Stille auf dem Parkett

Tanzschulen leiden unter der Pandemie

Abgesagte Bälle, Kurse nur noch online: Die Tanzschulen in Bremen und umzu haben schon bessere Tage gesehen. Hier und da droht sogar das Aus.
30.04.2021, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Matthias Holthaus
Tanzschulen leiden unter der Pandemie

Hartmut Hergert ist Geschäftsführer der Tanzschule Renz, die seit mittlerweile fünf Monaten geschlossen ist. Damit der Betrieb nicht komplett stillsteht, wurden diverse Angebote erarbeitet, die auch zu Corona-Zeiten machbar sind.

Roland Scheitz

„Wir sind dabei, den Galaball in den April 2022 zu verlegen. Dann gibt es die Tanzschule Renz nicht mehr 50, sondern 52 Jahre“, sagt Geschäftsführer Hartmut Hergert. Freiwillig verlegt er den Ball nicht, doch die pandemiebedingten Umstände lassen ihm keine Wahl. Und nicht nur der Galaball kann in diesem Jahr nicht stattfinden, auch die üblichen Tanzkurse fallen seit längerer Zeit aus.


„Wir bieten momentan viel Streaming, um die Kunden bei uns zu behalten“, erzählt er. „Und wir veranstalten zwischendurch Online-Treffen, um uns auszutauschen. Das Einzige, was real angeboten werden darf, sind Privatstunden, also das Tanzpaar und der Lehrer.“ Es gibt auch Tanzfiguren für zu Hause. „Die kann man sich dann jederzeit online anschauen.“


Was es noch gibt, ist ein „Beer-Tasting“ in Zusammenarbeit mit der Union-Brauerei. „In der Tanzschule wird alles aufgebaut, anschließend werden die Kunden zugeschaltet“, erzählt er. Zuvor haben Mitarbeiter sechs verschiedene Biersorten bei den Teilnehmenden vorbeigebracht. „Dann wird online ein Bier-Sommelier etwas dazu erklären.“ Und wer kein Bier mag – geplant sind auch Wein- und Schokoladenproben.


Die vielfältigen Aktivitäten können das grundsätzliche Dilemma jedoch nicht verdecken: „Seit fünf Monaten ist die Tanzschule nun geschlossen, das ist frustrierend ohne Ende.“ Zwar gebe es zu 90 Prozent eine Betriebskostenerstattung, an die Unternehmer werde jedoch nicht gedacht. Das Kurzarbeitergeld in Höhe von 60 Prozent des Nettolohns werde von der Tanzschule für die Mitarbeitenden auf 80 Prozent aufgestockt. „Es gibt Firmen, die über 50 Jahre bestehen und dann wird das innerhalb eines Jahres zerstört. Das ist bitter“, sagt er.


Dana Wiesenbach von der „Tanzschule Tanzarena“ meint, es werde ein Tanzschulsterben geben: „Das werden nicht alle überleben.“ Die Tanzarena unterrichtet ihr komplettes Programm online und live. „Unsere treuen Kunden machen das gut mit“, sagt sie, „und Anfängerkurse sind im heimischen Wohnzimmer kein Problem, nur bei einem höheren Level wird es raumgreifender.“ Diese Tanzstunden können dann bei Bedarf gestreamt werden, zudem bietet auch die Tanzarena Privatstunden an. Generell falle jedoch Lehrern wie Tänzern die Decke auf den Kopf, „und so ein leerer Tanzsaal ist kein schöner Anblick für uns.
Es ist bestürzend, dass man so lange in einer Situation ist, die man nicht beeinflussen kann.“ Sie würden mitunter auch vom Lehrer zum Psychologen.

Sozialarbeit sei ihre Tätigkeit dann - „während der Onlinekurse schnacken wir auch viel.“ Tanzschulen hätten einen sozialen Auftrag, Menschen träfen sich, es entstünden Freundschaften: „Das ist ja auch ein Gruppengefüge. Das sechs Monate nicht zu erlauben, wird uns vor die Füße fallen.“ Und auch sportlich sei es eine Vollkatastrophe: „Die Jugend ist zur Couch-Potato geworden, die kriegt man nicht mehr bewegt. Das schätze ich sogar als ein noch größeres gesellschaftliches und auch gesundheitliches Problem ein.“


Sie sieht nun das Ende der Fahnenstange erreicht, sechs Monate Schließung seien zu lang. Denn vor allem die Anfängersaison falle weg: „Wir hoffen mal, den Sommer zu überleben, wenn das so weitergeht. Wenn keine Neuen kommen, funktioniert das System nicht mehr.“


Auch die Etage-Tanz und Bewegung ist vom langen Lockdown betroffen. „Wir haben nur ein paar neue Anmeldungen, aber das reicht nicht“, sagt Leiterin Eva Raquet. Wobei die Etage schon früh auf das digitale Element gesetzt hat: „Wir machen bereits seit dem ersten Lockdown Onlinekurse für unsere 21 Angebote pro Woche. Das machen wir auch, damit die Dozenten weiterarbeiten können.“


Die drei Räume der Etage sind sämtlich mit Kamera und Beamer ausgestattet, „dadurch hat der Teilnehmer fast das Gefühl, präsent zu sein. Man kann die Kamera so stellen, dass die Leute das Gefühl haben, hinter den Lehrern zu stehen. Wir erzeugen eine Unterrichtssituation.“ Und auch eine Bühne habe die Etage, wo ebenfalls gestreamt werden könne: „Dort entstehen gerade Tanz- und Theaterstücke sowie Konzerte.“ Auch Sitzungen und Parteitage seien da möglich und Eva Raquet glaubt, dass der Bedarf auch nach der Pandemie bestehen bleibe. „Deswegen investiere ich in die Technik.“


Insgesamt hätten sie sich ein Bein ausgerissen, um weiterzumachen, und doch: „In normalen Zeiten hätten wir dichtmachen müssen.“ Einzig der Umstand, dass die Insolvenzantragspflicht aufgrund der Pandemie ausgesetzt wurde, hat den Betrieb vorerst gerettet.


„Es gibt keine Perspektive, die Tanzschulen fallen hinten über“, meint sie, und überhaupt sei es ein Wunder, dass es sie noch gibt. „Und dass viele Kunden das noch mitmachen. Doch die Frage ist, wie lange noch.“ Die Etage bekomme laut Eva Raquet aufgrund eigener Einnahmen keine Überbrückungshilfen, und mit den Überbrückungsgeldern und ohne Einnahmen wäre sie theoretisch besser dran: „Aber dann wären auch meine Kunden weg“, sagt sie.

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