Versorgungsreport Nachholbedarf bei Krebs-Früherkennung

Ein Versorgungsreport der Krankenkasse AOK zeigt: Die Teilnahmeraten an Untersuchungen zur Krebs-Früherkennungen schwanken. Das hat Folgen.
12.03.2019, 06:00
Lesedauer: 3 Min
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Nachholbedarf bei Krebs-Früherkennung
Von Sabine Doll

Wie groß die Heilungschancen bei einer Krebserkrankung sind, hängt maßgeblich davon ab, wann der Krebs festgestellt wird und eine Therapie beginnt. Manche Erkrankungen können sogar verhindert werden, wenn bei einer Früherkennungsuntersuchung zunächst harmlose Vorstufen entdeckt und gleich entfernt werden – Darmkrebs ist ein Beispiel dafür. Die Kosten für eine ganze Reihe solcher Untersuchungen zur Früherkennung werden von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen.

Das Wissenschaftliche Institut der AOK (Wido) hat am Montag in einem Versorgungsreport für den Bund und die Länder vorgestellt, wie gut oder schlecht diese Angebote von Versicherten wahrgenommen werden. Die Ergebnisse: Bei einigen Krebserkrankungen gibt es Nachholbedarf. Und: Patienten fühlen sich von Ärzten nicht gut genug über Nutzen und mögliche Nachteile von Untersuchungen aufgeklärt.

Darmkrebs zählt zu häufigen Krebsleiden

„Im Vergleich mit den anderen Stadtstaaten und dem Bund steht Bremen ganz gut da und schneidet nicht schlechter ab, aber es gibt immer noch Luft nach oben“, sagt der Sprecher der AOK Bremen/Bremerhaven, Jörn Hons. Beispiel dafür sei die Teilnahme an der Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs. Ab einem Alter von 20 Jahren haben Frauen Anspruch auf eine jährliche Untersuchung: Im Jahr 2016 nahm nur rund jede zweite anspruchsberechtigte Versicherte (siehe Grafik) in Bremen im Alter von 20 bis 49 Jahren daran teil. In den Stadtstaaten Hamburg und Berlin lagen die Quoten leicht darunter (je 49 Prozent), in Niedersachsen mit 53 Prozent leicht darüber.

Allerdings zeigt die Auswertung auch: Die deutliche Mehrheit der Frauen in einem Alter von 30 bis 49 Jahren, die diese Untersuchung zur Früherkennung wahrnehmen, tat dies in einem Zeitraum von zehn Jahren in regelmäßiger bis sehr regelmäßiger Frequenz (84 Prozent). Ähnliche Werte wurden in den übrigen Stadtstaaten, Niedersachsen und im Bundesschnitt erreicht.

Darmkrebs zählt mit jährlich rund 60 000 Neuerkrankungen zu einem der häufigsten Krebsleiden in Deutschland: Im Zehn-Jahres-Verlauf zeigt der Versorgungsreport für Bremen, Berlin, Hamburg, Niedersachsen und den Bund ab einem Alter von 60 Jahren eine Teilnahmequote von jeweils um die 80 Prozent. Die Forscher warnen jedoch: „Das heißt im Umkehrschluss aber auch, dass etwa jeder fünfte Anspruchsberechtigte überhaupt nicht vom Darmkrebs-Screening erreicht wurde“, betonte Christian Günster, Leiter des Bereichs Qualitäts- und Versorgungsforschung des Kassen-Instituts.

Auf diese Lücken bei der Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs und Darmkrebs hat der Gemeinsame Bundesausschuss mit einer neuen Screening-Offensive reagiert. Das Gremium entscheidet darüber, auf welche Leistungen gesetzlich Krankenversicherte Anspruch haben: Ab Juli dieses Jahres werden Versicherte danach regelmäßig von ihren Krankenkassen per Brief zur Darm­krebs­früh­erkennung einge­laden.

Vorraussetzungen für eine informierte Entscheidung fehlen oft

Und: Da wissenschaftliche Daten zeigen, dass Männer im Vergleich zu Frauen ein höheres Risiko haben, an Darmkrebs zu erkranken, wird Männern künftig bereits ab einem Alter von 50, und nicht wie bisher ab 55 Jahren, eine Darmspiegelung angeboten. Regelmäßige Einladungen zur Gebärmutterhals-Früherkennung werden ab 2020 von den Krankenkassen verschickt.

Die Forscher wollten auch wissen, wie gut oder schlecht sich Patienten von ihren Ärzten über Früherkennungsuntersuchungen informiert fühlen, dazu wurden mehr als 2000 Versicherte befragt. Das Ergebnis, zu dem es keine regionale Aufschlüsselung gibt: Nur etwa 55 Prozent der teilnehmenden Frauen wurden über die Vorteile der Früherkennung bei Gebärmutterhalskrebs informiert. Noch geringer war mit 25 Prozent der Anteil der Frauen, die Informationen über mögliche Nachteile wie falsch positive Befunde erhielten. Ein ähnliches Bild zeigte sich bei der Darmkrebs-Vorsorge (75 und 36 Prozent).

„Die Befragungsergebnisse zeigen, dass die Voraussetzungen für eine informierte Entscheidung der Versicherten oft fehlen“, sagte Norbert Schmacke. Der Bremer Uni-Professor ist Mitherausgeber des Reports. Dabei habe der Nationale Krebsplan schon 2010 das Ziel formuliert, die Versicherten zu einer Entscheidung unter Berücksichtigung aller Vor- und Nachteile zu befähigen. Schmacke: „Ärzte dürfen Fragen oder Bedenken ihrer Patienten, etwa zu möglichen Fehlalarmen durch falsche Befunde, nicht einfach wegwischen.“

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