

Eine Idee ist, dass Kliniken Tablet-Computer mit Apps für Gehörlose bereithalten.

So etwas würde ich mir wohl auch selbst ins Krankenhaus mitnehmen. Wenn ich im Bett liege und es mir schlecht geht, hilft mir das aber vielleicht auch nicht weiter. Dann kann ich womöglich keine Apps mehr bedienen.

Was also dann?

Am besten ist es nach wie vor, wenn sich das Personal auf klassischem Weg mit den gehörlosen Patienten verständigt: Stift und Papier. Aufschreiben, was los ist. So läuft das meistens. Ich frage mich nur: Bleibt dafür im Ausnahmezustand noch Zeit? Ich hoffe es sehr.

Info

Zur Person

Sabine Schöning ist Vorsitzende des Landesverbandes der Gehörlosen in Bremen. Sie vertritt die Interessen von etwa 600 gehörlosen Menschen, die in Bremen leben. Das Gespräch wurde von Dolmetscher Patrick George übersetzt.

Info

Zur Sache

Wer von der Maskenpflicht befreit ist

Die Maskenpflicht gilt nicht für alle, nicht nur Kinder sind davon befreit. Wer aus gesundheitlichen Gründen keinen Mundschutz tragen kann, darf darauf verzichten. Menschen mit Atemwegserkrankungen und anderen körperlichen oder psychischen Beeinträchtigungen sind in Bremen von der Pflicht ausgenommen. Sie müssen kein ärztliches Attest dabei haben, wenn sie etwa in der Straßenbahn unterwegs sind. Das Bremer Innenressort rät dennoch dazu, einen Nachweis mit sich zu führen, um „unangenehmen Situationen“ vorzubeugen, wie eine Sprecherin betont: „Es ist hilfreich ein ärztliches Attest oder den Behindertenausweis dabei zu haben, um Nachfragen oder Diskussionen in der konkreten Situation zu vermeiden.“

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