Wochenserie: Alleinerziehend

Negativrekord bei Erwerbslosigkeit in Bremen

Die Arbeitnehmerkammer hat gemeinsam mit dem Jobcenter und dem Arbeitsressort gut 1600 Fragebögen von Alleinerziehenden ausgewertet. Geschäftsführerin Elke Heyduck verdeutlicht die Ergebnisse.
17.07.2018, 06:30
Lesedauer: 5 Min
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Negativrekord bei Erwerbslosigkeit in Bremen
Von Silke Hellwig
Negativrekord bei Erwerbslosigkeit in Bremen

Ein sehr großer Teil der arbeitslosen Alleinerziehenden hat keine Berufsausbildung und es damit besonders schwierig, eine Stelle zu finden.

Peter Kneffel/ dpa

Frau Heyduck, die Arbeitnehmerkammer befasst sich schon lange mit der Lage Alleinerziehender. Ende vergangenen Jahres hat sie eine umfangreiche Studie zum Thema Alleinerziehende veröffentlicht. Gab es dafür einen besonderen Anlass?

Elke Heyduck : Anlass war der deutliche Rückgang der Erwerbstätigkeit und damit der Anstieg der Hilfebedürftigkeit. Dieses Phänomen beobachten wir schon seit ein paar Jahren, können es uns aber nicht erklären. Das hat dazu geführt, dass wir gemeinsam mit dem Arbeitsressort und dem Jobcenter Fragebogen verschickt und ausgewertet haben.

Eine Antwort auf die Frage, warum die Zahl der erwerbstätigen Alleinerziehenden zurückgeht, wurde damit allerdings nicht gefunden.

Das ist richtig. Abschließend haben wir das nicht erhellen können. Aber es gibt Hinweise, woran es liegt: Ein sehr großer Teil der arbeitslosen Alleinerziehenden – mehr als zwei Drittel – hat keine Berufsausbildung. Ohne Ausbildung ist es enorm schwierig, eine Stelle zu finden, erst recht, wenn es eine Teilzeitstelle sein muss. Die Arbeitslosigkeit in Bremen, vor allem aber in Bremerhaven, ist ohnehin hoch, das macht die Situation für Alleinerziehende noch schwieriger. Für Frauen insgesamt ist der Zugang zu einem männlich geprägten Arbeitsmarkt mit hohem Industrieanteil erschwert. In Bremen liegt die Beschäftigungsquote von Frauen so niedrig wie in sonst keinem anderen Bundesland. Und Leiharbeit, der wir sicher nicht durchgehend gutheißen, sorgt bei vielen Hilfebeziehern für vorübergehende Beschäftigung – sie ist aber vorwiegend männlich, weil im Industriebereich angesiedelt. Oft wird damit argumentiert, dass es Stadtstaaten als Großstädte ohne Umland schwerer haben und der Vergleich mit Flächenländern hinke. Allerdings sind die bremischen Zahlen schlechter als die in Hamburg und Berlin.

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Gibt es dafür eine Erklärung?

Auch darauf haben wir keine eindeutige Antwort. Es gibt aber Umstände, die die Lage begünstigen: Bremen steckt immer noch in einem Aufholprozess, was die Kinderbetreuung betrifft. Das bedeutet, dass alles, was über den Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz hinausgeht, noch auf sich warten lässt. Das gilt beispielsweise für die Betreuung in Randzeiten, die für erwerbstätige Frauen, die zum Beispiel in der Altenhilfe oder im Einzelhandel tätig sind oder sein wollen, sehr wichtig sein kann. Es ist auch schwierig, unterjährig – wenn man kurzfristig eine Stelle antreten kann – einen Platz in einer Kita zu bekommen. Flexibilität ist teuer, aber wenn eine Alleinerziehende, einen Ausbildungsplatz oder eine Stelle nicht antreten kann, weil das Kind oder die Kinder nicht betreut werden können, ist das ein Armutszeugnis.

Kennen Sie solche Fälle?

Darüber gibt es keine Statistik. Aber die Zahlen zeigen ja, dass es irgendwo knirscht. Aus unserer Befragung wird beispielsweise deutlich, dass sich fast 40 Prozent der Alleinerziehenden nicht in der Lage sehen, kurzfristig Betreuung zu organisieren. Es besucht auch nur jedes vierte Kind im Alter über drei Jahre einen Kindergarten.

Geschaftsführerin der Arbeitnehmerkammer Elke Heyduck

Elke Heyduck ist Geschäftsführerin der Arbeitnehmerkammer.

Foto: Frank Thomas Koch

Vielleicht entscheiden sich Frauen wegen ihre schlechten Chancen auf dem Arbeitsmarkt bewusst für eine Zukunft als Mutter und Hausfrau? Oder ist es in der Regel eher umgekehrt: Sie haben Kinder und es damit ungleich schwerer, eine Berufsausbildung zu machen?

Es ist schwer zu ergründen, ob es Frauen gibt, die einen Ausweg darin sehen, eine Familie zu gründen. Wir können sagen, wie viele Frauen schon arbeitslos waren, bevor sie mit Kind Hartz IV beziehen. Die Quote ist gerade in Bremerhaven hoch. Gegen die These, dass das Mutter- und Hausfrau-Sein als eine Art Beruf verstanden wird, spricht, dass der Arbeit in unserer Befragung hohe Priorität eingeräumt wird. Fast alle befragten Frauen gaben an, dass sie sich eine feste Stelle wünschen. Deshalb ist es so wichtig, den alleinerziehenden Müttern und Vätern eine Vorbildrolle zu ermöglichen. Zwei Drittel der von uns Befragten sagten, eine Berufstätigkeit sei für sie so wichtig, weil sie eben ein Vorbild sein wollen und natürlich finanziell unabhängig. Außerdem sind viele der Frauen, die finanzielle Unterstützung bekommen, Aufstockerinnen; sie arbeiten, aber der Lohn reicht nicht. Ohnehin sind Alleinerziehende auf dem Arbeitsmarkt deutlich aktiver als zum Beispiel Mütter, die in einer Ehe leben.

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Wenn sich Alleinerziehende qualifizieren, sollten es dann nicht bestenfalls Tätigkeiten mit Zukunft sein, nicht welche, die über kurz oder lang der Digitalisierung zum Opfer fallen?

Es ist unrealistisch, alle Alleinerziehende zu IT-Fachleuten ausbilden zu wollen. Der Anteil der Abiturientinnen unter den Alleinerziehenden ohne Arbeit ist gering. Aber man darf den Wert der Arbeit grundsätzlich nicht verkennen, selbst wenn er zunächst nicht zum Leben reichen sollte. Vielleicht reicht der Lohn, wenn die Kinder aus dem Haus sind oder wenn die Stundenzahl erhöht werden kann. Die Entlohnung in typischen Frauenberufen ist dabei ein entscheidendes Thema, aber eben auch ein dickes Brett. Mit einer Teilzeitstelle in der Altenpflege und einem von mir abhängigen Kind komme ich kaum raus aus dem Hilfebezug. In einem typischen Männerberuf kann das klappen.

8000 Fragebögen sind für die Befragung verschickt worden, 1267 kamen zurück, das entspricht einem Rücklauf von 16 Prozent. Ist das nicht bedauerlich wenig, wenn man bedenkt, dass die Befragten Gelegenheit hatten, ihren Nöten, Anliegen und Forderungen Ausdruck zu geben?

Für uns ist diese Quote ein Erfolg. Bei anderen Befragungen, auch bundesweiten, liegt der Rücklauf oft bei zehn bis 15 Prozent. Zudem hat sich gezeigt, dass die Teilnehmenden, was Bildungsabschluss oder Status angeht, durchaus die Grundgesamtheit aller Alleinerziehenden im Hilfebezug in ihrer Vielfalt widerspiegelt. Die Daten bilden also eine verlässliche Grundlage.

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Welche Forderungen leitet die Arbeitnehmerkammer aus den Ergebnissen ab?

Vor allem muss sich arbeitsmarktpolitisch etwas tun: Es muss mehr gezielte Angebote für Alleinerziehende geben, was Weiterbildungen und Qualifikationen betrifft. Mehr Teilzeit-Ausbildungsplätze sind nicht weniger wichtig. Die Begleitung von und das politische Kümmern um Alleinerziehende muss ganzheitlich und umfassend sein. Es reicht nicht, sie in den Arbeitsmarkt zu vermitteln, wenn die Betreuung der Kinder nicht geklärt ist. Wichtig ist auch sozialer Wohnungsbau. Alleinerziehende konkurrieren mit anderen Gruppen um günstigen Wohnraum und sind wegen der Kinder oft benachteiligt.

Das ist eine gigantische Aufgabe.

Wenn man hört, dass 70 Prozent der Alleinerziehenden keinen Berufsabschluss haben, schreckt man vielleicht vor der Herausforderung zurück. In absoluten Zahlen handelt es sich aber um rund 2400 Mütter und Väter, das ist doch eine Zahl, bei der man durchaus nach und nach und Fall für Fall gucken kann, was man tun kann.

Leitet sich für die Arbeitnehmerkammer auch Kritik an der Regierungsarbeit ab? Hätte mehr getan werden müssen?

Das kann man so nicht sagen, aber manches dauert uns einfach zu lange. Seit 2010 steigt die Zahl der erwerbslosen Alleinerziehenden, darauf hätte man früher reagieren können.

Das Gespräch führte Silke Hellwig.

Info

Zur Person

Elke Heyduck ist Geschäftsführerin der Arbeitnehmerkammer Bremen und hat dort die Leitung der Abteilung Politikberatung inne. Zuvor war sie Pressesprecherin der Kammer.

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