Unterwegs mit der Linie 2 in Bremen

Neue Läden beleben das Wohnviertel

An der Haltestelle „Bei den drei Pfählen“ wird es bunt: Wer aus der Straßenbahn steigt, wird von einem besonderen Wandbild empfangen. Das Quartier hat sich in den vergangenen Jahren verändert.
02.08.2019, 20:50
Lesedauer: 4 Min
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Neue Läden beleben das Wohnviertel
Von Ulrike Troue
Neue Läden beleben das Wohnviertel

Gänse statt Graffiti: Die farbige Flugformation im Erdgeschoss des 19-Parteien-Hauses sind ein echter Hingucker.

Torsten Spinti

Zwei Gänse-Formationen fliegen um die Ecke. Keine Sorge, die zehn kunterbunten Vögel werden das beliebte Wohnquartier rund um den Straßenbahnhalt „Bei den drei Pfählen“ nicht verlassen. Vereinzelt stehen noch Altbremer Reihenhäuser im Straßenzug Am Hulsberg, größtenteils prägen ihn mehrgeschossige Schlichtbauten aus den 60er- und 70er-Jahren. Teilweise haben sich im Erdgeschoss Dienstleister eingemietet.

Die tierischen Motive an den Wänden des Wohnblocks an der Ecke Am Hulsberg/Stader Straße sind ein Hingucker. Und sie sind „Schutz vor Graffiti“, wie Helga Tienken erklärt. „Das sah vorher hier katastrophal aus mit den Schmierereien.“ Die Seniorin lebt seit 24 Jahren in einer Eigentumswohnung in dem auffälligen „Kasten“ und beteuert, „die Wohnungen sind aber sehr schön". Sie muss es wissen, denn Tienken ist die Hausbetreuerin für die insgesamt 19 Wohnungen.

„Ich fühle mich hier sehr wohl“

„Ich fühle mich hier sehr wohl“, versichert sie. Drei größere Supermärkte lägen nur jeweils eine Straßenbahnhaltestelle entfernt. „Und so gut wie bei Dim Sum können sie in der ganzen Stadt nicht chinesisch essen, obwohl das nur eine kleine Butze ist“, sagt sie und gerät regelrecht ins Schwärmen. Auch das Restaurant „Albeek“ erfährt nach ihrer Beobachtung regen Zulauf. Genau wie früher, als dort das „Café Heinemann“ ansässig gewesen sei. „Der Kuchen war in ganz Bremen bekannt“, erinnert sich die ältere Frau mit Hausschlüssel und Einkaufsbeutel in der Hand, die sich gerade beim Bäcker Brötchen fürs Frühstück und im Kiosk eine Zeitschrift geholt hat.

„Tschüss, schönen Tag noch“, verabschiedet Volkan Arslannirza auch diese Kundin. Man kennt sich im Quartier. Das hat der 18-jährige Verkäufer aus Kattenturm schnell festgestellt. Seit zwei Monaten arbeitet er in dem Kiosk mit DHL-Annahmestelle. 90 Prozent der Kunden kommen nach Auskunft des jungen Mannes mit türkischen Wurzeln aus der Nachbarschaft. Es sind noch Sommerferien, und das heißt: Die Schüler fehlen. Viele von ihnen würden sich morgens mit dem „Standardgepäck für Schule“ eindecken: Getränke, Eis, Bonbons.

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Stoßzeiten gibt es in dem fast rund um die Uhr geöffneten Kiosk, der fast so gut bestückt ist wie ein kleiner Lebensmittelladen, nicht. Ein ruhiges Kommen und Gehen entspricht dem Straßenbild rund um die Haltestelle „Bei den drei Pfählen“. Menschen radeln oder Paare schlendern ins Gespräch vertieft vorbei. Zwei amerikanische Touristen steuern die „Backbord“-Filiale an, andere zieht es zum Frisör. Und nicht wenige verlassen mit gefüllten Einkaufstaschen die Straßenbahn oder steigen ein paar Meter weiter auf Hastedter Seite in Richtung Innenstadt ein.

An einem der Tische von „Maitre Stefan“ genießt eine junge Familie aus dem benachbarten Steintor ihr Ferienfrühstück. Die Boulangerie verbreitet durch Steinbackofen, Eiffelturm-Wandbild, Einrichtung im Retro-Stil und Backwarenangebot französisches und auch ein etwas gehobeneres Flair. Nur die Telefonzelle, die schmuddelig und ausgedient wirkt, trübt den guten Gesamteindruck des leuchtend roten Eckhauses.

linie 2 an den drei pfählen

"Es ist hier noch relativ preisgünstig zum Wohnen."

Ihno Jürgens, Familienvater

Foto: Torsten Spinti

Ihno Jürgens und Angelika Kracke sitzen an der anderen Seite zur Stader Straße. Das Paar, das zuvor fünf Jahre im Peterswerder gewohnt hat, ist nach einem Optikerbesuch mit der dreijährigen Tochter und dem neun Monate alten Sohn in der Sportkarre zum zweiten Mal im französischen Café eingekehrt. Die Familie mag das Quartier. „Man kann hier noch relativ preisgünstig wohnen“, sagt Jürgens. „Schön ist auch die Nähe zum Werdersee“, fügt der sportlich wirkende Holztechniker mit Kurzhaarschnitt und Vollbart hinzu.

Nur abends sei wenig los, bedauert der Familienvater. Jürgens vermisst zum Beispiel Anlaufstellen für ein Feierabendgetränk. „Schön ist allerdings, dass es so bunt gemixt ist, Alt und Jung kommen hier zusammen“, ergänzt Kracke. Sie hat die Grundschule Stader Straße besucht und kennt den Ortsteil seit ihrer Kindheit. „Es haben sich inzwischen einige nette Läden angesiedelt, früher gab es hier nicht so viel“, betont die Ergotherapeutin.

"Gut zu erreichen, und es wird hier langsam immer belebter und netter." 
 Susanne Tuppeck, Yogalehrerin

"Gut zu erreichen, und es wird hier langsam immer belebter und netter."

Susanne Tuppeck, Yogalehrerin

Foto: Ulrike Troue

„Es wird gerade belebter, netter“, ist auch der Eindruck von Susanne Tuppeck, die auf die neue Kita in der ehemaligen Sparkasse verweist. Die Yoga-Lehrerin hat vor eineinhalb Jahren ihr Yoga-Studio im Mehrparteienblock eröffnet. „Es ist tatsächlich die perfekte Haltestelle, ich bin hier einfach super zu erreichen“, sagt sie. „Hier ist sonst eigentlich reger Betrieb, nur abends wird es leerer.“

Mehr Sauberkeit auf den Wegen

Sauberer werden derweil die Bürgersteige und Radwege, die zwei Mitarbeiter einer Gehwegreinigungsfirma ablaufen und -fahren. Jeden Donnerstag sind sie mit Laubsauger und Kehrmaschine unterwegs und beseitigen Müll. Im Sommer und im Herbst kommen Unkraut und Laub dazu. „Hier geht es noch“, urteilt Fahrer Silku Hübsch aus der Neuen Vahr. „Sobald es aber ins Viertel geht, wird es schlimmer mit dem Müll.“ Thorsten Lorenz pflichtet ihm bei. Er wohnt um die Ecke und schätzt „die gute Verkehrsanbindung und Infrastruktur. Schulen, Einkaufsmöglichkeiten und Ärzte sind in direkter Nähe.“

linie 2 an den drei pfählen

"Hier geht's noch mit dem Dreck, sobald man ins Viertel kommt, wird's schlimm."

Silku Hübsch, Fahrer der Gehwegkehrmaschine

Foto: Torsten Spinti

Wenn mit Einkaufsmöglichkeiten die Supermärkte gemeint sind, kann Dietrich Segebade zustimmen. Aber: Als er sich 1983 in einer Filiale „Bei den drei Pfählen“ selbstständig machte, habe es noch mehr kleine Geschäfte wie Schlachter, Bäcker oder ein Fernsehgeschäft gegeben, bedauert der Augenoptikermeister, der täglich mit dem Rad aus Lilienthal kommt und sich eine treue Stammkundschaft aufgebaut hat. Der aufmerksame Chef strahlt seine Freude am Beruf aus. Kontakt auf persönlicher Ebene, gute Beratung und faire Preise schaffen aus seiner Sicht Vertrauen und seien Faktoren für hohe Kundenzufriedenheit.

„Es ist ein sehr angenehmes Arbeiten“, sagt Segebade über den Standort. Die Klientel sei angenehm und auch Kaufkraft vorhanden. Der Lilienthaler spricht über die Wohnhäuser in den Seitenstraßen und den seit zehn Jahren laufenden Generationswechsel. Durch die große Glasfront hat der Optikermeister vieles im Blick. „Wir haben eine Menge erlebt“, sagt er und erinnert er an die aufregende Zeit vor 15 Jahren, als der Drogenhandel „Bei den drei Pfählen“ blühte – bevor er ins Steintor überschwappte. „Zwei Polizeibeamte versteckten sich im Laden und beobachteten Männer, die auf dem Dach der Haltestelle Drogen deponiert hatten“, berichtet Segebade. In Turnschuhen seien sie den dunkelhäutigen Männern hinterher – und hätten sie schließlich auch geschnappt.

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