Wie weiter nach der Schule

Neue inklusive Berufsbildung gefordert

Endet die Schulpflicht, wird es für Kinder mit Beeinträchtigungen noch einmal schwieriger. Auf einer Bildungsmatinée in Bremen ging es darum jetzt um das „Kölner Modell“ einer inklusive Berufsausbildung.
24.10.2018, 17:50
Lesedauer: 3 Min
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Von Jörn Hildebrandt

Nach der zehnten Klasse wird es für Jugendliche mit Behinderung schwierig: „Denn zu 90 Prozent landen sie in Werkstätten und nicht, wie es wünschenswert wäre, auf dem ersten Arbeitsmarkt“, sagt Elke Gerdes vom Verein „Eine Schule für Alle Bremen“. „Die Frage ist also: Wie kann eine bessere berufliche Bildung sie auf den Arbeitsmarkt vorbereiten?“

Bereits zum 20. Mal fand in der Bremer Jugendherberge die Bildungsmatinée „Pfeiffer mit 3f!“ statt. Ein gemeinsames Frühstück zu Beginn bot erste Gelegenheiten zum Austausch und Kennenlernen, anschließend gab Wolfgang Blaschke aus Köln mit seinem Referat einen wichtigen Impuls für Diskussionen. Blaschke ist Mitbegründer des Elternvereins „mittendrin“ und stellt das „Kölner Modell“ vor, das Ausbildungsmodule für Jugendliche mit Förderbedarf im Bereich Wahrnehmung und Entwicklung schaffen will.

Neues Modell aus Köln

In diesem Ansatz soll letztlich eine duale Ausbildung für Jugendliche mit geistigen Behinderungen geschaffen werden, denn bisher gebe es für sie keine Möglichkeit, eine reguläre Berufsausbildung zu erfahren. In den Behindertenwerkstätten erhalten die Jugendlichen nur ein Taschengeld und werden zur bloßen Werkstättenarbeit angeleitet. Nur in Ausnahmefällen können sie außerhalb der Werkstätten mithilfe von Unterstützern eine Anlerntätigkeit erfahren – beide Wege seien nicht befriedigend.

Das neue Modell, das im nächsten Jahr in Köln starten soll, sieht hingegen gezielte Ausbildungsmodule für behinderte Jugendliche vor: „15 Schüler lernen zum Beispiel derzeit Schreibmaschine schreiben, um am Laptop oder Tablet wesentlich schneller zu sein“, sagt Wolfgang Blaschke, „und wir haben dabei entdeckt, welch enormes Potenzial in den jungen Menschen steckt.“ Haben sie ein solches Modul erfolgreich absolviert, wird ihnen dies offiziell bescheinigt. Ziel sei es, dass die Jugendlichen reguläre Ausbildungsverträge mit Betrieben abschließen. So könne der Berufsschulunterricht an einem Berufskolleg stattfinden, und ein Jugendhilfeträger vermittelt wöchentlich oder im Blockunterricht Bildung, die sich praxisnah auf die Lebens- und Arbeitswelt der Jugendlichen bezieht. Dazu gehören auch Aspekte des Selbstbildes und der Reflexion ihrer Ausbildung.

„Das Kölner Modell funktioniert aber nur, wenn zahlreiche Kooperationspartner zusammenwirken“, sagt Wolfgang Blaschke, und dazu gehören zum Beispiel das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales in Nordrhein-Westfalen, die Handwerkskammer Köln, die Schulaufsicht, wie auch die Agentur für Arbeit. Weiterhin müsse sich ein Projektrouter um die Logistik kümmern, und schließlich gehe es nicht ohne Betriebe, die sich an dem neuen Ansatz beteiligen.

8000 Euro Zuschuss

„Viele Handwerksbetriebe suchen ja derzeit händeringend nach Auszubildenden“, führt Blaschke aus, „doch der Betriebsleiter muss natürlich sagen, dass er Jugendliche mit Förderbedarf aufnehmen will.“ Betriebe, die dazu bereit sind, erhalten 8000 Euro pro Person. Kooperationsbereit seien in Köln zum Beispiel eine Brauerei oder ein Malerbetrieb, der Gehörlose einstelle, und ein großes Potenzial finde sich auch bei der Deutschen Bahn.

„Unser Modell soll in Zukunft von der Stadt Köln in die Fläche gebracht werden“, sagt Wolfgang Blaschke, „doch man muss genau wissen, um welche Berufe es dabei geht.“ Die Spannbreite in der Ausprägung von geistigen Behinderungen, zum Beispiel durch das Downsyndrom sei enorm – viele davon Betroffene seien hoch motiviert, und in ihnen würden ungeahnte Fähigkeiten schlummern. Angesichts der rasanten technologischen und gesellschaftlichen Veränderungen gäbe es allerdings in Handwerksberufen heute keine Garantie mehr dafür, dass eine derzeit gefragte Arbeit auch noch in 40 bis 50 Jahren attraktiv ist.

Der Verein „Eine Schule für Alle Bremen“ sieht in dem Konzept ein Vorbild für die Hansestadt. Schüler mit dem Förderschwerpunkt Wahrnehmung und Entwicklung sollten im Anschluss an die Oberschule einen schulischen Ort des Lernens finden, der ihnen berufliche Orientierung und einen Zugang zum ersten Arbeitsmarkt ermöglicht. Solche neuen beruflichen Orientierungssysteme müssten an das Standortprofil der jeweiligen Schule anbinden, in der es mehr individualisierte Angebote geben müsse. Durchgängiges Prinzip sollte die Orientierung an Betrieben sein, mit denen die Schulen eng kooperieren.

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