Bremer Saatgutbörse „Mehr Raum, noch mehr Vielfalt“

Schon heute gelten 75 Prozent der weltweiten Kulturpflanzen als verloren. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, lädt ein breites Bündnis von Akteuren an diesem Sonnabend zur sechsten Bremer Saatgutbörse ein.
08.03.2019, 06:11
Lesedauer: 3 Min
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Von Jörn Hildebrandt
Frau Fischer, warum wird die Saatgutbörse nicht mehr wie im vergangenen Jahr in der Klimawerkstatt in der Neustadt stattfinden?

Rike Fischer: Wir platzten dort aus allen Nähten. In diesem Jahr freuen wir uns auf eine große Fläche im Güterbahnhof, wo zugleich ein Urban Gardening Projekt angesiedelt ist. Unsere Saatgutbörse hat sich inzwischen herumgesprochen, und nun haben wir weit mehr Raum, noch mehr Vielfalt anzubieten.

Die Veranstaltung ist mehr als nur eine Börse. Es gibt an dem Tag auch ein buntes Rahmenprogramm. Was wird dort geboten?

Eine Führung durch das Urban Gardening Projekt am Güterbahnhof zeigt die vielen Kübel und Kisten, in denen es sprießt und teilweise auch schon blüht, zum Beispiel mit Krokussen und Rosmarin. Mit Jörg Wenke, dem Imker am Güterbahnhof, gibt es ein Gespräch, und er zeigt die Bienenvölker auf dem Dach des Künstlerhauses. Besonders spannend wird der Vortrag von Max Rehberg um 16 Uhr, der über Open Source Seeds berichten wird.

Was ist darunter zu verstehen?

Diese Bewegung will Saatgut wieder zu einem Gemeingut für alle machen und verhindern, dass es in den Händen weniger großer Unternehmen ist. Jeder darf Saatgut entwickeln, es darf aber nicht mit Patenten oder Sortenschutzrechten belegt werden.

Inwiefern kann man von einer Monopolbildung beim Saatgut sprechen?

Die Saatgutproduktion ist in den Händen ­weniger Großkonzerne wie Monsanto/Bayer, die neue Sorten hochgezüchtet haben. Aus dem Saatgut gehen Pflanzen hervor, die sich selbst nicht mehr vermehren. Der Landwirt oder Gartenbetreiber muss also jedes Jahr neues Saatgut kaufen – damit machen die Unternehmen großen Profit auf Kosten der Sortenvielfalt.

Woran kann ich erkennen, ob es sich um hochgezüchtetes Saatgut handelt?

Man erhält es meistens im Baumarkt oder im Supermarkt. Steht auf den Samentütchen „Hybrid“ oder „F 1“, handelt es sich gewissermaßen um Einwegpflanzen mit speziell herangezüchteten Eigenschaften. Doch für Nachzüchtungen ist dieses Hybridsaatgut nicht geeignet. Mit der Einengung des Angebots auf wenige Sorten gehen außerdem vielfältige, standortangepasste Eigenschaften unserer Kulturpflanzen verloren. Besonders in Zeiten des Klimawandels brauchen wir jedoch Vielfalt als Grundlage für neue Züchtungen. Zugleich sind zum Beispiel möglicht gemischte Wildblumenwiesen ein Beitrag gegen das Insektensterben. Eine große Blütenvielfalt bietet vielen Wildbienen oder Faltern ein Nahrungsangebot. Ich selber habe mich auf Wildblumen spezialisiert und dabei viel von meiner Mutter gelernt. Sie hat in Lübeck Blühstreifen angelegt, und ein ähnliches Projekt führe ich seit einiger Zeit in Bremen-Findorff weiter.

Ist die Monopolisierung des Saatguts denn ein Thema für den Hobbygärter?

Die Einflussnahme der Agrarindustrie läuft hier häufig verdeckt ab, zum Beispiel in Gartenzeitschriften, die teilweise von Tochterfirmen von Monsanto beziehungsweise Bayer finanziert werden. Doch es formt sich auch Widerstand bei vielen, die gerne im Garten arbeiten. Das merken wir deutlich.

Welche Aktionen und Anlaufstellen zu dem Thema gibt es in Bremen?

Das Urban Gardening Projekt „Ab geht die Lucie“ in der Neustadt zum Beispiel zieht viele junge Menschen an, besonders Studenten der nahe gelegenen Hochschule Bremen. Auch die Nachfrage nach selbst angebauten Lebensmitteln, wie sie der Gärtnerhof Oldendorf anbietet, steigt weiter.

Wie macht sich die Initiative zur Rettung alten Saatguts in der Öffentlichkeit bekannt?

Unter anderem bieten wir übers Jahr verschiedene Aktionen an, zum Beispiel informieren wir darüber, wie man Saatgut im Spätsommer und Herbst aus dem eigenen Garten ernten kann, und wie man es am besten lagert. Und dann ist da natürlich die Saatgut-Tauschbörse.

Das Gespräch führte Jörn Hildebrandt.

Info

Zur Person

Rike Fischer

ist gebürtige Düsseldorferin, kam vor knapp 20 Jahren über Lübeck nach Bremen, arbeitet als Grafik-Designerin und
engagiert sich seit Jahren für „Urban Gardening“ und Bürgerbeteiligung.

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Zur Sache

Saatgut ist Kulturgut

Viele alte Sorten Getreide, Gemüse, Obst oder Kräuter sind durch die Monopolisierung des Saatgutsvertriebs bedroht. Schon heute gelten etwa 75 Prozent der weltweiten Kulturpflanzen als verloren. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, lädt ein breites Bündnis von Akteuren am Sonnabend, 9. März, 15 bis 18 Uhr, im Güterbahnhof, Tor 40, zur sechsten Bremer Saatgutbörse mit buntem Rahmenprogramm ein. Wer samenfestes Saatgut besitzt, am besten aus regionalem und ökologischem Anbau, kann es mitbringen. Es wird auf einem betreuten Tauschtisch gesammelt. Vor Ort können kleine Tüten gebastelt werden, um vom Saatgut der anderen etwas mitzunehmen. Auch Tauschen gegen eine Spende ist möglich. Die Börse beginnt mit einer Führung durch das Güterbahnhof-Hofgrün, um 15.30 Uhr folgt ein Gespräch mit dem Güterbahnhof-Imker Jörg Wenke, der die Bienenvölker zeigt. Um 16 Uhr referiert Max Rehberg von Culinaris über Open Source Seeds. Der Eintritt ist frei.

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