Linke und Frauenbeauftragte in Bremen

Mehr Hilfe für Opfer häuslicher Gewalt gefordert

Die Zahl der Straftaten steigt seit Jahren: Die Bremer Linken und die Frauenbeauftragte fordern mehr Schutz für Opfer häuslicher Gewalt. Vorbild könnte die Gewaltschutzambulanz an der Berliner Charité sein.
09.02.2019, 06:00
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Mehr Hilfe für Opfer häuslicher Gewalt gefordert
Von Sabine Doll
Mehr Hilfe für Opfer häuslicher Gewalt gefordert

In jedem vierten bis fünften Fall häuslicher Gewalt stellen Rechtsmediziner der Gewaltschutzambulanz an der Berliner Charité Gewalt Verletzungen gegen den Hals fest.

Jan-Philipp Strobel/dpa

Frauen in Bremen brauchen mehr Schutz vor häuslicher Gewalt: Die Frauenbeauftragte Bettina Wilhelm unterstützt einen Vorstoß der Fraktion der Linken, eine vertrauliche rechtsmedizinische Begutachtung für Opfer häuslicher Gewalt einzurichten. Sie soll Betroffenen die Möglichkeit geben, Verletzungen und andere Spuren unabhängig von einer Strafanzeige sichern zu lassen.

Die Befunde sollen dann mehrere Jahre lang anonym aufbewahrt werden – für eine mögliche spätere Anzeige. „Im Rahmen des Landesaktionsplans zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen halten wir ein solches Angebot für erforderlich“, betont Wilhelm. Das Angebot soll sich nach Vorstellung der Linken an der seit 2012 bestehenden „Anonymen Spurensicherung“ nach sexuellen Übergriffen orientieren. Sie wird vom „Notruf – Psychologische Beratung bei sexueller Gewalt“ organisiert und mit 160 000 Euro jährlich von der Senatorin für Gesundheit gefördert.

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Gesicherte Spuren können bis zu zehn Jahre lang anonym gespeichert werden. „Der Bedarf ist absolut da“, betont Wilhelm. „Schon kurze Zeit nach Veröffentlichung des Modells musste das für die Spurensicherung vorgesehene Archiv erweitert werden. Gerade auch für Betroffene häuslicher Gewalt ist aus unserer Sicht eine solche Möglichkeit ein richtiger Schritt.“ In den meisten Fällen seien Partner oder Ex-Partner die Täter, deshalb sei die Hürde besonders hoch, sich Hilfe zu suchen.

Wilhelm: „Das Angebot muss aber in eine Gesamtstrategie eingebettet sein, ein Schnellschuss würde nichts bringen.“ Nach Angaben der Sozialbehörde steigt die Zahl der Straftaten, die in der Polizeilichen Kriminalstatistik als „Häusliche Gewalt“ erfasst werden, in Bremen seit Jahren: Wurden 2014 dort 1634 Taten registriert, waren es 2017 bereits 1893. In allen Fällen waren in mehr als 80 Prozent Männer die Tatverdächtigen.

"Erschütternde Zahlen"

Das sogenannte Dunkelfeld ist laut kriminologischer Studien um ein Vielfaches größer: In einer Anfrage an den Senat beziehen sich die Bremer Linken unter anderem auf Zahlen des Landeskriminalamts Niedersachsen, wonach nur 5,9 Prozent der Fälle sexueller Gewalt angezeigt werden. Und: Von den im Jahr 2012 in Bremen eröffneten Strafverfahren wegen Vergewaltigung seien nur 13,5 Prozent zur Anklage gekommen. In dem Zeitraum Juli 2016 bis April 2017 seien von 100 Verfahren wegen sexueller Nötigung oder Vergewaltigung acht zur Anklage gebracht worden. Die übrigen seien eingestellt worden, zitieren die Linken aus einer Vorlage des Rechtsausschusses.

„Angesichts dieser erschütternden Zahlen sehen wir akuten Handlungsbedarf“, betont Linken-Fraktionschefin Kristina Vogt. „Die bestehenden Anlaufstellen müssen gestärkt und bekannter gemacht werden. Als weiteres Angebot fordern wir eine vertrauliche Spurensicherung, an die sich auch Betroffene häuslicher Gewalt wenden können. Darauf werden wir in der nächsten Legislaturperiode drängen – entweder als Regierungspartner oder in der Opposition“, kündigt Vogt an.

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Als Vorbild für ein Bremer Modell schwebt den Linken die „Gewaltschutzambulanz“ an der Berliner Charité vor. Das kostenlose Angebot richtet sich an Betroffene jeglicher Form körperlicher Gewalt. Saskia Etzold ist stellvertretende Ärztliche Leiterin der Ambulanz seit ihrer Eröffnung in 2014: „Größter Schwerpunkt ist mit fast 50 Prozent häusliche Gewalt.“ Von Februar 2014 bis Ende Juni 2018 haben sich 3749 Menschen an die Ambulanz gewendet, 2064 hatten laut Etzold sichtbare Verletzungen. Die übrigen seien wegen Stalking oder Mobbing gekommen, sie wurden an Beratungsstellung verwiesen.

Bestandteil eines umfassenden Hilfekonzepts

78 Prozent der Opfer körperlicher Gewalt waren laut der Rechtsmedizinerin Erwachsene – mit 77 Prozent die deutliche Mehrheit Frauen. „Die meisten von ihnen, 81 Prozent, gaben an, dass es sich bei der häuslichen Gewalt um Wiederholungstaten handelte.“ Auch bei der Form der gewalttätigen Übergriffe im häuslichen Umfeld können die Rechtsmediziner ein Muster identifizieren: „In jedem vierten bis fünften Fall stellen wir Verletzungen gegen den Hals fest, Würgen und Drosseln. Daran sieht man, wie massiv häusliche Gewalt ist“, betont Etzold.

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Die Rechtsmediziner dokumentieren die Verletzungen unter anderem mit Fotos in einem gerichtsfesten Bericht. Dieser Befund kann sofort oder auch Jahre später für eine eventuelle Anzeige genutzt werden. Die Berliner Gewaltschutzambulanz ist Bestandteil eines umfassenden Hilfekonzepts: Zeitnah zur Untersuchung werde ein Beratungstermin durch die Opferhilfe sowie eine Rechtsberatung angeboten – alles im Haus.

„Eine Gesamtstrategie ist notwendig, damit man nachhaltige Hilfe anbieten kann“, betont Etzold. „Das Netzwerk, zu dem neben Beratungsstellen auch Ämter, Polizei und Justiz gehören, muss im Vorfeld stehen.“ Die Rechtsmediziner halten zudem regelmäßig Vorträge bei der Polizei, in Kliniken, Jugendämtern, Arztpraxen, Kitas und Schulen.

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