Jacobs' Plan für die Innenstadt Neues Balgequartier soll Brückenschlag zur Weser sein

Das neue Balgequartier: Die Pläne von Christian Jacobs werden immer größer. Wie geben einen Einblick.
31.08.2018, 19:45
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Neues Balgequartier soll Brückenschlag zur Weser sein
Von Jürgen Hinrichs

Die Langenstraße ist kurz. Ein paar Hundert Meter vom Marktplatz bis zur Martinistraße, und noch einmal soviel von der anderen Seite der Martinistraße bis zur Bürgermeister-Smidt-Straße – ein sehr unterentwickelter Abschnitt, von dem vielen noch nicht einmal bekannt ist, dass er zur Langenstraße gehört. Ihren Namen, ursprünglich „longa platea“, hat die Verbindung, die zu den ältesten Wegebeziehungen der Stadt gehört, selbstredend wegen ihrer Länge bekommen.

Was heute kurz erscheint, war vor bald 1000 Jahren von ungewöhnlicher Ausdehnung. Die Straße führte zum Hafen, der damals an der Balge lag, einem 40 Meter breiten Nebenarm der Weser. Heute steht dort an der Bredenstraße das Atlantic Grand Hotel. Balge und Hafen sind Geschichte, die Langenstraße hat längst ihre Bedeutung verloren, sie ist ins zweite Glied gerückt. In nächster Zeit dürfte das freilich anders werden.

Es gibt einen Plan für die Straße und für einige Häuser darin. Christian Jacobs, Spross der Bremer Kaffeedynastie, geht in die Vollen, er will nicht nur das Kontorhaus am Markt entwickeln, die Stadtwaage und das Johann-Jacobs-Haus, sondern auch das sogenannte Essighaus. Das Gesamtprojekt trägt den Namen Balgequartier. Binnen weniger Jahre wird die Langenstraße in diesem Abschnitt nach und nach eine völlig neue Anmutung bekommen.

Jacobs hat sich vorgenommen, ein Bindeglied zu schaffen, die Innenstadt soll näher an den Fluss rücken, er nennt das „Handlauf zur Weser“. Der Senat findet sein Engagement toll und unterstützt ihn nach Kräften. Die Pläne für die Langenstraße sind eng mit der Senatsbaudirektorin und dem Landesdenkmalpfleger abgestimmt, sie umfassen nicht nur die Häuser, sondern greifen massiv auch in die Gestaltung ein.

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Bis ins Detail werden bei Beleuchtung, Mobiliar, Reklame, Schaufenstern, Straßenschildern, Fahrradabstellplätzen und Straßengrün Vorgaben gemacht. Das Balgequartier soll aus einem Guss sein. Ziel ist, so steht es im Konzept, einen wohnlichen und eigenständigen Charakter zu vermitteln. „Wir geben der Stadt ein Quartier zurück“, sagt Jacobs. Der Unternehmer wünscht sich mehr Durchlässigkeit, das vor allem.

Von der höher gelegenen Obernstraße soll es an der Stelle nicht mehr hinunter in eine Art Hinterhof gehen, wo Autos abgestellt werden und Mülltonnen stehen. Die Große Waagestraße und die Kleine Waagestraße sind dann nicht länger kaum wahrnehmbare und unattraktive Durchstiche, sondern Wegeverbindungen, die sich aufdrängen und ein Erlebnis darstellen. Dazu noch ein transparentes Johann-Jacobs-Haus, das den Blick freigibt – in die Obernstraße zur einen und die Langenstraße zur anderen Seite, dazwischen: der Jacobs-Hof.

Neue Wege, neue Häuser

Neue Wege, neue Häuser, so ist das am Freitag dem Beirat-Mitte vorgestellt worden. Jacobs will flexibel bleiben, er muss es auch, denn einen städtischen Raum kann man nur zusammen mit der städtischen Gesellschaft entwickeln. „Es ist ein dynamisches Konzept, das atmen kann“, erklärt der Ideengeber und Investor.

„Wir wollen Adressen schaffen, die Anziehungspunkte sind.“ Jacobs orientiert sich nach eigenen Worten an den Prinzipalmarkt in Münster und die Fünf Höfe in München. Wenn man diese Vergleiche zieht und die einzelnen Projekte im geplanten Balgequartier im Ganzen betrachtet, dürften die Gesamtkosten in einem sehr hohen zweistelligen Millionenbereich liegen.

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Das neue Johann-Jacobs-Haus entsteht dort, wo das alte stand, es ist mittlerweile abgerissen. Das ist der erste Baustein in dem Plan. Er wird in etwa zur gleichen Zeit entwickelt wie die historische Stadtwaage dahinter. Das Gebäude gehörte früher der Sparkasse und ist unter anderem Sitz der Deutschen Kammerphilharmonie. Es trägt eine Fassade, die von Lüder von Bentheim entworfen wurde, dem Architekten, der vor gut 400 Jahren auch das Rathaus geplant hat. Stadtwaage und Rathaus waren in Bremen die ersten Bauten im Stil der Weserrenaissance.

Die Verbindung zwischen dem neuen Johann-Jacobs-Haus, einem ultramodernen Bau, der höher aufragt als sein Vorgänger und mit großen Glasfronten versehen ist, und der denkmalgeschützten Stadtwaage ist genau die Art von Reibung, die sich Jacobs von seinen Plänen verspricht: Häuser aus der Geschichte und der Gegenwart, die sich an einem Ort versammeln; sehr ausgeprägt wird sich das später auch am Essighaus festmachen.

Die Stadtwaage ist heute ein hübsches Fotomotiv für die Touristen, wenn sie denn bis zur Langenstraße vordringen. Viel mehr ist das Gebäude aber nicht, abgesehen davon, dass die Kammerphilharmonie dort einen Shop unterhält und gelegentlich kulturelle Veranstaltungen stattfinden. Das ändert sich nun. In Zukunft wird sich die Stadtwaage viel stärker dem Publikum zuwenden.

Die Rückfassade wird geöffnet, um den alten Charakter des Hauses wieder aufleben zu lassen – das ist die Markthalle im Erdgeschoss, in die ein Restaurant einzieht, und die zweigeschossige Prunkhalle darüber. Die Stadtwaage betrachten die Planer als heimliches Zentrum des Balgequartiers. Sie grenzt nach hinten an den Jacobs-Hof, an ein lauschiges Plätzchen mitten in der Stadt, das von allen Seiten Licht und Luft bekommt. Der Hinterhof – wird zum Jacobs-Hof.

Zwei Erklärungen für den Namen

Das Essighaus ist der Eckpunkt eines neuen Ensembles. Teils mit Nachbildungen der historischen Fassaden, teils mit einer Vorderansicht moderner Prägung. Hinter den Gebäudefronten entsteht ein massiges Bürogebäude mit einer Bruttogeschossfläche von rund 6000 Quadratmetern.

Das Essighaus – bisheriger Eigentümer und Nutzer ist die Factory-Bank, die in spätestens zwei Jahren ausziehen wird – war nach Darstellung von Jacobs das berühmteste Kaufmannshaus in der Langenstraße – „es bringt Flandern zurück nach Bremen“, schwärmt der Unternehmer. In dem Gebäude gab es mal ein Restaurant gleichen Namens. Die Halle von früher wird wieder für die Öffentlichkeit geöffnet, als Empfang für die Firmen, die in den Obergeschossen Platz nehmen.

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Essighaus – woher stammt der Name? Zwei Erklärungen: Gebaut wurde das Haus mit seinen ursprünglich fünf Stockwerken vor genau 400 Jahren im Auftrag der Kaufmannsfamilie Esich, es war das Zuhause von Patriziern. 200 Jahre später zog ein Bierbrauer mit seiner Produktion ein. Auf die Brauerei folgte eine Essigfabrik. Das Esich-Haus, wie es zunächst genannt wurde, wandelte sich im Volksmund phonetisch kaum verändert zum Essig-Haus.

Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude weitgehend zerstört, nur das Erdgeschoss mit den Utluchten, den Erkern, blieb übrig. Beim Wiederaufbau richteten sich die Architekten nicht nach dem historischen Vorbild, sondern gestalteten die oberen Etagen neu. Seit 1973 steht das Essighaus unter Denkmalschutz.

Ein Denkmal also. Kurios, dass es dazu nun erst richtig wird. Jacobs holt nach, was die Bauherren nach dem Krieg möglicherweise als zu aufwändig und teuer erachtet haben. Er lässt die ursprüngliche Renaissance-Fassade aus dem Jahr 1618 nachbauen. Mit welcher Technik, weiß er noch nicht. „Wir untersuchen, ob die Fassade im 3D-Druck-Verfahren rekonstruiert werden kann. Das wäre vermutlich eine echte Weltneuheit.“

Bleiben noch das Kontorhaus am Markt und das Justus-Grosse-Haus unmittelbar daneben. Das Kontorhaus, erbaut im Jahr 1911, war ein Bankhaus. Es gehörte der Disconto-Gesellschaft mit Hauptsitz in Berlin. In dem Gebäude hatten neben der Bank diverse Firmen ihre Büros. Von 1923 an waren dort die Allgemeinen Gas- und Elektrizitätswerke untergebracht.

Kein Erdgeschoss im Kontorhaus

Nach dem Krieg zogen das Fernmeldeamt und die Stadtwerke ein. Kurz auch die Commerzbank. Später wurde die Telekom Eigentümerin, die das Haus schließlich an die Stadt verkaufte. Seit dem grundlegenden Umbau und der Sanierung vor 17 Jahren wird es als Büro- und Geschäftshaus genutzt. Hauptmieter ist in den oberen Geschossen die Wirtschaftsförderung Bremen (WFB).

Mit dem Kontorhaus gibt es ein Problem. Es hat kein Erdgeschoss. Man geht die Stufen ­hinauf zum Hochparterre. Eine Hürde, die verschwinden soll, weil sie das behindert, was Jacobs so wichtig ist: Durchlässigkeit. Der „Handlauf zur Weser“ soll kein Hindernislauf sein. Es wird aber noch etwas dauern, bis die Umbauarbeiten beginnen.

Wie die Stadtwaage und das Essighaus, ist auch das Kontorhaus mittlerweile zwar Eigentum von Christian Jacobs. Im Kaufvertrag hat die Stadt sich aber hineinschreiben lassen, dass sie mit der Übergabe Zeit bis zum Jahr 2022 hat. Frühester Termin ist April 2020. Zu den Plänen für das Kontorhaus gehören bodentiefe Fenster mit Rundbögen, wenn die Zugänge zu dem Gebäude erst einmal ebenerdig sind.

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Zur Langenstraße hin werden zwei Giebel auf das Dach gesetzt, in gleicher Art wie es sie heute bereits an der Stintbrücke gibt. Die Entwürfe stammen vom Architekturbüro Miller & Maranta aus Zürich. Es zeichnet auch für das Essighaus und den Umbau der Stadtwaage verantwortlich. Miller & Maranta haben für die Kaffeefamilie vor einigen Jahren das Jacobs-Museum in Zürich geplant.

„Mit dem Brückenschlag vom Jacobs-Stammhaus an der Obernstraße über die Stadtwaage bis zum Kontorhaus am Markt ist der Grundstein für ein neues Quartier gelegt“, schreibt Christian Jacobs im Vorwort seiner Broschüren zu den einzelnen Projekten. Möglich, dass er für diese Brücke bald weitere Köpfe findet.

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