Autokorsos im Visier der Polizei Bremen

Offensive gegen Hochzeitskorsos

Bis Ende Juli hat die Polizei mehr Hochzeitskonvois, aus denen Straftaten und Ordnungswidrigkeiten begangen wurden registriert, als im ganzen Vorjahr. Sie setzt auf konsequentes Eingreifen und Aufklärung.
31.07.2018, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Offensive gegen Hochzeitskorsos
Von Sabine Doll
Offensive gegen Hochzeitskorsos

Im September vergangenen Jahres lief ein Hochzeitskonvoi auf dem Domshof aus dem Ruder, aus Schreckschusswaffen wurde in die Luft geschossen.

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Autokorsos, die aus dem Ruder laufen, beschäftigen die Bremer Polizei immer häufiger: Bis Ende Juli wurden bereits 29 Fahrzeugkolonnen gestoppt, aus denen heraus Straftaten und grobe Ordnungswidrigkeiten begangen wurden, wie Polizeisprecher Nils Matthiesen dem WESER-KURIER auf Nachfrage bestätigt. "Überwiegend handelte es sich um Hochzeitsfeiern, in zwei Fällen waren Ereignisse wie die Fußball-Weltmeisterschaft und die Präsidentschaftswahl in der Türkei der Anlass."

Damit ist bereits nach sieben Monaten die Zahl aus dem gesamten Vorjahr getoppt: 2017 hatte die Polizei 20 Hochzeitskonvois registriert, bei denen die Beteiligten Straftaten und Ordnungswidrigkeiten wie die Gefährdung des Straßenverkehrs begingen. Matthiesen: "Das ist schon sehr deutlich." Auf diese Entwicklung, die sich bereits seit Langem abzeichnet, hat die Polizei mit einer zweigleisigen Offensive reagiert: konsequentes Einschreiten und Schulung der Polizeibeamten – Information und Aufklärung von Hochzeitsgesellschaften auf der anderen.

Klares Konzept gegen Ordnungswidrigkeiten

"Die Polizei Bremen hat ein klares Konzept entwickelt, wie auffällige Fahrzeugkolonnen von den Beamten vor Ort bearbeitet werden", so der Sprecher. Korsos, aus denen heraus Straftaten und Ordnungswidrigkeiten begangen werden, würden gestoppt und kontrolliert. Mögliche Konsequenzen seien Durchsuchungen von Personen und Fahrzeugen, Anzeigen, das Beschlagnahmen von Fahrzeugen und Autoschlüsseln, ein Verbot der gemeinsamen Weiterfahrt sowie das Sicherstellen von Waffen und Munition, sollten diese bei der Durchsuchung gefunden werden.

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Die Teilnehmer des Korsos müssten außerdem damit rechnen, dass ihnen die Kosten für den Polizeieinsatz in Rechnung gestellt würden. Der Personalaufwand für die Einsätze ist erheblich: "Bei den bereits in diesem Jahr 29 gestoppten Konvois waren mehr als 130 Streifenwagen im Einsatz", so Matthiesen. Bei schwerwiegenden Verstößen müssten die Fahrer außerdem mit Punkten in Flensburg oder dem Entzug des Führerscheins beziehungsweise der Fahrerlaubnis rechnen. Und: Werde mit Waffen geschossen, gehe die Polizei von Echtwaffen aus und schreite bewaffnet ein. Matthiesen: "Wir haben da eine Null-Toleranz-Linie. Unsere Einsatzkräfte sind gehalten, jedes Fehlverhalten der Konvoi-Teilnehmer zu sanktionieren."

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All diese Konsequenzen sind in deutscher und türkischer Sprache in einem Flyer der Polizei Bremen aufgelistet. Wie berichtet, wird er in diesen Tagen an Veranstaltungsorten, Kulturvereinen und Brautmodengeschäften verteilt. Das Faltblatt ist der Teil der Polizei-Offensive, der auf Aufklärung setzt. Warum die Verhaltensregeln einzig auf Türkisch übersetzt seien, begründet der Sprecher damit, dass "wir es bislang hauptsächlich mit türkischen Hochzeitskonvois zu tun haben". Neben den möglichen Konsequenzen appelliert die Polizei an die Hochzeitsteilnehmer: "Die Polizei Bremen gratuliert Ihnen recht herzlich zur Hochzeit und wünscht Ihnen einen besonderen Tag." Und: "Damit dieser Tag störungsfrei und unbeschwert verläuft, beachten Sie bitte für die Fahrt zum Veranstaltungsort und für die Feier Folgendes."

Bremer Polizei ist Vorreiter

Nach Angaben des Sprechers ist die Bremer Polizei mit dieser Aufklärungskampagne ein Vorreiter: "Wir glauben, dass das etwas bringt, wenn ganz klar formuliert wird, was erlaubt ist und was nicht. Und was als Konsequenzen droht, wenn man sich nicht daran hält." Zu unterlassen sind laut Flyer Autokorsos, die den Verkehr behindern, das Mitführen von Waffen, das Zünden von Feuerwerkskörpern und das Abfeuern von Waffen jeglicher Art.

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Anlass für die Ansagen sind unter anderem Erfahrungen aus der jüngsten Vergangenheit: Im September vergangenen Jahres etwa fuhr eine türkische Hochzeitsgesellschaft mit 33 Fahrzeugen zunächst nur laut hupend durch die Innenstadt. Dabei blieb es allerdings nicht: Auf dem Domshof machte die Autokolonne halt, die Teilnehmer zündeten Böller und schossen mit Schreckschusswaffen in die Luft. Eine Zeugin, die die Szene vom Café "Alex" aus miterlebte, berichtete dem WESER-KURIER damals: "Rauchschwaden stiegen auf, von den bremsenden Autos verursacht." Als die Schüsse fielen, seien Restaurantbesucher erschrocken aufgesprungen. Der Vorfall habe zehn bis 15 Minuten gedauert.

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Bei dem Polizeieinsatz wurden zwei Gaspistolen, diverse Magazine mit Munition, zwei Teleskop-Schlagstöcke und ein Einhandmesser beschlagnahmt. Etliche erhielten Strafanzeigen wegen Verstößen gegen das Waffen- und Sprengstoffgesetz, andere mussten mit Bußgeldern wegen Verkehrsverstößen rechnen. 13 Streifenwagen waren auf dem Domshof im Einsatz.

Hochzeitskorsos auf Autobahnen

Immer wieder kommt es laut Polizeimeldungen auch auf Autobahnen wegen Hochzeitskorsos zum Einsatz. Im Mai dieses Jahres etwa besetzten drei Autos die Fahrstreifen der A1 und bremsten damit den restlichen Verkehr aus. Vor diesen drei Fahrzeugen pendelte ein Wagen in Schlangenlinien auf allen drei Fahrstreifen hin und her. Oder: Im August vergangenen Jahres waren 80 Fahrzeuge eines Hochzeitskonvois so langsam auf der A 27 unterwegs, dass sie die Autobahn regelrecht blockierten.

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