Homosexuelle terrorisiert

Bremer Landgericht verurteilt Stalker zu viereinhalb Jahren Gefängnis

Sechs Monate lang stellte ein 32-Jähriger vier jungen homosexuellen Männern aus Bremen mit einer schier unfassbaren Massivität und Hartnäckigkeit nach. Dafür muss er jetzt ins Gefängnis.
29.08.2020, 05:00
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Bremer Landgericht verurteilt Stalker zu viereinhalb Jahren Gefängnis
Von Ralf Michel
Bremer Landgericht verurteilt Stalker zu viereinhalb Jahren Gefängnis

Der Angeklagte am Freitagmorgen kurz vor der Urteilsverkündung im Landgericht im Gespräch mit seiner Verteidigerin.

Ralf Michel

Monatelang hat der Angeklagte vier jungen homosexuellen Männern aus Bremen das Leben zur Hölle gemacht. Dafür muss er jetzt dreieinhalb Jahre ins Gefängnis. Dazu kommt ein weiteres Jahr für Betrügereien im Internet. Der Täter leidet unter einer Persönlichkeitsstörung, ihm wird eine erheblich verminderte Steuerungsfähigkeit attestiert. Doch die Voraussetzungen für die Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik erfüllt er für das Gericht nicht. Ebenso wenig komme eine Haftstrafe auf Bewährung in Betracht, sagte der Vorsitzende Richter zum Angeklagten. „Das würde der Schwere ihrer Schuld nicht gerecht werden.“

Die 37 Fälle von Internetbetrug, um die es in diesem Prozess auch ging, waren schnell abgehandelt. Der 32-Jährige hatte Geld für fiktive Konzert- oder Fußballkarten kassiert, um damit seine Spielsucht zu finanzieren. Der Täter geständig, der Schaden dank sichergestellter 7000 Euro überschaubar – soweit nichts Außergewöhnliches für das Gericht.

Fassungslosigkeit

Ganz anders die vier Fälle von Stalking, die dem Mann vorgeworfen wurden: Wenn man die Akte mit der Liste seiner Taten lese, schlage man fassungslos die Hände über dem Kopf zusammen und frage sich „Warum, warum, warum?“, leitete der Vorsitzende Richter seine Urteilsbegründung ein.

Ein halbes Jahr lang, von Januar bis Juli 2016, hatte der Angeklagte vier ihm unbekannte homosexuelle Jugendliche beziehungsweise junge Männer aus Bremen verfolgt. Hatte sie auf Plakaten in der Innenstadt oder in der Nähe ihrer Schule als schwul geoutet, in den sozialen Medien unter ihren Namen agiert, auf ihre Namen Waren im Internet bestellt, sie bedroht und mit fiktiven Geschichten bei der Polizei angeschwärzt.

Einmal schaltete der Täter eine Anzeige zum angeblichen Tod eines seiner Opfer. Ein anderes Mal gestand er per SMS in dessen Namen den Mord an einem vermissten Mann. Oder er zeigte eines der Opfer wegen Besitzes von kinderpornografischem Material an. Stets ließ es der 32-Jährige durch technische Manipulationen so aussehen, als ob die Nachrichten vom Handy eines seiner Opfer kämen.

Monatelang lebten die Opfer wie im Ausnahmezustand, wurden immer wieder mit neuen Problemen konfrontiert. Familie und Freunde, die sich über ihre angeblichen Nachrichten wunderten; wildfremde Menschen, die sich meldeten und erbost Geld von ihnen forderten; Mahnungen, die ins Haus schneiten, oder die Polizei, die vor der Tür stand.

Er habe sich gänzlich hilflos gefühlt, nicht mehr gewusst, wem er noch trauen dürfe und sich kaum mehr aus dem Haus gewagt, berichtete eines der Opfer. Angst, Kontrollverlust, die Ungewissheit darüber, was als Nächstes kommen würde. Dazu die Sorge vor den Folgen der Taten. Er sei sich vorgekommen, als ob er mit verbundenen Augen in eine Achterbahn gesetzt wurde, gezwungen, immer neue Runden zu drehen.

Schlafstörungen und Panikattacken

Bei den Opfern führte der andauernde emotionale Terror zu Schlafstörungen und Panikattacken. Eines von ihnen, damals noch Schüler, begab sich in psychotherapeutische Behandlung, ein anderes leidet unter einem posttraumatischen Belastungssyndrom. Er sei völlig fertig gewesen, ein psychisches Wrack, berichtete einer der jungen Männer als Zeuge vor Gericht. Es habe einen Punkt gegeben, an dem er dachte, nicht mehr weiter zu können, erzählte ein anderer. Eines der Opfer, zum Tatzeitpunkt gerade 16 Jahre alt, zog in seiner Not von Bremen nach München um, ein anderer Betroffener lebt inzwischen im Ausland.

Das ganze Ausmaß seiner Taten, die psychischen Folgen für seine Opfer, habe der Täter wohl nicht erkennen können, sagt der Vorsitzende Richter in der Urteilsbegründung. Vorsätzlich gehandelt habe er trotzdem. „Sie wussten, dass Sie massiv in die Lebensgestaltung der jungen Männer eingriffen.“

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Bleibt die Frage nach dem Motiv des 32-Jährigen, den der Richter als einen Menschen beschreibt, der in fast völliger sozialer Isolation gelebt und sich mehr und mehr in die Scheinwelt des Internets zurückgezogen hat. Entscheidend hinzu kam, dass der Mann ein paar Jahre zuvor in Untersuchungshaft saß und dort offenbar mehrfach sexuell missbraucht wurde. Daher rühre wohl der Hass, den er auf alle homosexuelle Menschen übertragen und letztlich an den vier jungen Bremern ausgelassen habe. „Bei diesen Taten hatten sie die Fäden in der Hand. Sie fühlten sich besser, wenn die Geschädigten Stress hatten“, gab der Richter die Worte des Angeklagten wieder, mit denen dieser selbst während des Prozesses sein Handeln erklärt hatte. Auf seine Opfer war er zufällig über ein Dating-Portal für Homosexuelle im Internet gestoßen.

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Für den Angeklagten spreche sein frühzeitiges und umfassendes Geständnis, sagte der Richter. „Die Beweislage war keineswegs so eindeutig.“ Und auch, dass er inzwischen in ein betreutes Wohnen gezogen sei und sich um einen Therapieplatz für seine Spielsucht gekümmert habe, sei ihm anzurechnen. Dagegen stünden die Hartnäckigkeit und die Massivität, mit der er seine Opfer verfolgt habe. Angesichts der Schuld, „die Sie auf sich geladen haben“, sei daher eine Bewährungsstrafe nicht möglich.

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