Bremer Infektiologin im Interview

„Mensch, ihr gefährdet hier Leben!“

Christiane Piepel leitet die Corona-Isolierstation am Klinikum Bremen-Mitte. Im Interview spricht die Infektiologin über steigende Patientenzahlen, Maskenmuffel und ein mögliches Ende der Pandemie.
23.10.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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„Mensch, ihr gefährdet hier Leben!“
Von Nico Schnurr

Frau Piepel, das Klinikum Bremen-Mitte hat die zweite Corona-Isolierstation wieder geöffnet. Sind Sie zurück im Krisenmodus?

Christiane Piepel: Naja, zurück im Krisenmodus? Corona ist eine Konstante für uns. Im Sommer gab es weniger Patienten, aber wir müssen seit Ende Februar ununterbrochen mit dem Virus umgehen. Seitdem passen wir ständig an, wie viele Betten wir für Covid-­Patienten brauchen. Die 18 Zimmer auf der ersten Isolierstation reichten zuletzt einfach nicht mehr aus. Es kommen wieder viel mehr Patienten zu uns, die teilweise auch schwer an Corona erkrankt sind, also mussten wir die Kapazitäten dringend erhöhen.

Seit wann müssen Sie wieder mehr Patienten behandeln?

Seit etwa drei, vier Wochen nehmen die Zahlen zu. Es geht immer schneller. Wir bekommen jeden Tag mehr Corona-Erkrankte. Darunter sind auch zunehmend Patienten aus Risikogruppen, ältere Leute, Menschen mit Vorerkrankungen.

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Was heißt das für die Intensivstation?

Noch ist die Lage auf unserer Intensivstation gut beherrschbar. Es dauert immer etwas, bis man die steigenden Zahlen auch dort spürt. Die wenigsten Patienten kommen sofort auf eine Intensivstation. Momentan werden die Kapazitäten auf den Corona-Isolierstationen gesprengt. Noch nicht in dem Maße auf der Intensivstation.

Was ist, wenn auch auf Ihrer zweiten Isolierstation keine Betten mehr frei sind?

Dann würden wir uns erst mal mit den anderen Häusern im Klinikverbund absprechen. Sollten alle Krankenhäuser mit neuen Patienten völlig überschwemmt werden, müssten wir planen, eine weitere Station zu eröffnen. Aber das würde nicht gehen, ohne dass man andere Bereiche in der Klinik herunterfährt. Die Mitarbeiter fallen ja nicht vom Himmel.

Das Personal, das Sie auf der Corona-Station brauchen, fehlt woanders.

Die Pflegekräfte sitzen ja nicht zu Hause und warten, bis wir sie auf der Corona-Station brauchen. Das sind keine Mitarbeiter, die das Krankenhaus irgendwie übrig hat. Natürlich arbeiten sie eigentlich auf anderen Stationen, wo sie fehlen, wenn wir sie brauchen. Wir haben in Deutschland einen großen Mangel an Pflegepersonal, das ist ja nichts Neues. Die Klinken stehen deshalb wieder vor einem schwierigen Spagat.

Was meinen Sie?

Wir müssen aufpassen, dass die Krankenhäuser funktionsfähig bleiben. Der normale Betrieb muss irgendwie weitergehen. Es darf nicht sein, dass wegen Corona nicht mehr operiert werden kann. Dann sterben die Leute plötzlich an Erkrankungen, die man hätte behandeln können. Man muss sich klar machen: Es gibt immer Begleitschäden, wenn man die Versorgung in anderen Bereichen verringern muss. Aber klar ist auch: Wenn die Zahl der Corona-Patienten weiter so rasant steigt, fehlen bald die Mittel, um die Corona-Patienten angemessen versorgen zu können.

Und dann?

Wenn alle Bremer Kliniken von Corona-Patienten geflutet werden, wird es wieder darum gehen, ob man planbare, nicht unbedingt notwendige Operationen absagt oder chirurgische Abteilungen schließt.

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Wie wahrscheinlich ist das?

Wenn es nicht zu einer absoluten Kehrtwende kommt und die Patientenzahlen weiter so steigen, ist das ein sehr wahrscheinliches Szenario.

Erinnert Sie das nicht auch an die Situation im März?

Die Lage ist deutlich drastischer. Wir haben mehr Patienten als im Frühjahr. Das Infektionsgeschehen lässt sich auch in Bremen längst nicht mehr auf einzelne Ereignisse zurückführen. Das Virus hat sich so weit in der Bevölkerung ausgebreitet, dass nicht mehr klar ist, wer wen angesteckt hat. Wenn ich mit meinen Patienten spreche, merke ich, dass inzwischen kaum noch jemandem klar ist, wie es zur Infektion gekommen ist. Wenn man nicht weiß, wie oder über wen sich das Virus ausbreitet, kann man es kaum begrenzen. Das ist sehr bedenklich. Wir verlieren gerade die Kontrolle.

Wie gehen Sie damit als Ärztin um?

Diese Entwicklung bricht ja nicht schlagartig über mich und die Corona-Stationen herein. Peng, bumm, plötzlich ist die zweite Welle da – so darf man sich das nicht vorstellen. Es passiert allmählich, jeden Tag ein paar Fälle mehr. Und jeden Tag passt man sich daran an und versucht, Lösungen zu finden. Natürlich muss man vorausplanen und überlegen, was passiert, wenn in der nächsten Woche noch mal 40 Patienten dazu kommen. Ich stehe nun aber nicht mit schlotternden Beinen auf der Station und denke, um Himmels Willen, nun geht es los.

Sie machen sich aber schon Sorgen, oder?

Wenn sich das Virus weiter so ausbreitet, wird es für die Kliniken in Bremen schwer, alle Patienten gut zu versorgen. Natürlich besorgt mich die Vorstellung, dass Menschen irgendwann nicht mehr behandelt werden könnten, weil es an Platz und Personal fehlt. Das wäre das Horrorszenario. Aber ich kann und will mir nicht vorstellen, dass wir nun ungebremst in diese Lage reinlaufen.

Was stimmt Sie zuversichtlich?

Keiner von uns möchte, dass unsere Eltern oder Großeltern auf der Intensivstation liegen und nicht beatmet werden können, weil es an Geräten, Betten oder Personal fehlt. Ich denke, dass wir es als Gesellschaft schon hinkriegen werden, das zu verhindern. Das traue ich uns allen schon zu.

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Können Sie verstehen, dass viele das Virus nicht mehr ganz so ernst nehmen?

Für viele Menschen in Deutschland ist das große persönliche Unglück, das sich im Krankenhaus abspielt, nicht fassbar. Sie haben das Glück, niemanden in ihrem Umfeld zu haben, der schwer an Corona erkrankt ist. Für diese Menschen ist Corona ein unbekannter Gegner. Wahrscheinlich ist es normal, dass sie eine andere Wahrnehmung haben als ich. Als Oberärztin sehe ich täglich schwere Verläufe. Ich werde ständig damit konfrontiert, wie gefährlich diese Krankheit ist. Es ist wohl normal, dass ich mir mehr Sorgen mache als Menschen, die ein Leben führen, in dem sie fast nichts von der Pandemie mitbekommen.

Ärgert Sie der Leichtsinn mancher Leute nicht?

Natürlich ist es frustrierend, dass manche sich weigern, eine Maske zu tragen. Ich habe dann sofort meine Patienten vor Augen und denke: Mensch, ihr gefährdet hier Leben! Ich sehe täglich die Schwerkranken auf den Corona-­Stationen. Manchmal denke ich mir: Einige von ihnen müssten dort nicht liegen, wenn sich wirklich alle an die Abstandsregeln und Maskenpflicht gehalten hätten.

Seit Monaten kämpfen Sie gegen ein Virus, von dem immer noch manche behaupten, dass es harmlos sei oder gar nicht existiere. Fühlen Sie sich von denen nicht persönlich angegriffen?

Ich kümmere mich um die Patienten. Es ist nicht meine Aufgabe, irgendwen davon zu überzeugen, dass es eine Pandemie gibt. Wenn man täglich mit einem Virus zu tun hat, mutet es aber doch schon sehr außergewöhnlich an, wenn Menschen behaupten, dass es das gar nicht gibt. Wenn ich solche kruden Aussagen höre, denke ich mir: Interessant, dafür dass angeblich kein gefährliches Virus existiert, habe ich seit Monaten aber ganz schön viel damit zu tun. Persönlich angegriffen fühle ich mich dadurch aber nicht. Ich würde mir einfach nur wünschen, dass die Gesellschaft wieder solidarischer wird, um die Schwächeren zu schützen. Dem Virus ist es ja egal, was irgendwelche Corona-Leugner meinen. Die Pandemie ist da, und sie wird uns noch über Jahre begleiten.

Über Jahre?

Corona breitet sich seit Monaten weltweit aus. Da ist es relativ schwer zu glauben, dass sich das Virus plötzlich in Luft auflöst und im nächsten Frühjahr verschwunden ist. Wie soll das gehen?

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Im nächsten Jahr könnten Impfstoffe auf den Markt kommen.

Ja, vielleicht haben wir irgendwann Impfstoffe, die etwas taugen. Vielleicht gibt es irgendwann bessere Medikamente. Vielleicht lernen wir auf andere Weisen, mit der Pandemie umzugehen, etwa indem wir einen Schnelltest machen, bevor wir ins Theater oder Kino gehen. Vielleicht werden wir das Virus irgendwann besser kontrollieren können. Sicher ist dennoch: Diese Infektion wird noch lange da sein. Corona wird nicht plötzlich mit einem großen Knall verschwinden. Auch nicht dank einiger Impfstoffe. Wir werden weiter lernen müssen, mit diesem Virus zu leben.

Das Gespräch führte Nico Schnurr.

Info

Zur Person

Christiane Piepel ist Infektiologin und Internistin. Die Oberärztin leitet die Corona-Isolierstationen am Klinikum Bremen-Mitte. Piepel behandelte im Frühjahr den ersten Bremer Covid-Patienten. Sie zählt zu den führenden Corona-Experten in Bremen.

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