Erst gucken, dann zahlen

Neues Bezahlmodell in der Weserburg

Als erstes Museum in Deutschland testet die Weserburg ein Bezahlmodell, bei dem Besucher nach der Dauer ihres Aufenthalts zahlen. Das Museum erhofft sich, mit dem Modell auch neue Zielgruppen anzusprechen.
19.11.2019, 07:00
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Neues Bezahlmodell in der Weserburg
Von Alexandra Knief
Neues Bezahlmodell in der Weserburg

Besucher in der aktuellen Weserburg-Ausstellung „Andrea Bowers. Light and Gravity“.

WESERBURG

Zahle, so lange du bleibst – unter diesem Motto startet die Weserburg ab der kommenden Woche eine vierwöchige Testphase für ein neues Eintrittsmodell. Besucher zahlen in diesem Zeitraum nicht den üblichen Tagespreis, sondern einen Beitrag, der sich aus der Dauer ihres Aufenthalts errechnet. Nach Kenntnis der Weserburg hat bisher kein anderes Museum im deutschsprachigen Raum dieses Modell ausprobiert.

Von verschiedenen Preisen für verschiedene Ausstellungen bis hin zu komplett freiem Eintritt: Man habe viele Alternativen gedanklich durchgespielt, sagt Tom Schößler, kaufmännischer Geschäftsleiter der Weserburg. „Aber nichts davon war für uns richtig überzeugend.“ Ein Bezahlmodell auf freiwilliger Basis habe das Museum bereits 2015 getestet. „Das war okay, aber nicht durchschlagend“, so Schößler. Die Idee zum Eintritt auf Zeit kam ihm durch eine Arbeit des Schweizer Wirtschaftswissenschaftlers Bruno Frey, die 2010 an der Universität Zürich erschien.

Darin werden die Vor- und Nachteile verschiedener Bezahlmodelle für Museen beleuchtet und das Modell „Pay as you go“ (sinngemäß: bezahle, was du nutzt) als Alternative für den Kunstbetrieb vorgestellt. „In Parkhäusern oder auch bei Handyverträgen sind derartige Modelle längst Alltag“, sagt Schößler. „Warum also nicht auch im Museum?“

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Kein Nachteil für lange Besuche

Bruno Frey freut sich, dass seine Idee nun endlich auch mal im Kunstbetrieb getestet wird. „Da muss man die Weserburg und seine Direktorin wirklich beglückwünschen“, sagt er. Da Museen bürokratische Organisationen seien, sei es gar nicht so häufig, dass neue Ideen in den Betrieb aufgenommen würden. „Oft ist man da eher zurückhaltend.“ Nicht so die Weserburg.

Vom 26. November bis zum 22. Dezember zahlen die Besucher hier nach Dauer ihres Besuches: zehn Minuten kosten einen Euro, für Menschen mit Ermäßigung 50 Cent. Ausgenommen sind Besuche des Kindermuseums und die Teilnahme an Führungen. Doch wer sich gerne lange im Museum aufhält, muss keine Angst bekommen: „Der reguläre Tagespreis von neun Euro wird nicht überschritten, selbst wenn die Besucher drei Stunden bleiben“, sagt Schößler.

Mit dem Testmodell will die Weserburg dazu beitragen, dass Besucher sich das Museum flexibler nach ihren Bedürfnissen zunutze machen können. „Wer nur kurz gucken will, zahlt weniger und kommt vielleicht dafür häufiger wieder.“ Das Modell richte sich aber auch an Menschen, die noch gar nicht wissen, ob ihnen die Kunst, die in der Weserburg ausgestellt wird, überhaupt gefällt. Genauso an Stammkunden, die kurz nach ihrem Lieblingsbild sehen wollen oder an Passanten, die sich zu einem Spontanbesuch entscheiden. Während der Testphase sollen die Museumsbesucher befragt werden. So soll auch auf mögliche Probleme eingegangen werden, zum Beispiel, ob die Besucher sich durch das Modell gehetzt fühlten. Frey hält derartige Beschwerden für unwahrscheinlich. „Ich denke nicht, dass die Menschen nur ins Museum gehen, um da durch zu hetzen“, sagt er. „Ich bin optimistisch, das die Leute auch bei diesem Modell vernünftig mit der Kunst umgehen.“

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Kollegen loben Mut der Weserburg

So sieht es auch Annett Reckert, Leiterin der Städtischen Galerie Delmenhorst. „Dadurch, dass die Tagespauschale nicht überschritten werden kann, verpufft der Druck, dass Menschen – nun auch noch im Museum – permanent mit einem Auge auf die Uhr schielen“, sagt sie. „Toll, dass die Weserburg den Mut hat, neue Wege zu gehen.“

Viele Bremer Museumskollegen sehen das Projekt ebenfalls positiv. „Dieses Experiment werden wir interessiert verfolgen“, sagt Frauke von der Haar, Direktorin des Focke-Museums. Für ihr Haus sieht sie es allerdings als wenig geeignet, da man keine Laufkundschaft habe. Für das Übersee-Museum könnte das Modell aufgrund der Lage am Hauptbahnhof hingegen interessant sein, so Direktorin Wiebke Ahrndt. Zum Beispiel „für Durchreisende, die sich nur kurz bei uns aufhalten möchten.“

Christoph Grunenberg, Direktor der Kunsthalle, hat eine weitere Idee: „Vielleicht sollte man den Ansatz umdrehen? Wer am längsten bleibt, zahlt am wenigsten! Das ist doch, was wir wollen – eine intensive Auseinandersetzung mit der Kunst.“ Arie Hartog, Direktor des Gerhard-Marcks-Hauses, sieht das Ganze eher kritisch. Für ihn ergibt sich der Wert eines Museumsbesuches nicht durch die in der Ausstellung verbrachte Zeit, sondern durch die individuelle Erfahrung.

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