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„Offenes Essen“ am Bremer Hauptbahnhof

Brücken bauen zwischen Menschen - darum ging es beim „Offenen Essen“, welches unter anderem der Reservistenverband mitorganisierte. Die Teilnehmer bekamen warmes Essen und Süßigkeiten.
19.08.2019, 22:31
Lesedauer: 3 Min
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„Offenes Essen“ am Bremer Hauptbahnhof
Von Carolin Henkenberens
„Offenes Essen“ am Bremer Hauptbahnhof

Darf es ein Stück sein? Bundeswehr-Reservist Jochen Klein verteilt Kuchen. Am späten ­Nachmittag gibt es eine warme Mahlzeit für alle.

Frank Thomas Koch

Er ist in seinem Element. Jochen Klein geht durch die Bierbankreihen und fragt: „Kuchen, darf’s ein Stück Kuchen sein?“ Hände schnellen auf das Metallblech vor ihm. Nach wenigen Minuten sind alle Stücke weg. Klein marschiert zum Tresen, wo andere Freiwillige den Butterkuchen in den Ofen schieben, und verlangt Nachschub. „Kuchen, wir brauchen mehr Kuchen“, sagt er und lacht.

Jochen Klein, 71 Jahre alt, graues Haar und schlanke Statur, war zwölf Jahre Feldjäger bei der Bundeswehr. An diesem Montagnachmittag ist er mal wieder in eine Flecktarn-Uniform und die schwarzen – ja, wie er zugibt –, für diesen Augusttag ganz schön warmen Stiefel geschlüpft. Klein ist Reservist. Der Reservistenverband ist an diesem Tag Teil eines ­ehrenamtlichen Bündnisses, das das „Offene Essen für alle“ am Hauptbahnhof Bremen ­organisiert.

Offene Essen soll Brücken bauen

„Ich lieb’ die Action“, sagt Jochen Klein. „Nicht das Rumsitzen.“ Zum vierten Mal hilft er schon mit. Seit sieben Jahren gibt es das Offene Essen, das Brücken zwischen verschiedenen Gesellschaftsgruppen bauen soll. Ausgerichtet wird es außerdem von den Bremer Suppenengeln, dem Bündnis „Serve the City Bremen“ (übersetzt: Diene der Stadt), der Bahnhofsmission, der Evangelisch-Freikirchlichen Zellgemeinde und der Bremer Tafel. Den Kuchen stiftete eine Bäckerei, die Lebensmittel für das warme Essen verschiedene Supermärkte. Trinkwasser verteilt der örtliche Wasserversorger, nebenan lassen Friseure die Scheren klappern und verpassen Besuchern kostenfrei einen Haarschnitt.

Gekocht wird in einer Feldküche. Die Köche Wolfgang Pade aus Verden und Jan-Philipp Iwersen aus Bremen stehen an zwei riesigen Kochtöpfen. In dem einen brutzelt Hackfleisch, in dem anderen blubbert Kokosmilch. Es gibt vegane Tom-Kha-Gai-Suppe und eine orientalische Hackfleisch-Tomatensuppe, erklärt Iwersen. „Wir sind gut in der Zeit“, befindet Carsten Papenfuß. Der einstige Bundeswehr-Koch koordiniert die Arbeiten. Er ist seit sieben Jahren jedes Jahr dabei. So etwa 350 bis 400 Essen würden vorbereitet, sagt er. Er freut sich, dass das Wetter gut ist und dass er so viele lachende Gesichter sieht. Die „zufriedenen, traurigen Gesichter – genau in dieser Reihenfolge“, sind für Jochen Klein der Grund, warum er mithilft. „Die bleiben im Kopf“, sagt er.

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„Wir möchten gerne verschiedene Menschen an einem Tisch zusammenbringen“, sagt Jens Stangenberg, Leiter von „Serve the City Bremen“ und Pastor der Zellgemeinde. Das Vorbild der Aktion ist die internationale Bewegung Community Dinners (Gemeinschaftsessen). Die Idee ist, dass öffentliche Plätze anders definiert werden, also offen sind für jede und jeden. „Ich wünschte mir eine noch größere Mischung“, sagt Stangenberg mit Blick auf die Besucher.

Einige sind bewusst hergekommen. Pete ­Ording zum Beispiel. Er engagiert sich für Obdachlose, sagt er und zückt einen Flyer. „Solidarisch für alle, vor allem jene, die wenig bis nichts haben“ steht darauf. Ording möchte an diesem Tag Kontakte knüpfen, aber auch Bekannte und Gleichgesinnte wiedertreffen. Ihm gegenüber sitzt Dieter, der seinen Nachnamen nicht nennen möchte. Er war gerade beim Orthopäden hier am Bahnhof, da sah er, dass auf dem Bahnhofsvorplatz was los ist. Jetzt freut er sich über nette Gespräche.

Auf der Durchreise halt gemacht

Dieter lebt derzeit im Männerwohnheim der Inneren Mission. Einige Tische weiter sitzen Bodo und Marga Bastubbe aus Wismar. Sie sind auf der Durchreise, erzählen sie. „Wir waren auf einer Hochzeit in der Nähe von Emden“, sagt Marga Bastubbe. Die Musik habe sie angelockt, jetzt genießen sie die Atmosphäre. „Es ist gut organisiert hier“, lobt ihr Ehemann. „Der Kuchen schmeckt gut.“

Ins Gespräch gekommen mit anderen Besuchern sind sie bislang nicht. Das habe sich noch nicht ergeben. Einige Menschen, die aus dem Bahnhof kommen oder auf ihn zusteuern, schauen zögerlich. Als Brückenbauerin wirkt da Zoe. Die junge Frau macht derzeit ein Praktikum bei den Bremer Suppenengeln. Mit einem Lächeln geht sie auf die Leute zu und bietet Kuchen an. Einige eilen an ihr vorbei, sagen knapp „Nein“ oder winken wortlos ab. Viele aber bleiben stehen, freuen sich über das Angebot. Mit dem süßen Stück in der Hand bewegen sie sich langsam in Richtung der Bierbänke.

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