Innere Mission

Neuer Treff für Obdachlose am Bremer Hauptbahnhof

Ein neuer Szenetreff der Inneren Mission am Bremer Hauptbahnhof richtet sich an Suchtkranke und Wohnungslose im Bahnhofsumfeld. Nicht jeder sieht das Projekt positiv.
01.04.2019, 16:30
Lesedauer: 3 Min
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Neuer Treff für Obdachlose am Bremer Hauptbahnhof
Von Sebastian Krüger
Neuer Treff für Obdachlose am Bremer Hauptbahnhof

So sieht der neue Szenetreff bei der Eröffnung am Montag aus - ein Sichtschutz und eine Toilette mit fließendem Wasser sollen noch kommen.

Christina Kuhaupt

An der Ostseite des Hauptbahnhofs hat die Innere Mission am Montag einen neuen Treffpunkt eröffnet. Das Angebot richtet sich an wohnungslose und suchtkranke Menschen, die sich bisher an den Straßenbahnhaltestellen und im Umfeld des Bahnhofs aufgehalten haben.

„Wohnungslose Menschen haben nun in der Nähe des Bahnhofs einen Ort, an dem sie sein können“, sagte Pastor Hans-Christoph Ketelhut, Vorstandssprecher der Inneren Mission. Zwischen Intercity-Hotel und der Fußgängerbrücke am Gustav-Deetjen-Tunnel liegt der umzäunte Bereich. Die Veranstaltung sei allerdings eher ein Richtfest als eine Einweihung, sagte er. Der geplante Sichtschutz komme noch, eine barrierefreie Toilette mit fließend Wasser soll demnächst das blaue Dixie-Klo ablösen. „Das Ambiente ist ausbaufähig. Aber wir arbeiten daran.“

Planung hat 2016 begonnen

Die Bauarbeiten haben im vergangenen Dezember 2018 begonnen, die Planung bereits 2016. Um die Zielgruppe anzusprechen, müsse der Ort innerhalb der Szene noch bekannter werden, sagte Ketelhut. Schon vor Eröffnung hätten die Streetworker der Inneren Mission für den neuen Treff geworben. Waren die Obdachlosen vorher über das Gebiet verteilt, könnten die Sozialarbeiter nun besser in Kontakt mit ihnen kommen.

Der Bedarf an Betreuung und Hilfeleistungen sei groß: Neben Drogen- und Alkoholabhängigkeit hätten viele Obdachlose mit psychischen Krankheiten zu kämpfen, die eine Wiedereingliederung in ein geordnetes Leben erschweren würden. Der neue Treffpunkt gehört zum Plan des Senats, die Bahnhofsgegend aufzuwerten. Im Juni 2018 hatte Bürgermeister Carsten Sieling (SPD) angekündigt, das Erscheinungsbild des Hauptbahnhofs aufzupolieren.

Einweihung Szenetreff am Hauptbahnhof

Sozialsenatorin Anja Stahmann und Bertold Reetz von der Inneren Mission (hinten) sitzen mit Petra Sönmitz und Tamme Auma auf einer der Bänke im neuen Szenetreff.

Foto: Kuhaupt

Aus Sicht vieler Bürger sei es dort um Sicherheit und Sauberkeit nicht gut bestellt, hieß es. Seitdem hat sich etwas getan rund um „Bremens Visitenkarte“: Ein neues Lichtkonzept sorgt nachts für mehr Helligkeit und soll das Sicherheitsempfinden der Bremer erhöhen. Die Polizei ist präsenter und die Stadtreinigung rückt häufiger an. Die Bürgerschaftsfraktion der Linken hatte zu Jahresbeginn kritisiert, dass die Polizei systematisch Platzverweise gegen Obdachlose aussprechen würde, um diese vom Bahnhofsplatz zu verdrängen.

„Jeder hat das Recht, sich an öffentlichen Orten aufzuhalten“, sagte Bertold Reetz, Bereichsleiter der Wohnungslosenhilfe der Inneren Mission. Haltestellen wie die vor dem Bahnhof seien beliebte Treffpunkte, in denen Wohnungslose unter Menschen sein können. Auch sie hätten das Bedürfnis, Anteil zu nehmen und dabei zu sein, betonte er. Der Bahnhofsplatz sei immer ein Ort der Bewegung gewesen – das gelte auch für Menschen ohne festen Wohnsitz.

Platzproblem zwischen Bahnhof und City-Gate

Im Treff in Bremen-Nord kämen täglich bis zu 60 Besucher. Wie groß der Ansturm auf den neuen Treff neben dem Bahnhof ausfallen wird, werde sich zeigen. Insgesamt ist es der vierte seiner Art in Bremen. Sicherheitsbedenken könne er persönlich nicht nachvollziehen: Seit 30 Jahren arbeitet Reetz mit Wohnungslosen. Angst habe er kein einziges Mal verspürt. Am Umgang mit Obdachlosen sieht Ketelhut einen Grundkonflikt im öffentlichen Raum: Die Geschäftswelt möchte einen attraktiven Bahnhofsplatz, viele Bürger sehnen sich nach Sicherheit und Ordnung. Das Verständnis für Wohnungslose bleibe da bei einigen auf der Strecke.

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Dabei dürfe sich jeder am Bahnhof aufhalten, betonte auch Bremens Sozialsenatorin Anja Stahmann (Grüne). An den Haltestellen zwischen Bahnhof und City-Gate gebe es jedoch ein Platzproblem, seit mehrere Steige zusammengelegt wurden. Wenn sich ein Teil der Menschen nun im neuen Treffpunkt aufhalten würde und nicht mehr an den Straßenbahngleisen, wäre es dort nicht mehr so eng und folglich sicherer.

Stand vorher nur eine Arbeitsstelle für Streetworker am Bahnhof zur Verfügung, hätten Stahmann und ihre Behörde Geld für anderthalb weitere Stellen freigegeben. In der Zielgruppe des Angebots gebe es viele Menschen, die aus der Bahn geworfen seien. Das müsse bei Diskussionen über Sicherheit und Sauberkeit stets bedacht werden, sagte sie. Der neue Treff sei ein würdiger Ort für sie.

Ein ehemaliger Obdachloser zeigte sich weniger überzeugt. Der 54-Jährige war eigenen Angaben nach Jahrzehnte seines Lebens drogenabhängig und hatte viel Zeit auf der Straße verbracht. Die Szene kenne er also gut. Diejenigen, die wirklich Hilfe und Unterstützung brauchen, würden das Angebot nicht wahrnehmen, sagte er.

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