Bremer soll Schmerzensgeld bekommen

Geschichte einer fatalen Operation

Der Bremer Kerim Ucar, dem eine Niere statt der Milz entfernt wurde, soll ein Schmerzensgeld von 90.000 Euro vom Klinikverbund Gesundheit Nord erhalten. Die Parteien müssen dem Vergleich aber noch zustimmen.
29.10.2020, 06:56
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Geschichte einer fatalen Operation
Von Sabine Doll

Kerim Ucar steht mit seinen Eltern vor dem Landgericht an der Domsheide. Gerade ist die als Gütetermin angesetzte Zivilverhandlung zu Ende gegangen. Gut zwei Stunden hat die Sitzung an diesem Mittwoch gedauert, ein Ergebnis gibt es auch, über das der Bremer mit seinen Eltern Selcuk und Durna Ucar noch nachdenken muss, wie er sagt. 90 000 Euro Schmerzensgeld soll der 21-Jährige von der Versicherung des Klinikverbundes Gesundheit Nord (Geno) dafür bekommen, dass ihm statt der Milz eine gesunde Niere entfernt wurde. Drei Wochen haben beide Seiten für einen Widerruf Zeit.

„Niemand kann sich vorstellen, was diese fatale Operation für mich bedeutet und wie es mir jetzt geht“, sagte Kerim Ucar dem WESER-KURIER nach dem Ende der Verhandlung. „Ich leide heute noch an ständigen Bauchschmerzen, dazu kommen psychische Probleme, die mein Leben belasten.“ Kein Tag vergehe, an dem er nicht mit den Folgen des Eingriffs zu kämpfen habe.

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Die Geschichte zu dem Gerichtstermin hat vor fast genau drei Jahren begonnen: Am 5. Oktober 2017 sollte dem damals 18-Jährigen im Klinikum Mitte die kranke Milz entfernt werden. Der Bremer leidet an einer angeborenen Erkrankung, einer sogenannten Kugelzellenanämie, durch die das Organ vergrößert war. Bei dem Eingriff kam es zu der fatalen Verwechslung: Die Milz blieb im Körper – sie wurde etwas mehr als ein Jahr später bei einer Folge-OP in einem anderen Bremer Krankenhaus entfernt –, stattdessen entnahm der Operateur eine der beiden Nieren. Der Vorfall hat bundesweit für Schlagzeilen gesorgt.

Die Familie erstattete Strafanzeige gegen den Arzt; in einem von der Staatsanwaltschaft in Auftrag gegebenen Gutachten war von einem groben Behandlungsfehler die Rede. Ein zuvor von dem Rechtsanwalt der Familie Ucar beim Medizinischen Dienst der Krankenkassen beauftragtes Gutachten bezeichnete den Behandlungsfehler als „never event“ – als Ereignis, das nicht passieren darf. Der Arzt wurde im vergangenen Jahr in einem Strafverfahren zu einer Geldstrafe von 30.000 Euro verurteilt.

Bei dem Gütetermin zur Höhe eines Schmerzensgeldes sah es zunächst nicht danach aus, dass sich die beiden Parteien – die Familie Ucar als Klägerin und der kommunale Klinikverbund Gesundheit Nord (Geno) – einigen konnten. Der Rechtsanwalt der Familie, Hans-Berndt Ziegler aus Marburg, verlangte für seine Mandanten eine Summe in Höhe von 325.000 Euro Schmerzensgeld. Die Geno, vertreten von Rechtsanwalt Ralph Meyer im Hagen, hatte zunächst 50.000 Euro angeboten.

Richter Andreas Helberg skizzierte den weiteren Verlauf des Zivilprozesses, sollten die Parteien nicht zu einem Vergleich kommen. Mehrere Jahre könne dies dauern; unter anderem deshalb, weil angesichts der gesundheitlichen Beeinträchtigungen wie Bauchschmerzen und psychische Probleme, die der Kläger als Folge der Operation schildere, neue Gutachten von Sachverständigen eingeholt werden müssten.

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Gleichzeitig verwies Helberg auf das Gutachten des Sachverständigen aus München, in dem von einem „groben Behandlungsfehler“ die Rede sei. „Es macht das Gericht fassungslos, dass solch ein Behandlungsfehler passieren konnte.“ Es handele sich um einen „richtig dicken Klops“. Für den jungen Bremer bedeute der Verlust einer gesunden Niere „ein schweres Schicksal“ und die Perspektive, mit dieser Belastung leben zu müssen. Gleichwohl müsse eine Höhe des Schmerzensgeldes mit anderen ähnlichen Fällen und Entscheidungen verglichen werden, um in einem angemessenen Rahmen zu bleiben. Die von dem Kläger verlangte Höhe von 325.000 Euro entspreche dem nicht.

Am Ende der etwa zweistündigen Verhandlung einigten sich die Rechtsanwälte in einem Vergleich auf ein Schmerzensgeld in Höhe von 90.000 Euro. Mit dem Abschluss des Vergleichs sollen auch mögliche zukünftige Schäden, die aus der Entfernung der gesunden Niere entstehen, ersetzt werden. Beide Parteien haben nun drei Wochen Zeit, den Vergleich zu akzeptieren – oder wieder vor Gericht zu gehen.

Die Familie Ucar sagte nach der Verhandlung, sie sei „enttäuscht“, nicht mit ihrer ursprünglichen Forderung erfolgreich gewesen zu sein. Der Rechtsanwalt der Ucars betonte, er werde der Familie nachdrücklich empfehlen, den Vergleich zu akzeptieren, „ansonsten wird sich das Verfahren wahrscheinlich über mehrere Jahre hinziehen“.

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